Blauer Himmel über schneebedeckten Bergen: Das würde in normalen Jahren jedem Touristiker, und nicht nur ihm, das Herz höher schlagen lassen. Heuer ist wegen der Corona-Pandemie alles anders und unsicher.

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Auf der Planai, dem Hausberg der Schladminger, wird Schnee gemacht. Auch in den anderen Wintersporthochburgen des Landes haben Pistenmacher dieser Tage das Thermometer im Auge. Sinkt die Quecksilbersäule unter null, werden die Schneekanonen angeworfen. Das war viele Winter so und ist heuer nicht anders. Neu ist heuer aber ein Gast, über den man am liebsten ein Einreiseverbot verhängen würde, wenn er nicht schon da wäre: das Coronavirus.

"Wir wissen nicht, wann es losgehen kann, müssen aber vorbereitet sein", sagt Gerhard Pilz vom Tourismusverband Schladming dem STANDARD. "Andernfalls könnte es passieren, dass wir loslegen dürfen, in einer Warmwetterphase sind und nicht loslegen können, weil der Schnee fehlt." Jedenfalls versuche man, die Pistenpräparierung so kosteneffizient wie möglich zu machen.

18. Dezember als Zieldatum

So wie den Schladmingern geht es heuer vielen im Land. Die Hoffnung auf eine gute Wintersaison ist verflogen, Schadensbegrenzung angesagt. Selbst wenn der strenge Lockdown am 6. Dezember enden sollte – Hotels und Liftanlagen werden wohl erst später aufsperren dürfen. Michaela Reitterer, Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV), nennt als realistisches Datum den 18. Dezember. Zuerst würden wohl Handel und Schulen wiederaufsperren dürfen.

Ob die Gastronomie auch in der ersten Welle der schrittweisen Öffnung dabei sein wird, könnte sich in der kommenden Woche entscheiden. Kriterium Nummer eins sind die Infektionszahlen und ihre Entwicklung. Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) hat von "2.000, besser noch 1.000" gesprochen und damit die Zahl der täglichen Neuinfektionen gemeint, auf die man im Dezember kommen müsse.

"Weit davon entfernt"

"Die Fallzahlen gehören gravierend heruntergedrückt", sagt Robert Seeber, Obmann der Bundessparte Tourismus- und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer Österreich. Er könnte sich länderspezifische Lösungen vorstellen, dass also in Regionen, wo das Infektionsgeschehen stark zurückgeht, rascher aufgesperrt wird als anderswo. "Aber davon sind wir noch sehr weit entfernt", gesteht der Oberösterreicher ein.

In Deutschland gilt eine Inzidenz von 50 als Maß aller Dinge, sprich 50 Neuinfizierte je 100.000 Einwohner im Wochenschnitt. Österreich liegt derzeit bei 430, war aber schon viel weiter darüber.

Sicher skifahren

Aber welche konkreten Vorgaben kommen nun von der Politik und den Experten? Ist Skifahren bei 1000 Fällen am Tag sicher möglich? Für Österreich ist der Wintertourismus immerhin ein Eckpfeiler der Wirtschaft. Nicht nur unzählige Unternehmen, sondern auch tausende Jobs hängen an der Branche. Wer sich unter Beratern umhört, stellt fest, dass tatsächlich offenbar keine genauen Modellrechnungen oder Kriterien für den Wintertourismus ausgearbeitet wurden – trotz seiner Bedeutung. Der Epidemiologe und Public-Health-Experte Gerald Gartlehner, der in der Ampel-Kommission sitzt, sagt, dass dort Wintertourismus und die Fragen, wann und wie sicher Ski gefahren werden kann, nie Thema waren. Studien dazu gibt es auch keine, sagt Gartlehner. Dennoch würde er dafür plädieren, Schwellenwerte festzulegen, damit sich Menschen und Betriebe orientieren können, was auf sie zukommt.

Auf los geht' s los, oder auch nicht. Das Coronavirus macht dem alpinen Tourismus heuer einen Strich durch die Rechnung.
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Der Simulationsforscher Niki Popper, der in der Taskforce des Gesundheitsministeriums sitzt, betont, dass Berechnungen zum Wintertourismus schwierig machbar sind. Freizeit ist für die Forscher besonders schwer vermessbar. Aber vor allem fehlen grundlegende Daten, um das machen zu können: Derzeit gibt es etwa keine Zahlen dazu, wie lange das Contact-Tracing in einzelnen Bundesländern dauert. Ohne einen solchen Wert kann aber auch nicht geschaut werden, wie viele andere Menschen jemand, der an Corona erkrankt ist, anstecken wird, eher er isoliert werden kann.

Keine konkreten Vorgaben

Obwohl die Pandemie schon seit März tobt, gibt es wenig Konkretes für die Tourismusbranche, an dem man sich festhalten könnte. Mit dieser Unsicherheit gehen die Hoteliers unterschiedlich um.

Während Hoteliers in Regionen mit hohem Österreicher-Anteil unter ihren Wintergästen wie Kärnten, die Steiermark oder Salzburg früher aufsperren möchten, stehen Branchenkollegen im Westen auf der Bremse. "Es gibt Hotels in Tirol und Vorarlberg, die erst Mitte Jänner aufsperren möchten", sagt Seeber. "Aus deren Sicht ist das verständlich, weil die einen hohen Anteil ausländischer Gäste haben, insbesondere aus Deutschland und Benelux, und die wegen bestehender Reisewarnungen wohl nicht kommen."

Ablehnung für Italiens Winter-Vorstoß

Vom Vorstoß des italienischen Premiers Giuseppe Conte, in diesem Ausnahmewinter sollten die Skipisten doch in ganz Europa einheitlich bis Mitte Jänner geschlossen bleiben, hält man in Österreich nichts. "Ich kann dem italienischen Vorstoß nichts abgewinnen", sagt Tourismusministerin Elisabeth Köstinger. "Winterurlaub in Österreich wird sicher sein. Unsere Betriebe haben bereits umfassende Sicherheitskonzepte für den Skiurlaub, Après-Ski wird es beispielsweise heuer nicht geben."

Und Finanzminister Gernot Blümel meint: "Wenn die EU tatsächlich vorgibt, dass die Skigebiete geschlossen bleiben müssen, dann bedeutet das Kosten von bis zu zwei Milliarden Euro. Wenn die EU das wirklich will, dann muss sie dafür auch bezahlen." Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder befürwortete am Dienstag geschlossene Skigebiete.

Wer ein Hotel für Weihnachten bucht und dieses die Leistung nicht erbringen kann, dem muss das Geld rücküberwiesen werden, sagt Peter Kolba vom Verbraucherschutzverein. Beim Rücktritt von einem Urlaub ist man, wenn man während des Lockdowns bucht, auf Kulanz angewiesen. Kolba: "Auf der Suche nach Gästen glaube ich, dass jetzt auch vermehrt kostenlose Stornos angeboten werden im Wintertourismus." (Günther Strobl, András Szigetvari, 25.11.2020)