General Angus Campbell präsentierte am Donnerstag den Bericht.

Foto: : Reuters/AAP Image/Mick Tsikas

Der fast heldenhafte Status der australischen Armee ist schwer angeschlagen.

Foto: AP / Mick Tsikas

Der am Donnerstag veröffentlichte Bericht habe eine "beschämende Bilanz" enthüllt, so der Kommandant der australischen Streitkräfte, Angus Campbell.

Foto: AAP Image/Lukas Coch via REUTERS

Das Fernsehbild ist verwackelt, die Todesangst des jungen Afghanen aber spürbar. Der Bauer in ärmlicher Kleidung rennt in ein Feld – und stolpert. Hinter ihm ein schwerbewaffneter australischer Elitesoldat. Nach einem kurzen Wortwechsel mit seinem Vorgesetzten im Hintergrund feuert der Australier auf den am Boden liegenden Mann, der um sein Leben zu betteln scheint. Dann bricht das Video ab.

Solche Bilder, aufgenommen mit Helmkameras der Soldaten und gesendet an den australischen Fernsehsender ABC, haben die umfassendste Untersuchung des Verhaltens der australischen Streitkräfte in der Geschichte ausgelöst. Mehrere Jahre lang ging Sonderbeauftragte General Paul Brereton Berichten und Gerüchten über mögliche Kriegsverbrechen nach. Das am Donnerstag bekanntgegebene Ergebnis war vernichtend: 25 Angehörige der Eliteeinheit Special Air Services (SAS) sollen in mindestens 23 verschiedenen Situationen 39 afghanische Zivilisten "unrechtmäßig getötet" haben, darunter auch Gefangene.

"Egozentrische Kriegskultur"

Einige Soldaten hätten "das Gesetz in die eigene Hand genommen", so der Kommandant der australischen Streitkräfte, Angus Campbell. Der Bericht habe eine "beschämende Bilanz" enthüllt. Unter anderem seien neue Mitglieder der Truppe von ihren unmittelbaren Vorgesetzten dazu ermutigt worden, Gefangene zu erschießen und sich dadurch Respekt zu verschaffen. "Blooding" hätten die Soldaten die Tradition genannt. Campbell kritisierte die "egozentrische Kriegskultur", die in der Eliteeinheit herrsche. Oftmals hätten die Täter Material wie Funkgeräte und Waffen bei den Opfern platziert, damit es so aussah, als ob es sich um Kämpfer handle.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hat Australien 46.000 Soldaten nach Afghanistan geschickt. Sie kämpften zusammen mit der US-Armee gegen die Taliban und Al Kaida. 2013 wurden die Truppen abgezogen. Seither häuften sich Gerüchte über Straftaten durch Elitesoldaten. Mehrere Whistleblower sagten aus. Kritiker hatten der Regierung von Premierminister Scott Morrison vorgeworfen, Berichte über mutmaßliches Fehlverhalten lange unterdrückt zu haben. Die Polizei führte bei ABC eine Razzia durch, nachdem der Sender 2017 erstmals über mögliche Kriegsverbrechen berichtet hatte. Der Druck der Öffentlichkeit wurde schließlich so groß, dass Canberra die Untersuchung anordnete.

Einzelheiten über die Taten sind geheim. Informanten aus den Reihen der SAS sowie Whistleblower in Afghanistan sprachen in Medienberichten jedoch von einer Vielzahl potenzieller Verletzungen des Kriegsrechts. So soll während einer Hausdurchsuchung ein Kleinkind erschossen worden sein. In einem anderen Fall habe ein australischer Soldat einen Gefangenen ermordet, um Platz in einem Hubschrauber zu schaffen. Campbell machte klar, dass die mutmaßlichen Straftaten nicht "in der Hitze des Gefechts" begangen worden seien. Die Untersuchungskommission hat 143 Empfehlungen herausgegeben, wie in Zukunft solches Verhalten verhindert werden könne.

Anruf in Kabul

Premier Morrison hatte in den vergangenen Tagen die Bevölkerung mehrfach gewarnt, die Enthüllungen würden "schockieren". Am Mittwoch rief er den afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani an, um ihn zu informieren, dass es "einige verstörende Anschuldigungen" gegen Soldaten gebe, welche seine Regierung "sehr ernst" nehme. Vor einer Woche hatte Morrison einen Sonderermittler eingesetzt, der den im Bericht gemachten Vorwürfen juristisch nachgehen soll.

Dieser Prozess könnte länger als zehn Jahre dauern. Die von militärischen Ermittlern gesammelten Fakten können nicht mehr verwendet werden, weil sie unter Druck und unter Androhung schwerer Strafen ermittelt worden waren. Sämtliche Beweise müssen nochmals gesammelt werden. Danach beginnt der juristische Prozess vor dem australischen Bundesgericht. 19 Männern droht lebenslange Haft wegen Mordes oder 25 Jahre Gefängnis wegen "grausamer Behandlung von Gefangenen und Zivilisten" – beides Kriegsverbrechen.

Wie Campbell am Donnerstag weiter meinte, schädige das Verhalten der Soldaten "die moralische Autorität als Armee". Soldaten haben in Australien einen fast heldenhaften Status. Kritik an der Armee ist generell verpönt. (Urs Wälterlin aus Canberra, 19.11.2020)