Die Nummer drei der Tenniswelt gratuliert der Nummer vier.

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Dominic Thiem konnte am Sonntagabend in der leeren Londoner O2-Arena seine famose Saison nicht krönen, er verlor die mit 5,7 Millionen Dollar dotierten ATP Finals gegen den Russen Daniil Medwedew in 2:42 Stunden 6:4, 6:7 (2), 4:6. Medwedews Kontostand erhöhte sich um 1,4 Millionen Dollar, allerdings brutto. Es war sein erster ganz großer Titel. Thiem tröstete sich mit 861.000 Dollar.

Es war ein abwechslungsreiches, von Taktik geprägtes, vielleicht kein außerirdisches Endspiel. Viele Tempowechsel (Slice!), Thiem machte weniger Fehler. Im ersten Satz breakte er zum 3:2, obwohl Medwedew ein 40:0 hatte. Es folgte ein Smash ins Netz, normal trifft man den mit verbundenen Augen. Ein Doppelfehler kann passieren.

Netzglück beim Satzball

Beim Satzball war der Niederösterreicher nicht unglücklich, ein Netzroller. Medwedew lächelte. Im zweiten Teil ging es ins Tiebreak. Und Thiem ging nach einer 2:0-Führung mit 2:7 ein. Es muss ein Versehen gewesen sein. Aber er war sichtlich verunsichert, Medwedew übernahm das Kommando.

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Im dritten Game des dritten Durchgangs wehrte Thiem bei 0:40 gleich drei Breakbälle des Weltranglisten-Vierten ab. Ein auch etwas zu fehlerhafter Thiem geriet aber auch im nächsten Servicegame in Schwierigkeiten und wirkte zudem müde und ratlos. "Was soll ich für Punkte spielen?", fragte der Niederösterreicher. Mewedew nutzte dann seinen insgesamt sechsten Breakball in diesem Satz zum 3:2 und erhöhte gleich auf 4:2. Medwedew blieb cool, erhöhte auf 5:3 und nutzte seinen ersten Matchball mit einem Service-Winner zum Triumph. Er hat bei diesem Turnier die Nummern eins bis drei geschlagen.

"Natürlich bin ich enttäuscht, aber zur gleichen Zeit bin ich auch stolz auf die Vorstellungen in der ganzen Woche", resümierte Thiem bei der Siegerehrung. "Daniil hat es wirklich verdient, ein tolles Match. Gratuliere – du hattest einen tollen Monat November mit den Titeln in Paris-Bercy und hier. Ich hoffe, dass wir viele weitere Duelle vor uns haben. Es war mir eine Freude heute, auch wenn ich verloren habe", sagte der 27-jährige Niederösterreicher zu dem drei Jahre jüngeren Russen.

"Match am Limit"

"Generell war es ein guter Matchplan, das Match war die ganze Zeit am Limit. Ich habe sogar eine Riesenchance gehabt, Satz und Break in Führung zu gehen", erinnerte sich Thiem. Dann sei Medwedew im dritten Satz das Break zum 3:2 geglückt. "Ich bin auch entspannt, weil es wieder ein unglaubliches Turnier war und auch ein Superjahr, und ich habe absolut alles gegeben und kann mir nicht wirklich viel vorwerfen", sagte der Weltranglisten-Dritte.

Allerdings sei die Niederlage natürlich auch "bitter, weil ich heute richtig bereit war. Ich war topmotiviert, habe gut gespielt und habe mich körperlich gut gefühlt. Aber so ist das in großen Finali gegen große Spieler manchmal, dass selbst eine richtig gute Leistung nicht reicht, weil der andere besser ist." Er habe aber bis zum Ende gefightet.

Der Champ in Pose.
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Medwedew, der im Vorjahr bei seinem Finals-Debüt noch mit drei Niederlagen gleich ausgeschieden war, ist nun sogar ungeschlagener Champion. "Was für ein Match, es war einer meiner schönsten Siege", freute sich der coole Medwedew, der noch vor der Siegerehrung auf der Spielerbank mit dem Handy Nachrichten geschrieben hat. "Ich gratuliere dir, Domi, für all die Dinge, die du jetzt schon erreicht hast. Dein Name ist schon jetzt in den Geschichtsbüchern des Tennis", streute Medwedew dem Österreicher Rosen.

Die Wachablöse

Noch nie lag die Wachablöse im Tennis so deutlich in der Luft, die großen Drei – Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer – können sich des Ansturms ihrer logischen Nachfolger nur noch schwer und in Zukunft wohl eher punktuell erwehren. Nadal kassierte am Samstag gegen Medwedew seine zweite Niederlage bei den ATP Finals. Und auch Djokovic, der sich in der Halle deutlich wohler als der Mallorquiner fühlt, verlor zwei Spiele in der O2-Arena – in der Gruppenphase ganz klar gegen Medwedew und dann im Halbfinale nach großartigem Spiel gegen die Nummer drei aus Österreich. "Was er bei 0:4 im Tiebreak gemacht hat, war unwirklich", sagte die serbische Nummer eins. "Ich muss einfach meinen Hut ziehen." Djokovic hat durch das 5:7, 7:6, 6:7 seinen sechsten Titel bei den ATP Finals verpasst, der ihn auf Rekordsieger Federer fehlt.

Konstanz gefragt

Es nimmt nicht wunder, dass Thiem, der das Jahr nur knapp hinter Nadal an dritter Stelle der Weltrangliste abschließen wird, eingehend über seine Ziele für die nächste Saison verhört wurde. Dass der Tennisthron erstrebenswert ist, wollte der 27-Jährige in einer Zoom-Video-Pressekonferenz gar nicht bestreiten. Zwar habe er noch nicht wirklich darüber nachgedacht, aber dass er sich für 2021 neue Ziele stecken wird, stünde fest. "Na sicher kommt da auch die Nummer eins ins Spiel, das ist ganz klar. Aber irgendwie hängt das eh immer zusammen. Das größte Ziel wird immer sein, bei den größten Turnieren gut zu spielen. Wenn mir das konstant gelingt, hoffentlich gibt es nächstes Jahr wieder eine normale Saison, dann ist das vielleicht zu schaffen."

Tatsache ist, dass Thiem nach Andy Murray der erste Spieler mit jeweils fünf Siegen gegen jeden der großen Drei ist. Gegen Djokovic (5:7) und Nadal (6:9) ist die Bilanz noch negativ, Federer, inzwischen nur noch die Nummer fünf, hat er bei nur zwei Niederlagen fünfmal geschlagen. In den vergangenen beiden Jahren musste sich der Österreicher in den insgesamt elf Partien gegen einen der drei aus dem 106-jährigen Oberhaus nur dreimal beugen – zweimal Djokovic und einmal Nadal. Tatsache ist aber auch, dass sich der US-Open-Champion seinerseits herausgefordert sieht. Medwedew, der Grieche Tsitsipas, der Deutsche Alexander Zverev und der Russe Andrej Rublew drängen ebenfalls in Richtung des Podiums, sind aber mit 22 bis 24 Jahren noch jünger. Auch hier lohnt ein Blick auf die Statistik. Thiem hat gegen drei eine positive Bilanz, er liegt gegen Medwedew mit 3:2, gegen Tsitsipas mit 5:3 und gegen Zverev mit 8:2 in Front. Rublew stellte heuer auf 3:2 gegen Thiem. (red, APA, 22.11.2020)