Die Infektionsraten müssten deutlich gesenkt werden, das könnten wir mit den jetzigen Maßnahmen auch erreichen, betont der Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer, Herwig Lindner.

Foto: Getty Images

Viele Berufsgruppen sind aktuell sehr gefordert. Eine von ihnen sind Ärztinnen und Ärzte, die an der Front an der Bekämpfung der Pandemie arbeiten und gleichzeitig im Hintergrund versuchen, durch die Behandlung von anderen Patienten das Gesundheitssystem so gut wie möglich zu entlasten. Wie es aus ihrer Sicht um die Pandemiekontrolle steht, darüber informierte nun die Ärztekammer (ÄK) gemeinsam mit Experten bei einer Pressekonferenz am Donnerstag.

"Es besteht Hoffnung, dass wir mit diesem zweiten Lockdown mit zeitlicher Verzögerung am Worst Case vorbeigeschrammt sind", so ÄK-Präsident Thomas Szekeres, der gleichzeitig an die Bevölkerung appelliert, weiterhin alle Regeln einzuhalten, um einen langfristigen Rückgang der Zahlen zu erzielen. "Denn im Spitalsbereich befinden wir uns bereits entscheidend an den Kapazitätsgrenzen, vor allem, was die Intensivstationen betrifft." Eine Verschlechterung zu vermeiden sei das oberste Ziel.

Praxen geöffnet

Anders als während des ersten Lockdowns sind Ordinationen und Spitalsambulanzen diesmal geöffnet. Terminvereinbarungen sind aber nötig, um die Sicherheit zu gewährleisten. "Das ist die Vorgabe, um sichere Bedingungen zu schaffen und Infektionen zwischen Personal und Patienten zu vermeiden", sagt Szekeres und betont: "Niemand muss Angst haben, Ordinationen oder andere medizinische Versorgungseinrichtungen zu besuchen. Für alle diese Orte gibt es Sicherheitskonzepte, die das Infektionsrisiko minimieren. Wenn Sie sich also nicht gut fühlen und Beschwerden haben, suchen Sie bitte unbedingt einen Arzt auf."

Ärztinnen und Ärzte behandeln nach wie vor und sollen verhindern, dass sich bestehende Krankheitsbilder verschlechtern und die Therapie dadurch schwieriger wird oder ein Krankenhausaufenthalt notwendig wird, der vermeidbar gewesen wäre. Zudem solle auch die telefonische Krankschreibung genutzt werden, die nun wieder möglich ist, so die Ärztekammer.

Denn Studien zeigen, dass Menschen mit anderen Erkrankungen in der Krise oft zu kurz gekommen sind. Seit Beginn der Pandemie gab es mehr tödliche Herzinfarkte, weil Patienten zu spät oder gar nicht ins Spital kamen. Psychische Erkrankungen haben sich wegen Therapieunterbrechungen verschlimmert. "Patienten müssen sich auch im Lockdown in die Ordinationen und Spitäler trauen und dürfen alle notwendigen Untersuchungen und Behandlungen nicht länger aufschieben. Ärztliche Versorgung ist ein Menschenrecht", betont auch Herwig Lindner, Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer.

Hoffnung auf Impfstoff

"Ich hoffe, dass wir es schaffen werden, möglichst bald einen Impfstoff nach Österreich zu bringen", so Szekeres. Denn ein Ende der Pandemie sei erst mithilfe wirksamer Medikamente oder einer wirksamen und sicheren Impfung möglich.

Als positiv stuft der ÖÄK-Präsident die jüngsten Nachrichten zu potenziellen Impfstoffkandidaten sein. "Wichtig ist, bereits jetzt die Strukturen für das Management einer Corona-Impfung zu schaffen", erklärt er. Je nach Impfstoff ist das Handling mehr oder weniger aufwendig. "Wir müssen für alle Eventualitäten vorbereitet sein, damit schnell losgelegt werden kann, sobald der Impfstoff genehmigt wurde. Umso schneller können wir die Pandemie hinter uns lassen."

