Indiens Logistiksystem wandelt sich. Manche Ansätze könnten auch für den Westen interessant sein.

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Start-ups, die das Zeug haben, eine ganze Branche durcheinanderzuwirbeln, kommen nicht nur aus dem Silicon Valley. Sie können beispielsweise auch in Gurgaon entstehen, einer Satellitenstadt der indischen Metropole Delhi.

Dort hat etwa das 2014 gegründete Unternehmen Rivigo seinen Sitz, das mit seiner überraschenden Herangehensweise ein altes Prinzip im Bereich der Logistik wiederauferstehen lässt, um eine Antwort auf aktuelle Herausforderungen im Transportwesen zu geben.

Zu wenige Fahrer

Indien hat mit weit über 1,3 Milliarden Einwohnern und einer stark wachsenden Wirtschaft Logistikbedürfnisse, die mit den bislang üblichen Mitteln kaum mehr zu stemmen sind. "Langfristig betrachtet wird es in Indien viel zu wenig Lkw-Fahrer geben. Schätzungen gehen davon aus, dass in den kommenden Jahren eine Million Lenker fehlen werden", berichtet Katja Schechtner.

Die Stadt- und Verkehrsforscherin ist als Research Fellow am Senseable City Lab Boston des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und als Advisor for Innovation and Technology bei der OECD in Paris tätig.

"Ähnliches gilt aber auch für Europa und die USA. Hier geht man davon aus, dass bis 2030 insgesamt etwa 800.000 Lkw-Fahrer fehlen werden." Viele Menschen sind einfach nicht mehr bereit, einen Job zu machen, bei dem man wochenlang in der Fahrerkabine schläft.

Staffelprinzip

Rivigo hat für Indien ein Lkw-Netzwerk entworfen, bei dem kaum ein Fahrer mehr auswärts schlafen muss und das gleichzeitig die Effizienz und Schnelligkeit der Transporte drastisch erhöht.

Die Systematik dahinter ist wohlbekannt – etwa aus der Geschichte des Wilden Westens, wo noch vor den Telegrafen eilige Nachrichten per Pony-Express weitervermittelt wurden. Schnelle Reiter pendelten dabei mit immer frischen Pferden auf Etappen von etwa 150 Kilometern hin und her. Am Ende des Abschnitts gab man die Nachrichten an den nächsten Reiter weiter und bekam andere für den Rückweg.

Dieses Relay- oder Staffelprinzip wendet Rivigo nun – aufgepeppt mit modernen Steueralgorithmen – auf den Lkw-Verkehr des indischen Subkontinents an. "Die Fahrer des Start-ups fahren von ihrer Heimatstadt aus sechs Stunden in die eine Richtung, tauschen dort mit einem Lenker, der aus der Gegenrichtung kommt, das Fahrzeug und fahren dieselbe Strecke wieder zurück", skizziert Schechtner das System.

Damit schlagen sie drei Fliegen mit einer Klappe: Die Fahrer sind nach einer Schicht, die dort noch zwölf Stunden dauert, wieder zu Hause bei ihrer Familie. Die Lkws haben keine Stehzeiten während der Schlafpausen mehr – sie sind ständig in Bewegung. Damit erhöht sich die Transportgeschwindigkeit – laut Rivigo um bis zu 60 Prozent.

Eine Fahrt von Bangalore nach Delhi dauere demnach nicht mehr 96, sondern nur mehr 44 Stunden. Zudem kann die Fahrzeugflotte besser genutzt und somit auch schneller erneuert werden, was wiederum zu besseren Abgaswerten führt.

"Menschliche Logistik"

Rivigo wächst stark. Mit mehr als 70 Relaisstationen und über 5000 Fahrzeugen – die übrigens anders als bei Plattformen à la Uber alle dem Unternehmen gehören – deckt Rivigo weite Teile Indiens ab. Die besseren Bedingungen für die Lkw-Lenker schreibt man sich auch auf die Fahne: "Logistik menschlich machen" lautet einer der Slogans.

Dass die Fahrer jeden Tag nach Hause kommen, sieht man aber auch als sicherheitsrelevanten, unfallvermindernden Aspekt. Koordiniert wird das unübersichtliche "Ballett" aus Tausenden Fahrern über Lkws, die mit eigens entwickelter Sensorik ausgestattet sind, sowie mittels Big-Data-Auswertungen, die Fahrzeuge, Ladung und Lenker in geeigneter Form zusammenbringen.

Wäre dieses System nun auch etwas für westliche Staaten, in denen bereits viel vom baldigen Einsatz selbstfahrender Lastwagen die Rede ist? Immerhin hat Rivigo 2019 auch schon ein US-Patent für sein Relaissystem angemeldet.

"Man sollte sich in Europa und in den USA auf alle Fälle von den Verkehrsinnovationen aus Entwicklungs- und Schwellenländern inspirieren lassen", betont Schechtner. Autonomer Lastwagenverkehr ist zwar auf "unkomplizierten" Überlandstrecken absehbar.

Die letzte "Staffel" in die und aus den urbanen Räumen wird aber noch länger menschliche Lenker nötig machen – allein schon hier wäre die indische Lösung also anwendbar. (Alois Pumhösel, 18.11.2020)