Ein Foto aus guten Tagen: 2009 posierte Liz Christensen, Kuratorin der Deutschen Bank, vor Gerhard Richters imposantem Triptychon. Mittlerweile wurde es verkauft.

Foto: laif / Redux / The New York Times / Nicole Bengiveno

Kaum hatte die Deutsche Bank Anfang Juli 2019 den Abbau von etwa 18.000 Vollzeitstellen und einen Radikalumbau bis 2022 bekanntgegeben, wurde Gerhard Richters imposantes Triptychon aus der Lobby des New Yorker Headquarters an der Wall Street offenbar abtransportiert. Mit Faust ist der aus drei Gemälden bestehende, in auffälligem Gelb und Rot leuchtende Eyecatcher aus dem Jahr 1980 betitelt, und er misst drei mal sieben Meter. Ein beeindruckendes Format und das bekannteste Werk der Unternehmenssammlung.

Mit der Marktentwicklung für Arbeiten Richters im Laufe der vergangenen Jahre avancierte es wohl auch zu den wertvollsten Zimelien. Einzeln könnten sie bis zu 20 Millionen Euro bringen, in der vom Künstler vorgesehenen Dreierformation vielleicht 50 Millionen.

Als die Finanznachrichtenagentur Bloomberg Mitte Juli das Verschwinden bemerkte, stritt der Sprecher der Deutschen Bank (DB) einen Verkauf rundweg ab. Man habe bloß Platz für andere Kunstwerke machen wollen. Erst im Dezember gestand man der Süddeutschen Zeitung (SZ) die endgültige Trennung. Durch die Übersiedlung an einen anderen Standort in New York sei kein Platz mehr für dieses Monumentalwerk gewesen. Der Verkauf erfolgte diskret hinter den Kulissen, nicht über eine öffentliche Auktion, die zu viel Aufmerksamkeit erregt hätte. Den Erlös wollte man nicht nennen, den Käufer selbstverständlich auch nicht.

Warum diese Geheimniskrämerei? Jahrelang hatte man zu hören bekommen, dass die Bank "Kunst als Teil ihrer Identität" betrachte. "Kunst als kreatives Unterfangen zu unterstützen" sei "ein wichtiger Teil davon, ein guter Unternehmensbürger zu sein und nicht nur der Gesellschaft, sondern auch den Orten, Städten und Gemeinden, in denen die Bank tätig ist, etwas zurückzugeben."

Kunst will man weiterhin haben

Das Statement der für US-Amerika zuständigen DB-Kuratorin Liz Christensen ist austauschbar, nahezu jede Bank, die Kunst sponsert oder sammelt, formuliert es ähnlich. Zeitgleich betonen jene Akteure, die sich derzeit von Teilen ihrer Kollektionen trennen, am Programm festzuhalten, wenn auch in geringerem Umfang als bisher.

Würde jedoch bekannt, in welchem Umfang die Verkäufe stattfinden, entstünde der Eindruck, dass Kreditinstitute dazu gezwungen sind, diese Vermögenswerte versilbern zu müssen. Das könnte Aktienkurse belasten und Unsicherheiten im Hinblick auf die Kreditwürdigkeit schüren.

Im Falle der Deutschen Bank war Faust nicht das einzige Kunstwerk, von dem man sich im Stillen längst getrennt hatte, wie die SZ herausfand. Noch 2016 umfasste die Sammlung 59.000 Werke, drei Jahre später nur noch 55.000. Es habe im Vorstand sogar Überlegungen gegeben, sich von noch größeren Teilen der Kunstsammlung zu trennen, die ja nichts mit dem Kerngeschäft zu tun habe.

Ihr Wert soll dem Vernehmen nach bei unter 500 Millionen Euro liegen. Gemessen am Umfang klingt das moderat, erklärt sich jedoch an dem Ende der 1970er-Jahre festgelegten Konzept: Die Kunst soll überall dort hängen, wo Menschen – sowohl Mitarbeiter als auch Kunden – sind, in Sitzungszimmern, Büros oder Kassenräumen. Deshalb lag der Schwerpunkt bei den Werken auf Papier: Zeichnungen, Grafiken und Fotografien.

