Seit Beginn der Corona-Pandemie besteht in der aufgeklärten Gesellschaft vor allem Unsicherheit. Viele haben Zweifel, machen sich Sorgen, Meldungen und Bilder aus Intensivstationen machen Angst und stumpfen womöglich auch ab.

Die STANDARD-Redaktion wird immer wieder mit Fragen konfrontiert: Wie gefährlich ist das Virus für mich und meine Familie? Was kann ich tun, um mich nicht anzustecken? Wann muss man einen Mund-Nasen-Schutz tragen, wann nicht? Wann gibt es Impfungen gegen das Virus und Medikamente gegen die Erkrankung Covid-19? Und am allerwichtigsten: Wann bekomme ich mein normales Leben zurück?

Auf viele dieser Fragen gibt es evidenzbasierte Antworten, andere wiederum sind noch weitgehend ungeklärt. Und wieder andere werden wohl noch lange nicht beantwortet werden können.

DER STANDARD hat Wissenschafterinnen und Wissenschafter aus vielen in der Gesundheitskrise relevanten Fachrichtungen gebeten, in einem Corona-Fachrat auf Fragen zu antworten. Wir sammeln Ihre Anfragen, die Fachratmitglieder antworten in Interviews, kurzen Stellungnahmen, Kommentaren, Videogesprächen oder Podcasts, wie immer es ihre Zeit zulässt. Wir hoffen auf eine sachliche Diskussion. Posten Sie bitte Ihre Fragen.


Frage: Haben Gesellschaft und Politik das Virus unterschätzt?

Florian Krammer, Virologe, Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York.
Foto: Sebastian Krammer

Florian Krammer: Ja und nein. Es war immer klar, dass im Herbst und Winter eine große Gefahr besteht, dass die Infektionen wieder Schwung aufnehmen könnten. Das Muster ist ja auch von historischen Influenzapandemien bekannt. Aber: Österreich hat die Sache im Frühjahr sehr gut hingekriegt. Im Sommer war die Situation dann fast "normal". Dabei hätte man Ende August die allgemeine Maskenpflicht einführen, Veranstaltungen in Innenräumen absagen, Restaurantbetrieb in Innenräumen stoppen müssen, und es hätte auch gute Konzepte für den Schulbeginn gebraucht, Stichwort Fernunterricht. Die Corona-Ampel war eine gute Idee, aber nicht, wenn die Ampel umspringt und nichts passiert. Die Bevölkerung hätte das damals aber wahrscheinlich nicht mitgetragen, und die Politik hätte es vermutlich auch nicht umsetzen können. Nachher ist man immer schlauer.

Barbara Prainsack: Anfangs ja – aber auch einfach deshalb, weil man es ganz am Anfang nicht besser wusste. Wir sehen das auch in den Daten aus unseren beiden Studien im April und Oktober: Im April war Covid-19 für viele unserer Befragten noch vergleichbar mit einer Grippe oder Verkühlung. Jetzt ist den meisten Menschen klar, dass die Krankheit einen sehr schweren Verlauf nehmen kann und dass es auch junge, gesunde Leute treffen kann. Viele unserer Befragten berichteten uns zudem im Oktober, dass sie bereits im Sommer das Gefühl hatten, die Maßnahmen seien zu locker. Zugleich gab es allerdings auch Leute, die sich über die Angstmacherei der Regierung beklagten.

Daniela Schmid, Chefepidemiologin an der Ages, Sprecherin der Ampel-Kommission.
Foto: APA / Herbert Neubauer

Daniela Schmid: Expertinnen und Experten tun gut daran, das Virus nicht einzuschätzen, sondern es mit allen wissenschaftlich zur Verfügung stehenden Methoden kennenzulernen. Zunächst gilt, nur das Infektionsgeschehen zu beschreiben. Bei diesen Beobachtungen gab es eine große Erkenntnis: Das Virus tritt in Clustern auf, in Nestern. Es gab immer wieder Superspreading-Ereignisse, die genau zu solchen Clustern führten, die man aber verhindern hätte müssen: Hochzeiten, Zusammenkünfte von Vereinen aller Art, große Familientreffen. Das zeigt, dass die Kommunikation nicht funktioniert hat. Die Gefährlichkeit der Situationen ist bei einem Teil der Bevölkerung nicht angekommen.

