Dieser Ire hält sich – jedenfalls auf diesem Bild – vergleichsweise peinlich genau an die Vorgaben.

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In schwierigen Situationen nichts zu tun ist eine keineswegs nur in der Politik bewährte Maxime. Daran hat sich jetzt die irische Regierung erinnert und damit eine drohende Verfassungskrise abgewendet. Weil ein Richter am Dubliner Supreme Court an einer Corona-Party teilgenommen und gegen den Wunsch des Gerichtspräsidenten seinen Rücktritt verweigert hatte, wurde aufgeregt über ein Impeachment-Verfahren spekuliert. Lieber nicht, teilte jetzt Premierminister Michéal Martin dem Parlament mit: "Der Schutz der Judikative unter der Verfassung ist am besten gewährleistet, indem wir keine weiteren Schritte unternehmen."

Der erst im Juni ans höchste Gericht berufene Séamus Woulfe nahm im August am zweitägigen Fest des parlamentarischen Golfklubs mit Miniturnier, mehrgängigem Festessen und anschliessender Tombola teil. Dabei fiel weder den Veranstaltern noch einem der politisch glänzend vernetzten Teilnehmer, darunter hochrangige Politiker, Journalisten und Richter, auf: Ihr frohes Gezeche verstieß eklatant gegen erst tags zuvor erlassene Verschärfungen der Corona-Regeln. Beispielsweise hätten sich lediglich sechs Personen aus drei verschiedenen Haushalten im gleichen Raum aufhalten dürfen statt der – je nach Bericht – drei Dutzend oder mehr als 80.

Der Entrüstungssturm in der von Covid-19 heftig gebeutelten Bevölkerung fegte rasch zwei Minister, mit einwöchiger Verspätung auch EU-Handelskommissar Phil Hogan, aus ihren Ämtern. Richter Woulfe aber beließ es bei einer halbherzigen öffentlichen Entschuldigung, woraufhin Gerichtspräsident Frank Clarke seine Vorgängerin im Amt mit einer internen Prüfung beauftragte. Auch in diesen Gesprächen mit Susan Denham zeigte sich der Richterneuling nicht sonderlich zerknirscht, ließ sogar Kritik an der Corona-Politik der Regierung laut werden. Der hochangesehenen ersten Frau im Amt der Verfassungsgerichtspräsidentin habe Woulfe "glasklare Arroganz" entgegengebracht, lautet das Urteil von Kathy Sheridan, einer Kolumnistin der liberalen "Irish Times".

Meinungsverschiedenheiten

Offenbar sah Clarke dies ebenso. Denhams Schlussfolgerung empfahl einen strengen Verweis für Woulfe sowie einen Gehaltsabzug für die Monate, in denen er seiner Aufgabe nicht nachgehen konnte. Hingegen wäre ein Rücktritt "ungerecht und unangemessen". Das sah der amtierende Gerichtsvorsitzende, offenbar unterstützt von seinen Kolleginnen im Amt, anders: Woulfe habe dem Supreme Court "sehr schweren und nicht behebbaren Schaden" zugefügt und solle deshalb zurücktreten, teilte er dem 58-Jährigen und gleichzeitig der Öffentlichkeit mit.

Woulfes Weigerung stürzte, so schien es, die 99 Jahre alte Republik in eine Krise. Die Verfassung enthält zwar mit Artikel 35 die Möglichkeit, einen Höchstrichter vom Parlament abwählen zu lassen. Erfüllte Woulfes Corona-Party aber die Voraussetzung des "festgestellten Fehlverhaltens"? Und was bedeutet dies überhaupt? Keine Ahnung, teilten Verfassungsjuristen achselzuckend mit. Auch ein Präzedenzfall fehlte.

Das Gezanke der Spitzenjuristen kam für die ohnehin wackelige Koalition aus Premier Martins nationalkonservativer Fianna Faíl (FF), der liberalkonservativen Fine Gael (FG) des Vizepremiers Leo Varadkar und der Grünen zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt – denn die Bekämpfung von Sars-CoV-2 und die Endphase der EU-Verhandlungen mit Großbritannien fordert Dublins volle Aufmerksamkeit.

Postenüberlegungen

Entsprechend zögerlich machte sich Martin ans Werk, rief vergangene Woche die Spitzen der Oppositionsparteien zusammen und dachte übers Wochenende mit seinen Beratern über die eleganteste Lösung der unerfreulichen Affäre nach. Sollte man dem 58-Jährigen Woulfe, der bei guter Gesundheit bis zum vorhergesehenen Pensionsalter noch zwölf Jahre amtieren könnte, irgendeinen anderen schönen Posten besorgen? Schließlich hatte der frühere FG-Politiker und Generalstaatsanwalt im Sommer bei der Regierungsbildung seinen Platz am Kabinettstisch verloren; würde ihm nun auch der Sitz am höchsten Gericht entzogen werden, wäre wohl eine Entschädigung fällig geworden.

Viel zu kompliziert, fand die Koalition und entschied sich, den leidigen Konflikt einfach ans Gericht zurückzugeben: Sollen Clarke, Woulfe und Co doch sehen, wie sie miteinander zurechtkommen. Ohnehin treffen sich die Streithähne erst im neuen Jahr wieder, denn der Corona-Sünder hatte schon vorab einer Nachdenkpause bis zum Februar zugestimmt, in der sein Gehalt an Wohlfahrtsverbände überwiesen wird. (Sebastian Borger aus London, 19.11.2020)