Deutsche Expressionisten verkauft

Dem SZ-Bericht zufolge hatte man seit 2014 also 4000 Werke verscherbelt, zuletzt vor allem deutsche Expressionisten wie Erich Heckel, Emil Nolde oder Max Beckmann – über Galerien und Auktionshäuser. Die Gemeinsamkeit aller: die Deutsche Bank wurde in den Herkunftsangaben nicht erwähnt, die Provenienz der Werke findet sich allenfalls in der Fachliteratur. Das wird auch weiter so gehandhabt.

Bei all jenen – etwa ein Aquarell von Egon Schiele, das im Oktober via Christie’s in Paris versteigert wurde –, die einer Ankündigung von Anfang Oktober zufolge in den nächsten Jahren abgestoßen werden. Bei Christie’s und demnächst auch bei Ketterer in München (11.–12. Dezember 2020).

Offiziell soll "ein signifikanter Teil der Erlöse für den Ankauf von Werken aufstrebender künstlerischer Talente" verwendet werden. Ähnlich formuliert es die Bank Austria in Österreich, die – wie alle anderen Tochtergesellschaften – im Februar 2019 von der Konzernmutter Unicredit vor vollendete Tatsachen gestellt wurde: Kunstsammlungen werden verkauft und der Erlös vor allem in das Sozialprojekt "Social Impact Banking" reinvestiert. Zum Teil sollen aber auch junge Künstler gefördert werden. In einem ersten Schritt soll der Abverkauf um die 50 Millionen Euro bringen.

Keine Präsentationsflächen

Dass man im Zuge radikaler Sanierungsprogramme auch auf solche Assets zurückgreift, ist durchaus nachvollziehbar. Seit 2016 wurden 14.000 Stellen gestrichen und 1000 Filialen geschlossen. Vor zwölf Monaten legte man nach und kündigte einen weiteren Abbau an: In Italien, Deutschland und Österreich soll die Zahl der Mitarbeiter um zwölf Prozent reduziert werden, 17 Prozent der Filialen sollen geschlossen werden.

Mit der Schließung von Niederlassungen und der Übersiedlung in kostengünstigere Liegenschaften mit Großraumbüros kam die Mehrheit der Präsentationsflächen abhanden. Ein wesentlicher Verwendungszweck der Kunst erübrigt sich folglich. Auch die über Fusionen im Laufe der Jahre angewachsene Sammlung der Bank Austria muss ihr Scherflein beitragen.

Ab Herbst 2019 wurde via Christie’s in London, Amsterdam und Zürich eine erste Tranche versteigert. Die Hypo Vereinsbank musste nicht weniger als 314 Werke opfern, darunter alle Gemälde von Gerhard Richter. Bei der Bank Austria waren es vorerst knapp 60, aktuell kamen im Dorotheum weitere rund 50 unter den Hammer.

Abschied im Geheimen

Besonders transparent geht die Unicredit allerdings auch nicht damit um. Bisher erzielte Erlöse sind nicht in Erfahrung zu bringen, die Auktionshäuser bekamen einen Maulkorb verpasst. Und wie auch schon bei der Deutschen Bank werden die genauen Herkunftsangaben in den Auktionskatalogen kaschiert.

In den Auktionskatalogen wird bei den einzelnen Kunstwerken weder die Unicredit noch eine der Tochtergesellschaften als Eigentümer angeführt. Bei einem etwaigen Wiederverkauf eines Werks aus diesem Bestand in ein paar Jahren wird es keinen Hinweis mehr auf diese Provenienz geben.

Eine offizielle Erklärung für dieses auf dem internationalen Kunstmarkt eher unübliche Vorgehen gibt es nicht. Kundenwunsch, lassen die Auktionshäuser durchblicken. Einem Insider zufolge, der nicht namentlich genannt werden will, treibt die genannten Banken die Sorge eines drohenden Reputationsverlusts, würden solche Details dokumentiert.

200 Werke in Depots

Auch die Bawag begann vor einigen Jahren vergleichsweise diskret mit Verkäufen aus ihrer Sammlung. Dabei ging es jedoch nicht um die teilweise auf Pump erworbene Privatsammlung des für Fehlspekulationen verantwortlichen Investmentbankers Wolfgang Flöttl, sondern um den Start der Ankaufstätigkeit unter dem Regime seines Vaters Walter Flöttl: ab 1972 Generaldirektor und von 1981 bis zu seinem Ruhestand Ende 1995 Vorstandsvorsitzender der Bawag.