Martin Sprenger: Sars-CoV-2 ist bestimmt ein Virus, das uns von Anfang an immer wieder überrascht hat und es nach wie vor tut. Niemand war in den letzten Monaten vor Fehleinschätzungen gefeit. Modellierer haben sich um den Faktor 50 bis 100 verschätzt, Virologen haben Afrika 100-mal mehr Sterbefälle prognostiziert und darauf basierend vollkommen unverhältnismäßige Maßnahmen empfohlen. Das Virus selbst unterschätzen Experten inzwischen nicht mehr. Alle bemühen sich, aus ihrer Perspektive das Geschehen besser zu verstehen und daraus Empfehlungen abzuleiten. Dabei können aber Natur-, Sozial- und Geisteswissenschafter zu vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht unterschätzten wir mit Sicherheit noch immer die psychosozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Pandemie. Wenn wir diese nicht bald so ernst nehmen wie das Virus, dann könnte uns das noch größeren Schaden zufügen als das Virus selbst.

Michael Wagner, Mikrobiologe, Uni Wien, Koordinator der Gurgelteststudie an Schulen.
Foto: APA / Herbert Neubauer

Michael Wagner: Ja, leider haben viele Expertinnen und Experten, die Politik und die Gesellschaft das Virus im Sommer dramatisch unterschätzt. Von den in der Bevölkerung zirkulierenden Coronaviren wusste man schon lange, dass sie stark saisonal sind, und es ist auch schon seit vielen Monaten bekannt, dass Sars-CoV-2 durch Aerosole übertragen wird und somit im Herbst und Winter, wenn sich viele Menschen in Innenräumen aufhalten, die Infektionsgefahr stark ansteigen wird. Da in der Bevölkerung keine nennenswerte Immunität vorhanden, eine Impfung noch nicht verfügbar und keine wirklich heilende medikamentöse Behandlung vorhanden ist, hätte man im Sommer durch Aufrechterhaltung von umfangreicheren Schutzmaßnahmen die Zahl der Infektionen so niedrig wie möglich halten sollen und gleichzeitig die Testkapazität und das Contact-Tracing stark ausbauen müssen. Statt sich auf diese Kernaufgaben der Pandemiebekämpfung zu konzentrieren, ist man dem Wunschdenken eines normalen Sommers verfallen und hat die Maßnahmen zu schnell und zu stark gelockert. Zudem wurden durch manche Experten völlig unsinnige Diskussionen angefacht, die die Bevölkerung und auch die Politik verunsichert haben. So wurde beispielsweise dazu aufgefordert, entspannt mit dem Virus umzugehen – und tatsächlich intensiv darüber diskutiert, ob falsch positive PCR-Testresultate die Ursache des Wiederanstiegs der Infektionszahlen im Sommer und Herbst verursachen. Die Tatsache, dass beispielsweise über Monate hunderttausende PCR-Testergebnisse ohne ein positives Ergebnis im Inland aus Neuseeland berichtet wurden, belegt eindrucksvoll, wie unnötig diese Diskussion war. Bei Kombination mehrerer PCR-Tests miteinander, die in guten molekularbiologischen Labors erfolgt, spielen falsch positive Resultate einfach überhaupt keine Rolle.

Statt die bereits im Sommer und Frühherbst klar sichtbaren Zeichen einer sich aufbauenden zweiten Welle ernst zu nehmen und kraftvoll zu reagieren, haben wir dann noch sehr viel Zeit verloren mit Behauptungen, dass die positiv getesteten Personen ja größtenteils nicht schwer erkranken und der Anstieg der Infektionszahlen somit nur Folge eines "Testtsunamis" sei. Seit die Krankenhäuser in Österreich an ihre Kapazitätsgrenzen kommen und die Todeszahlen stark steigen, sollte es nun jedem klar sei, dass diese Einschätzungen völlig daneben lagen und sehr viel zur Verharmlosung der Pandemie in der Gesellschaft beigetragen haben.