"Was man aber tun kann, ist Plasma spenden", so der Mediziner weiter. Denn mit dem Plasma von Genesenen können schwerkranke Covid-Patienten behandelt werden. "Dieses sogenannte Rekonvaleszentenplasma kann einen großen Beitrag dazu leisten, dass bei aktuell Erkrankten der Krankheitsverlauf erleichtert oder verkürzt wird", betont Szekeres. Gerade jetzt, wo freie Intensivbetten dringend gebraucht werden, kann eine Rekonvaleszentenplasmaspende in doppeltem Sinne Leben retten.

Strategie für Österreich

Um die Situation in Griff den zu bekommen, ist laut dem ÄK-Vizepräsidenten und Infektiologen Lindner "eine konsequente österreichweite Strategie zur Infektionsvermeidung gefragt. Mir ist es zu wenig, zu sagen, wir haben die Pandemie ein wenig unter Kontrolle. Wir müssen sie komplett unter Kontrolle bringen", so Lindner.

Ein "Fleckerlteppich an Maßnahmen wie im vergangenen Sommer" biete dem Virus immer wieder Möglichkeiten, sich auszubreiten. "Wir haben da leider unseren Vorsprung verspielt", ist er überzeugt. Massive Zunahmen an Neuinfektionen, Spitäler an den Kapazitätsgrenzen und ein überlastetes Personal, das im Zuge dessen selbst mit verminderten Abwehrkräften kämpfen muss, seien Alarmsignale. "Wir müssen mit unseren Ressourcen sorgsamer umgehen. Die Infektionsraten müssen deutlich gesenkt werden, das können wir mit den jetzigen Maßnahmen auch erreichen", so der Mediziner.

Vor allem aber beim Contact-Tracing und der Ausstellung von behördlichen Absonderungsbescheiden müsse man schneller werden. Teil einer bundesweiten Teststrategie könnten beispielsweise auch Antigentests als Grundlage für einen Quarantänebescheid sein: "Der Antigentest bringt dann ein positives Ergebnis, wenn Viren in hoher Zahl im Abstrich vorhanden sind – das heißt, der Beprobte auch infektiös ist. Das sollte für einen Absonderungsbescheid ausreichen. Ebenso um Kontaktperson der Kategorie eins zu sein und Symptome einer Infektion zu entwickeln", erklärt Lindner.

Tests in Massen

Angekündigte Antigen-Massentests seien nur bei richtiger Handhabe zielführend. Um wirklich aussagekräftige Ergebnissen zu erhalten, müsste man "die entsprechende Personengruppe mehrmals in kurzen Abständen erneut testen". Denn eine bundesweite Einmaltestung bringt nur "eine unscharfe Momentaufnahme". Gleiches gilt auch für Antigentests in Apotheken, Fitnessstudios oder andernorts: "Das massenweise Testen von Symptomlosen produziert neben falsch-negativen auch tausende falsch-positive Ergebnisse", gibt Lindner zu bedenken.

Auch PCR-Tests an Symptomlosen durchzuführen sorgt seiner Meinung nach nur für die Verknappung von Testkapazitäten: "Screenings bringen nicht mehr Sicherheit für alle. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn jemand ein so mächtiges Werkzeug wie die PCR-Testung verwendet, ohne die Ergebnisse interpretieren zu können, wird es erst recht unsicher. Das führt zu unerwünschten Nebenwirkungen wie Quarantäne von Nichtinfizierten, unrichtiger Information an Arbeitgeber oder die Schule", betont der Infektiologe. Der PCR-Test sei bei Verdachtsfällen ein wichtiges Diagnoseinstrument: "Wir Ärzte stellen eine Diagnose nicht nur aufgrund von Befunden. Wir sprechen mit Patienten, beurteilen deren Symptome und ordnen gegebenenfalls einen Test an. Das machen wir auch während der Pandemie", sagt Lindner.

Schon gehört?

Test auf Antikörper

Vom Tisch hingegen seien Antikörpertests, die in epidemiologischer Hinsicht sicherlich Sinn machen, bei dem Versuch, die Infektionen einzudämmen, allerdings nicht. "Der Antigentest funktioniert sehr schnell, aber das Ergebnis ist mit Vorsicht zu genießen. Denn die Tests müssen richtig interpretiert werden – und gehören deshalb in Hand der Ärzte", so Lindner.