Die 1974 gegründete Bawag Foundation zielte auf die Förderung des Dialogs zwischen Kunst und Kunstinteressierten ab und veranstaltete Ausstellungen. Nach Flöttls Abgang begann man sich unter Helmut Elsner ab 1995 auf zeitgenössische Kunst auch internationaler Vertreter zu konzentrieren.

Den Anfang vom Ende der Sammlungstätigkeit bescherte die Übernahme der Bank vom US-Fonds Cerberus. Nach einer Übergangsfrist begann 2014 der Abverkauf der Sammlung. Manches wurde über heimische Auktionshäuser versteigert, die legendäre und eigens bei Tony Cragg in Auftrag gegebene Bronzeskulptur Ferryman, die zuletzt vor der Firmenzentrale auf dem Georg-Coch-Platz stand, wurde an einen Privatsammler verkauft.

Dem Vernehmen nach lagern derzeit noch etwa 200 Werke in Depots. Das fehlende Sammlungsprofil dürfte sich nun rächen, denn das Konzept der Anhäufung war stets mäzenatischer Natur gewesen. Vieles wurde direkt von Künstlern oder deren Galeristen zu Preisen erworben, die auf dem Markt nicht realisierbar sind. Die Vorgabe der neuen Eigentümer lautet jedoch, dass jedes Werk zumindest den Buchwert zuzüglich einer bestimmten Rendite abwerfen muss.

Ein Helnwein für Helnwein

Das Mutter, du hier? betitelte Bild von Gottfried Helnwein entstand 1971 noch während seines Studiums an der Wiener Akademie der bildenden Künste.
Foto: Christie's

Aus dem Fundus der Bank Austria stammt ein wichtiges Frühwerk von Gottfried Helnwein. Das Mutter, du hier? betitelte Bild entstand 1971 noch während seines Studiums an der Akademie der bildenden Künste. Mit der das Gesicht entstellenden Wundnarbe nahm er Bezug auf die NS-Zeit und legte die Fassade des von den Nationalsozialisten verunstalteten Mutter-Idealbilds frei.

1985 gastierte das Bild in einer Ausstellung in der Albertina, nach der es von der Zentralsparkasse angekauft wurde. Die Bank ging 1991 aus der Fusion mit der Länderbank in die "Z-Länderbank Bank Austria AG" auf – und die hauseigene Kunstsammlung wanderte mit.

Die Bank Austria entschloss sich 2019 zum Verkauf des Bildes via Christie’s Amsterdam. Der Schätzwert lag bei lächerlichen 6000 bis 8000 Euro. Kaufinteressenten trieben den Preis schließlich bis auf 30.000 Euro (inkl. Aufgeld). Bei wem das bemerkenswerte Gemälde eine neue Heimat fand? Bei Gottfried Helnwein, der es kürzlich für seine eigene Sammlung zurückkaufte.

Teure Picasso-Geliebte

Pablo Picassos Le Rêve wurde 1997 von Wolfgang Flöttl ersteigert.
Foto: Picturedesk.com / AFP / Stan Honda

Die Fehlspekulationen von Wolfgang Flöttl trieben die Bawag fast in den Ruin. Zur Schadensbegrenzung diente sein Privatvermögen: darunter eine knapp 80 Werke umfassende Kunstsammlung, die er jedoch auf Pump erworben hatte.

Um die Kunstwerke zu verwerten, musste die Bawag zuerst die Schulden tilgen. Intern hatte man die Sammlung bei einer Besichtigung in einem Züricher Depot auf stolze 700 Millionen Euro geschätzt. Der von Flöttl betreute Notverkauf brachte mit rund 193 Millionen Euro nur einen Bruchteil davon ein.

Das bekannteste Werk: Pablo Picassos Le Rêve. 1997 hatte es der Ex-Investmentbanker für gut 48 Millionen Dollar in New York ersteigert. Im August 2000 verkaufte er das Gemälde für 65 Millionen Dollar an Steve Wynn.

Der US-amerikanische Kasinomagnat trat es wiederum 2013 für 155 Millionen Dollar an den Hedgefondsmanager Steven A. Cohen ab. Zuletzt war das Porträt der Picasso-Geliebten Marie-Thérèse Walter 2018 bei einer Ausstellung in der Tate Modern (London) öffentlich zu sehen. (Olga Kronsteiner, Magazin "Portfolio", 4.1.2021)