Auch am Montag gab es noch Gedränge am Flughafen von Schanghai.

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Die Szenen erinnern an einen Katastrophenfilm: Tausende Menschen drängen, schreien und versuchen, eine Kette aus Personen in Schutzanzügen zu durchbrechen. Schließlich strömt eine Menschenmasse aus einem mehrstöckigen Gebäude ins Freie. Mehrere solche Videos tauchten in der Nacht auf Montag auf chinesischen Social-Media-Plattformen auf, kurz danach auch auf Twitter. Der Ort des Geschehens: Schanghai-Pudong, der größte Flughafen Chinas.

Noch immer ist nicht ganz klar, was geschehen ist. Staatsmedien sprechen von zwei Covid-Fällen in der Gepäcksabfertigung. Daraufhin beorderten die Behörden sämtliche Mitarbeiter des Flughafens zum Corona-Test. Da dies mehrere Stunden Wartezeit erforderte und es bereits kurz vor Mitternacht war, kam es zu Tumulten. Flüge wurden gestrichen. Kurz darauf tauchten Meldungen auf, wonach der Flughafen für zwei Wochen geschlossen werden sollte. Mittlerweile scheint die Lage aber wieder unter Kontrolle. Die meisten Flüge finden wie geplant statt. Angeblich seien bis zum Montagmorgen knapp 18.000 Flughafenmitarbeiter getestet worden.

Abgesperrte Wohnblöcke

Die Ereignisse aber zeigen, wie sehr China den Ausbruch einer zweiten Welle fürchtet – und welche Zweifel an den chinesischen Zahlen angebracht sind. Der warme Herbst geht in der 23-Millionen-Metropole zu Ende. Ein feuchter, kalter Winter begünstigt mehr Neuinfektionen. Schon vor Tagen gab es Meldungen von einem Corona-Fall im Frachtbereich des Flughafens. In den sozialen Medien tauchten Videos von abgesperrten Wohnblöcken im Stadtteil Pudong auf. Dort war von weitaus mehr Infizierten die Rede.

Journalisten sind seit voriger Woche angehalten, täglich ihre Temperatur zu messen und diese einer zuständigen Behörde mitzuteilen. Zeitgleich bauen Sicherheitskräfte vor den Wohnblocks der Stadt wieder Kontrolleinrichtungen auf. Im vergangenen Februar und März wurden die Zugänge zu den Wohneinheiten streng kontrolliert.

Strengere Einreiseregeln

Auch in der Metropole Tianjin nahe Peking sollen laut Berichten in den sozialen Medien über 100 Fälle aufgetaucht sein. Die offiziellen Angaben aber liegen täglich im niedrigen zweistelligen Bereich. Kommt es doch zu Neuinfektionen, wird über die betroffenen Stadtviertel eine Ausgangssperre verhängt, alle Bewohner werden zum Corona-Test beordert. In Tianjin sind vergangene Woche 2,2 Millionen Menschen getestet worden.

Die Regierung in Peking schiebt die wenigen offiziellen Neuinfektionen meist auf Importware wie zuletzt auf gefrorenen Fisch. Trotzdem aber kommt es auch immer wieder zu lokal übertragenen Infektionen, die so nicht ganz erklärt werden können. Erst kürzlich hatte Peking die Einreisebestimmungen des Landes abermals verschärft. Zusätzlich zu einem negativen Corona-Test ist nun auch ein spezieller Antikörpertest notwendig. Danach müssen sich Reisende in eine strikte zweiwöchige Quarantäne begeben.

Auch in Hongkong spricht man in diesen Tagen bereits von einer "vierten Welle". Für europäische Verhältnisse sind die Neuinfektionen lächerlich gering, in Hongkong aber waren es so viele wie seit drei Monaten nicht mehr: 73 Corona-Infektionen meldeten die Behörden am Wochenende – die meisten von ihnen wohl in Tanzclubs.

Dies war Grund genug, die geplante "Travel Bubble" mit Singapur für mindestens zwei Wochen auszusetzen. Beide Städte galten bisher als weitgehend sicher. Deshalb sollten ab Montag Flüge in Form einer Travel Bubble wieder möglich sein. Reisende hätten dann zwar noch immer einen Corona-Test vorweisen müssen, aber ohne zweiwöchige Quarantäne. Laut der Hongkonger Fluggesellschaft Cathay Pacific sei die Nachfrage "überwältigend" gewesen. Aufgrund der steigenden Zahlen in Hongkong wurde das Projekt am Wochenende aber für zwei Wochen verschoben. (Philipp Mattheis aus Schanghai, 23.11.2020)