Weil es unterschiedliche Testsysteme gibt, gebe es auch eine Bandbreite an Verlässlichkeiten und damit auch falsch-positive oder falsch-negative Ergebnisse. Eine Spezifität von 98 Prozent bedeutet, dass bei einem guten Antigentest bei 100 Getesteten auch zwei falsch-positive dabei sind. "Wenn man solche Tests machen möchte, dann muss das auch unter standardisierten Gegebenheiten stattfinden. In Apotheken oder Fitnesscentern macht das null Sinn", betont der ÄK-Vize.

Aus Public-Health-Sicht

"Da uns die Pandemie noch Wochen, vielleicht Monate begleiten wird, müssen wir uns Gedanken machen, wie wir Ärzte die Bevölkerung bestmöglich schützen und unterstützen können", betont Hans-Peter Hutter, Facharzt für Hygiene und Mikrobiologie an der Med-Uni Wien. "Es geht in erster Linie darum, eine effiziente Nachverfolgung aufzubauen. Das ist dringend notwendig, um Infektionsketten zu unterbrechen und fundierte Daten über Orte und Umstände der Infektion zur Verfügung zu haben."

Basierend auf diesen Informationen können dann maßgeschneiderte Maßnahmen abgeleitet werden. "Haben wir solche Daten nicht, kann man nur ungezielt alle Österreicher einschränken. Wenn der derzeitige Lockdown zurückgenommen wird, dann steht uns die nächste Welle und der nächste Lockdown erneut bevor", so Hutter. Mit einer differenzierten Vorgangsweise könnten dagegen die gesundheitlichen, psychosozialen und ökonomischen Folgen minimiert werden.

Eine gute Nachricht sei jedenfalls, dass aus Sicht der Med-Uni Wien das Plateau an Infektionszahlen am Freitag oder Samstag erreicht sein wird. "Das bedeutet nicht, dass die Zahlen dann sofort nach unten gehen werden. Aber man sieht, dass die Maßnahmen wirken." Der positive Effekt zeigt sich dann zeitverzögert in den Spitälern und Intensivstationen.

Hotspots vermeiden

Mit dem Blick auf Weihnachten fordert der Umweltmediziner Präventionskonzepte für die Wiederöffnung der Schulen, Veranstaltungen oder Menschenmassen beim Einkaufen – und denkt dabei beispielsweise an mechanische Lüftungsgeräte für Schulen und Kindergärten. Außerdem werde es nach dem 6. Dezember sicherlich zu Hotspots beim Einkaufen kommen. Hier sei offen, wie das unter Kontrolle zu halten sei, wie man eventuell staffelt und mit den Öffnungszeiten umgeht. Beim Weihnachtsfest dürfe dann nicht das "verspielt werden", was man zuvor mit Anstrengungen erreicht hart, warnt er. Vor allem müsse man "langfristig denken".

Für umso wichtiger hält Hutter auch eine gute, funktionierende Teststrategie und Nachverfolgung, denn das würde Infektionsketten unterbrechen. Analoges Nachverfolgen braucht aber personelle Ressourcen. Die "Stopp Corona"-App würde da Abhilfe schaffen. "Die Teststrategie muss ziel- und punktgenau sein. Falsch-negative Personen dürfen Infektionen nicht wieder in die Gesellschaft bringen", erklärt Hutter.

Nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown

Aus Sicht des Public-Health-Experten braucht es vor allem ein Präventionskonzept nach dem 6. Dezember. Um aus "nach dem Lockdown" nicht wieder ein "vor dem Lockdown" zu machen. Deshalb sei es wichtig, stabile Zahlen auch stabil zu halten. "Eindämmung muss gefördert werden, Maßnahmen müssen differenzierter gesetzt und auch umgesetzt werden", so Hutter. Seitens der Regierung und der Experten bedürfe es einer nachvollziehbaren Kommunikationskultur, da die Bevölkerung die Regeln und Maßnahmen auch mittragen muss.

"Unser Blick muss sich in die Zukunft richten." Denn die ersten psychosozialen Folgen würden sich bereits klar abzeichnen: Krisenmüdigkeit führt zu einer Spaltung der Gesellschaft, und die gelte es um jeden Preis zu verhindern. (Julia Palmai, 19.11.2020)