Der Handel großteils geschlossen, viele Dienstleistungen untersagt, zurück zu Homeschooling und ins Homeoffice: Schon sind wir mitten im zweiten Lockdown. Mittlerweile haben sich wohl auch viele Beschäftigte, die erneut ihre Arbeitsplätze ins Wohnzimmer verlegt haben, ihre Monitore aus dem Büro geholt oder den Schreibtischsessel nach Hause verfrachtet. Homeoffice für alle, soweit es geht, lautet erneut die Devise. Wer auf eine gesetzliche Regelung für diesen Ernstfall gehofft hat, wurde enttäuscht: Ergebnisse der Arbeitsgruppen dürfte es im März geben.

Dabei ist die Zahl der Heimarbeiter recht hoch. Im April und Mai gaben bei einer Umfrage 58 Prozent der Unternehmen an, während des ersten Lockdowns alle Mitarbeiter nach Hause geschickt zu haben. Vor der Krise war dies bei zwei Prozent der Betriebe der Fall. Derzeit wursteln sich viele Unternehmen wohl mit Standardisierten Regelungen durch, die der aktuellen Situation kaum gerecht werden, schätzt Arbeitsrechtsexpertin Kristina Silberbauer (siehe Wissen).

Hier wird zwischendurch geturnt, sollte es zu gröberen Verrenkungen kommen: Bis Jahresende zählen Unfälle im Homeoffice als Arbeitsunfälle.
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Der eine oder andere Arbeitnehmer hat wohl anteilig die Kosten für Internet oder zusätzlichen Stromverbrauch überwiesen bekommen. Andere schauen durch die Finger oder verhandeln noch. Künftig soll das besser geregelt werden. Derzeit beruht vieles auf Freiwilligkeit.

Auch in der Frage, ob Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt werden oder im Betrieb arbeiten, gibt es nur eine Empfehlung der Regierung. Das lässt Raum für Entscheidungen, die bei so manchen für Verständnislosigkeit sorgen. "Obwohl es bereits Corona-Fälle innerhalb der Firma gibt, wird Homeoffice kategorisch abgelehnt", beklagt etwa einer, der ungenannt bleiben will. Bei seinem Arbeitgeber, einem mittelständischen Unternehmen, würden die Mitarbeiter passiv so unter Druck gesetzt, dass es nicht einmal möglich sei, über Homeoffice zu diskutieren. Verstehen könne er das nicht, so der Mann. Er und Kollegen seien bereits im Frühling im Homeoffice gewesen. Für die Firma würde also kein Nachteil oder Mehraufwand entstehen. Ähnliche Klagen hört man auch anderswo.

Mit Ware einschlichten ist es für viele nicht getan. Oft rücken den Beschäftigten die Kunden, manchmal die Kollegen viel zu nah.
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Ganz so eindeutig ist die Sache allerdings nicht. Nicht jeder ist daheim so emsig wie im Betrieb. Homeoffice kann die Produktivität steigern, allerdings hängt das von der Art der Tätigkeit ab, wie eine Auswertung von Eco Austria nahelegt. Deren Ergebnis: je selbstbestimmter die Tätigkeit, desto höher der Nutzen von Telearbeit. Was vielleicht den einen oder anderen Firmenboss ins Grübeln bringt, ist eine weitere Erkenntnis: Die Produktivität nimmt ab, je länger Mitarbeiter im Homeoffice sind.

Manche können aber auch ganz einfach nicht im Schutz der eigenen vier Wände arbeiten. Ware kann nur im Geschäft verkauft werden, die Krankenschwester und den Pfleger braucht es vor Ort, und im Kindergarten ist es auch nicht der Roboter, der die Kleinen umsorgt. Die Gewerkschaftsfrauen erhalten derzeit besonders häufig sorgenvolle E-Mails von Schwangeren, die im Kindergarten arbeiten oder im Handel.

Arbeiten unter erschwerten Bedingungen: Das trifft vor allem Frauen und oft Migranten.
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Der Tenor: Man sei einer erhöhten Ansteckungsgefahr ausgesetzt, weil da und dort die Einhaltung des Mindestabstands nicht möglich sei oder sich andernorts Kollegen oder Kunden nicht an die Abstände hielten. "Schwanger sein in Corona-Zeiten ist besonders schwer", sagt ÖGB-Vizepräsidentin Korinna Schumann. Zu den Masken kämen Stress und Angst vor Ansteckung. Schumann fordert ein Vorziehen des Mutterschutzes. Zwei einsprechende Anträge hat die SPÖ in den Nationalrat eingebracht. Der eine stellte auf die Änderung des Mutterschutzgesetzes ab, der andere auf eine Änderung Risikogruppenregelung im Allgemeine Sozialversicherungsgesetz (ASVG) – beide wurden vertagt.

Beim Handelsriesen Spar, einem der großen Arbeitgeber im Land, heißt es, das Thema sei beim ersten Lockdown ein großes gewesen. Viele hätten sich Sorgen gemacht. Schwangere, die in direktem Kundenkontakt gestanden seien, hätte man bezahlt freigestellt. Bei chronisch Kranken oder Kollegen mit Vorerkrankungen wurde das individuell gehandhabt. Hier hätte man um entsprechende ärztliche Atteste ersucht und dann entsprechende Lösungen gefunden. Derzeit gäbe es nur vereinzelt Anfragen. Man finde jetzt individuelle Lösungen.

Grafik: STANDARD

Das Risiko, sich am Arbeitsplatz zu infizieren, ist jedenfalls höchst ungleich verteilt, zeigt eine Studie. Im Auftrag der AK Wien hat sich das Institut für Höhere Studien (IHS) dem Thema durch Befragungen genähert. Das Ergebnis stützt Studien aus anderen Ländern, sagt die Studienmitautorin Nadia Steiber: Ökonomisch benachteiligte Gruppen sind einem höheren Risiko ausgesetzt. Jene, die an vorderster Front stehen und viel Kunden- oder Patientenkontakt haben (siehe Grafik).

"Die Krankenschwester steckt sich eher an als der Arzt", so Steiber. Betroffen seien besonders Beschäftigte in niedrig qualifizierten Berufen. Häufig dort zu finden: Frauen und Migranten. Fast die Hälfte der nicht in Österreich oder den EU-15-Staaten geborenen Beschäftigten sehen sich einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt.

Was die Forscherin erzürnt: "Wir müssen hier mit Befragungen arbeiten, während in anderen Ländern auf Basis von behördlichen Daten gut dokumentiert ist, dass Menschen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status ein erhöhtes Risiko haben, an Covid-19 zu erkranken und daran zu sterben. (Regina Bruckner, 20.11.2020)