Vier Milliarden Menschen könnten laut Wissenschaftern 2050 übergewichtig sein.

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Wo leben die meisten dicken Menschen der Welt? Die Antwort: nicht in den westlichen Großstädten, nicht in den McDonald's-Hochburgen Amerikas, sondern auf den kleinsten Inseln im Pazifik: Auf Nauru, den Cookinseln, Palau, Tuvalu und Samoa ist schon jetzt jeder zweite Erwachsene fettleibig – ein Problem, das zu immer häufigeren gesundheitlichen Beschwerden auf den Inseln führt und Experten zufolge dem Import von westlichem Junkfood zuzuschreiben ist, das die lokale Küche in den letzten Jahren zunehmend ersetzt hat.

Und auch sonst könnten beim Thema Essen die Gegensätze kaum größer sein: Es gibt weltweit zu viele, die zu viel essen, und zu viele, die zu wenig zu essen haben. Laut den Vereinten Nationen sind weltweit 815 Millionen Menschen unterernährt und rund zwei Milliarden übergewichtig. In den vergangenen 40 Jahren habe sich die Zahl der Menschen, die an Fettleibigkeit leiden, mehr als verdreifacht. Dabei ist Übergewicht nicht nur ein Problem der Industriestaaten: Auch in Entwicklungsländern gibt es immer mehr Übergewichtige, die oft Seite an Seite mit unterernährten Menschen leben.

Größere Kluft

Diese Kluft werde in Zukunft noch zunehmen, heißt es in einer neuen Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Im Jahr 2050 könnten bereits mehr als vier Milliarden Menschen – knapp die Hälfte der Weltbevölkerung – übergewichtig sein, davon 1,5 Milliarden fettleibig. Gleichzeitig könnten weiterhin 500 Millionen Menschen unterernährt sein.

Ursache für die Fettleibigkeit ist laut den Forschern, dass ungesundes fett- und zuckerreiches Essen und Fleisch immer mehr pflanzliches, wenig verarbeitetes Essen verdrängt. Übergewichtigkeit treffe vor allem Kinder in Städten, wo es eine größere Auswahl an Essen gibt, und werde verstärkt durch weniger Sport, größeren Zugang zu Fernsehen, wenig Schlaf und wachsende Transportangebote.

Steigende Nachfrage

Auch in Zukunft werde es genug Nahrung auf der Welt geben. Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln werde bis 2050 um etwa 50 Prozent steigen, und die Nachfrage nach Fleisch und Milch werde sich bis dahin verdoppeln, wodurch immer mehr Land für die Produktion nötig wäre, heißt es in der Studie. Die größte Steigerung komme durch Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum in Indien und Afrika. Wären 2050 alle übergewichtigen und fettleibigen Menschen normalgewichtig, würde sich der Nahrungsbedarf um sieben Prozent reduzieren.

Weniger Verschwendung

Die größten Einsparungen bei der Produktion wären allerdings dadurch möglich, dass Nahrungsmittelverschwendung reduziert wird. Das Problem sei, dass Menschen in reicheren Ländern die wirtschaftlichen und ökologischen Folgen der Verschwendung nicht spüren, so die Forscher. Zudem sollte die Ernährung nicht rein an Kalorien gemessen werden. Denn in Zukunft werden viele Menschen vor allem in Entwicklungsländern zwar mehr Kalorien zu sich nehmen, dafür aber voraussichtlich weniger Vitamine und Mineralstoffe.

Die Experten raten deshalb dazu, mehr Ernährungsbildung an den Schulen und Krankenhäusern anzubieten. Werbung für ungesunde Snacks sollte stärker reguliert werden. Einige Länder haben schon einen Weg vorgegeben: In Brasilien senkte die Regierung die Steuern auf einige frische Nahrungsmittel und führte an den Schulen Ernährungskurse ein. Mexiko war das erste Land, das 2014 eine höhere Abgabe auf künstlich gesüßte Getränke einführte, nun ziehen auch andere Länder nach. (Jakob Pallinger, 20.11.2020)