Es geht nicht darum, jetzt Schuld zu verteilen, sondern aus den Fehlern des Sommers zu lernen, um nach diesem Lockdown nicht wieder in einen Kreislauf aus Verharmlosung, zu umfangreichen Lockerungen, erneutem Anstieg der Infektionszahlen und weiteren Lockdowns zu gelangen.


Frage: Wie kann man einen neuen Peak verhindern?

Florian Krammer: Das ist nicht einfach, aber es ist möglich. Man muss jetzt die Zahlen auf ein Niveau drücken, auf dem Contact-Tracing wieder möglich ist. Man muss das aber auch effizienter machen, es muss in unter 24 Stunden passieren. Aber wenn man die Fälle runterkriegt, die Maskenpflicht aufrechterhält, Veranstaltungen und Restaurantberieb in Innenräumen unterbindet, so weit wie möglich auf Fernunterricht setzt und die Bevölkerung auch wirklich mitmacht, kann man eine dritte Welle sicher verhindern. Die Stagnation der Fälle, die wir gerade sehen, ist vom 'Lockdown light' verursacht worden. Das ist noch nicht der Effekt des harten Lockdowns. Es lässt sich also mit kleineren Verhaltensänderungen viel ausrichten. Die Bevölkerung muss halt mitmachen, das ist das Wichtigste. Und man muss im Auge behalten: Da geht's jetzt nur mehr um ein paar Monate. Ich nehme an – das ist Spekulation –, dass sich die Situation im Frühjahr durch den Impfstoff und wärmere Temperaturen wieder normalisiert. Aber bis dahin müssen wir durchhalten.

Barbara Prainsack, Soziologin, Uni Wien, an Corona-Forschungsprojekten beteiligt.
Foto: Heribert Corn www.corn.at

Barbara Prainsack: 1. Klar kommunizieren, Maßnahmen begründen, auch klar sagen, was man nicht weiß; jeweils argumentieren, welche Maßnahme welchem Ziel dient. Heimlichkeiten wie die Ampelkommission sind extrem vertrauensschädigend.
2. Von Ankündigungen, die Krise sei dann und dann vorbei oder zu einem bestimmten Datum gäbe es einen Impfstoff, absehen. Die Menschen fühlen sich veräppelt.
3. Keine spezifischen Personengruppen als "Risikogruppen" darstellen. Das bringt manche Menschen auf die Idee, dass man ja die Gruppe X oder Y "opfern" könnte, damit der Rest wieder normal leben kann.
4. Sicherstellen, dass zumindest die ökonomischen Unsicherheiten reduziert werden.

Daniela Schmid: Es wird zum einen nicht reichen, die Problematik mit Pressekonferenzen zu vermitteln. Appelle haben wir schon viele gehört. Wir brauchen Influencer, die sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen bewegen – und dort kommunizieren, wie man eine neuerliche weitere Verbreitung verhindern kann. Warum soll nicht einmal ein Rapper einen Text über Hygienemaßnahmen verfassen? Oder Sportlerinnen und Sportler könnten Ratschläge geben, wie man gesund bleiben kann. In Österreich wurde zu sehr die Schuldfrage gestellt. Natürlich ist die Kommunikation offenkundig schiefgelaufen, aber jetzt muss man sich fragen, wie man es künftig besser machen kann. Denn ein weiterer Lockdown wäre aus vielen Gründen nicht verkraftbar, diese Entmündigung eines ganzen Volkes ist nur der letztmögliche Schritt.

