US-Soldaten in der afghanischen Provinz Logar: Wenn sie überstürzt abzögen, wären die unmittelbaren Gewinner die Taliban.

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Am Dienstag schwappte die Nervosität über den Atlantik: Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg warnte vor dem "sehr hohen Preis", der zu zahlen sei, falls Noch-US-Präsident Donald Trump die Truppen in Afghanistan zu rasch reduziere. Diesbezügliche Berichte waren am Montag aufgetaucht und bestätigten sich am Dienstag: Trump will bis zu seiner Amtsabgabe weitere 2000 US-Soldaten der etwa 4500 verbliebenen in Afghanistan heimholen.

Auch die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer erinnerte daran, dass die Verhandlungen zwischen Taliban und der afghanischen Regierung derzeit nicht so gut liefen: Ein Friedensvertrag sowie die Verpflichtung der Taliban, Al-Kaida und den "Islamischen Staat" von afghanischem Territorium fernzuhalten, sollten ja die Basis für einen Abzug der US- und Nato-Truppen fast zwanzig Jahre nach 9/11 und der Intervention in Afghanistan sein. Aber so weit ist es eben noch nicht.

McConnells Warnung

Am drastischsten drückte es ausgerechnet einer der Nibelungentreuen, Trumps Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, aus: Das könnte eine Reprise des "demütigenden Abzugs Amerikas aus Saigon im Jahr 1975" werden, sagte er: "Die Folgen eines voreiligen US-Exits würden wahrscheinlich schlimmer werden als die des Rückzugs von Präsident Obama aus dem Irak 2011, der den Aufstieg des IS und eine neue Runde globalen Terrorismus entfachte."

Wobei man anmerken könnte, dass die Vorgängerorganisation des IS bald nach dem Einmarsch der US-Truppen im Irak 2003 gegründet wurde und noch Obamas Vorgänger George W. Bush den US-Abzugsplan und das Datum Dezember 2011 mit den Irakern ausgehandelt hatte.

Rascher als erwartet

Die Entscheidung kam dann rascher als erwartet, schon am Dienstag: Wie in Afghanistan werde auch im Irak die Truppenstärke bis 15. Jänner auf 2500 Mann reduziert, verkündete der geschäftsführende Verteidigungsminister Christopher Miller. Im Irak bedeutet das 500 US-Soldaten weniger. Laut New York Times wäre auch Somalia betroffen, von dort soll das gesamte verbliebene Personal, 700 Personen, zurückgeholt werden.

Aber am meisten Aufsehen erregt der Afghanistan-Plan. Die Entlassung von Verteidigungsminister Mark Esper vor einer Woche war bereits in diesem Zusammenhang zu sehen, er wollte Trumps Wunsch nicht stattgeben. Ob Trump mit den Truppenreduktionen wirklich nur noch rasch alte Wahlversprechen erfüllen will – genau gesagt wollte er "die Kriege beenden" – oder ob er etwas anderes im Sinn hat, ist unklar. Vielleicht reagiert er auch darauf, dass regionale Verbündete – auch seine besten Freunde, die Saudis – Joe Biden inzwischen zum Wahlsieg gratuliert haben. Dass sie selbst für die Sicherheit in ihrer Region sorgen sollten, war ein wiederkehrendes Motiv während seiner Amtszeit.

Trotz der Kritik auch aus eigenen Reihen gibt es jedoch laut Washington Post auch Offizielle im Pentagon, die die verbleibenden 2500 Mann in Afghanistan für ausreichend halten, um die Konterterrorismus-Aufgaben zu erfüllen. Andere meinen, dass die Unterstützungsleistungen der USA für Truppen aus anderen Staaten – von Luftunterstützung und logistischem Support bis zu medizinischer Versorgung – gefährdet wären. Das könnte auch deren Abzug beschleunigen, zur Freude der Taliban, die gegenüber der afghanischen Regierung gestärkt würden.

Sensible Ausrüstung

Eine andere Frage betrifft sensible Ausrüstung und Dokumente, deren Verlegung mit Anlaufzeit geplant werden müsste, um geordnet vor sich zu gehen. Das Gegenteil ist wohl das Saigon-Szenario.

Abzugsdebatten begleiteten die Präsidentschaft Trumps. Rund um seine Abzugswünsche aus Syrien gab Anfang 2019 auch Verteidigungsminister Jim Mattis auf. Der Rausschmiss Espers zeigte den Willen Trumps, sich diesmal durchzusetzen. Generalstabschef Mark Milley und US-Central-Command-Chef Kenneth McKenzie sind klare Gegner einer Reduktion, während Espers Nachfolger Miller lavierte und Trumps Sicherheitsberater Robert O’Brian seinem Chef nach dem Mund redete.

Schlag gegen den Iran?

Bereits im Oktober – aber da war noch Wahlkampf – hatte Trump sogar getweetet, dass er "bis Weihnachten" restlos alle Soldaten aus Afghanistan abziehen wolle. Nun wird der Mai genannt.

In Bezug auf eine andere Front – Iran – soll Trump jedoch vorige Woche mit seinen Beratern Optionen erkundet haben, iranische Nuklearanlagen mit einem Militärschlag zu zerstören. Die Ablehnung sei jedoch einhellig gewesen. Wenn Trump das durchziehen würde, müssten vor allem die im Irak verbliebenen Amerikaner mit Racheaktionen direkt durch den Iran oder dessen irakische Stellvertreter, die Milizen, rechnen. Dazu passt die geplante Reduktion um 500 US-Soldaten auf 2500 freilich nicht. Vielmehr wäre zu erwarten, dass Trump im Vorfeld eines US-Angriffs im Iran eine andere Drohung wahr macht: die US-Botschaft in Bagdad räumen zu lassen. Am Dienstagabend wurde sie mit Raketen angegriffen. (Gudrun Harrer, 17.11.2020)