Martin Sprenger, Public-Health-Experte, Lehrgangsleiter Med-Uni Graz.
Foto: HO

Martin Sprenger: Das tun, was wir schon über den Sommer hätten machen sollen: die Eindämmung, das Containment professionalisieren und mit ausreichenden Ressourcen ausstatten. Viel zu testen bringt aber auch nicht viel, wenn es dahinter keine klare Strategie gibt. Eine schlaue Verwendung der Antigen-Schnelltests, unbürokratisch, wohnortnah und schnell, muss in Zukunft Teil davon sein. Wir brauchen aber endlich auch eine professionelle Risikokommunikation ohne Paternalismus, ohne Angstmacherei, die nur ermüdet. Die Politik wäre gut beraten, die Pandemie nicht nur als virologisch-medizinisches Geschehen, sondern als gesamtgesellschaftliches Ereignis wahrzunehmen. Anstatt zu polarisieren und zu spalten, sollte die Politik, aber sollten auch die Medien die existenzielle Bedrohung für viele Menschen als Faktum anerkennen. Anstatt auf Verbote, sollten sie auf Gebote setzen. Anstatt auf kurzfristig wirksamen Aktionismus auf nachhaltige Strategien. Dazu gehören Transparenz, Fairness, Konsistenz der Botschaften und klare Ziele. Wir können die Kurve nur gemeinsam abflachen und das Infektionsgeschehen auch nur gemeinsam eindämmen. Vertrauen der Bevölkerung in die Behörden und die Regierung ist der entscheidende Faktor. Dieses Vertrauen muss man sich aber verdienen, das kann man nicht kaufen.

Michael Wagner: Ein Kardinalfehler bei der Pandemiebekämpfung ist, erst mit Maßnahmen zu reagieren, wenn eine Überlastung des Gesundheitssystems droht. Durch eine so spät gesetzte rote Linie ist man nahezu verdammt dazu, diese auch zu erreichen. Es wäre viel sinnvoller, schon zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt das Infektionsgeschehen massiv zu bekämpfen. In diesem Zusammenhang war die Entkopplung der Corona-Ampel von daran geknüpften Maßnahmen ein großer Fehler, der korrigiert werden sollte.

Bis große Teile der Bevölkerung geimpft sein werden, müssen auch nach dem Lockdown möglichst viele Menschen die Zahl der nicht unbedingt notwendigen sozialen Kontakte mit haushaltsfremden Personen in Innenräumen einschränken. Aus Solidarität mit den Risikogruppen und um die Schulen und Kitas offen halten zu können, sollte jeder Mensch überlegen, auf welche solcher Treffen verzichtet werden kann. Muss man in einer Pandemie in eine Bar oder ein Fitnessstudio gehen, in Chören singen, Garagenpartys machen und vieles mehr? Oder kann man die wenigen Monate bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffs nicht noch auf vieles davon verzichten und so viele Menschenleben retten? Meiner Meinung nach wäre es auch sinnvoll, wenn in Innenräumen möglichst viele Leute statt des gängigen Mund-Nasen-Schutzes die noch wirkungsvolleren FFP2-Masken tragen würden. Zudem sollten die Schutzmaßnahmen an den Schulen deutlich intensiviert werden.

Wenn ein dritter Lockdown im Winter vermieden werden soll, werden wir in diesem Winter leider eine Weihnachtszeit und einen Wintertourismus mit umfangreichen Einschränkungen in Kauf nehmen müssen. Dies wird nur vermittelbar sein, wenn nicht Teile der Expertinnen und Experten und der Politik bei fallenden Infektionszahlen wieder damit beginnen, die Pandemie zu verharmlosen und die Maßnahmen wieder zu schnell und umfangreich gelockert werden. Parallel dazu muss Testen Teil unseres Alltags werden. Es sollte selbstverständlich sein, dass Krankenhauspersonal und das Personal in Altersheimen mehrmals die Woche mittels PCR getestet wird. Alle Besucherinnen und Besucher von diesen Einrichtungen sollten am Eingang einen Antigentest machen. Zudem sollte allen Personen, die sich krank fühlen, die Möglichkeit gegeben werden, sich zu Hause oder in Teststraßen testen zu lassen und die Ergebnisse innerhalb von maximal 24 Stunden zu erhalten. Dazu gehören natürlich auch Kinder unter zehn Jahren, da diese auch am Infektionsgeschehen teilnehmen. Und es muss gelingen, wieder ein effektives Contact-Tracing aufzubauen, da eine Unterbrechung der Infektionsketten eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Pandemiebekämpfung ist.

Weitere Mitglieder des Fachrates:

Barbara Sperner-Unterweger, Department Psychiatrie, Psychologie, Med-Uni Innsbruck.
Foto: MedUni Innsbruck
Thomas Czypionka, Head of Health Economics and Health Policy am IHS.
Foto: Katsey
Stefan Thurner, Komplexitätsforscher, Corona-Prognose-Konsortium.
Foto: Eugénie Sophie

(Irene Brickner, Peter Illetschko, 20.11.2020)