Katalin Karikó hat mit ihren Forschungen den Grundstein für die mRNA-Impfungen und weitere mögliche neue RNA-Therapien gelegt.

Foto: Biontech

Katalin Karikó stand – zumindest in Sachen öffentliche Bekanntheit – innerfamiliär lange im Schatten ihrer eigenen Tochter: Zsuzsanna "Susan" Francia gewann nämlich als Ruderin 2008 in Peking und 2012 in London Olympische Goldmedaillen, dazu kamen noch fünf Weltmeistertitel für die USA. Spät, aber doch steht nun aber die heute 65-jährige Biochemikerin im Rampenlicht – nach mehr als vier Jahrzehnten beharrlicher Forschung über Ribonukleinsäure. Dieses Biomolekül sorgt in unseren Zellen als Boten-RNA (mRNA) dafür, dass genetische Information der DNA in Proteine umgewandelt wird.

Karikós Erkenntnisse ebneten nämlich den Weg dafür, dass die Firmen Biontech/Pfizer sowie Moderna Impfstoffe gegen Covid-19 entwickeln konnten, die vermutlich demnächst genehmigt und zum Einsatz kommen werden. Seit einiger Zeit wird Karikó deshalb auch als heiße Kandidatin für einen der nächsten Chemienobelpreise gehandelt, zumal die Bedeutung ihrer Entdeckungen weit über neue Impfungen gegen das neue Coronavirus hinausgeht. (Einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag hat sie freilich immer noch nicht, aber immerhin einen schwedischen.)

Von Ungarn in die USA

Die gebürtige Ungarin begann ihre wissenschaftliche Karriere an der Uni Szeged, wo sie RNA synthetisierte. 1985 nahm sie eine Einladung der Temple University in Philadelphia an und übersiedelte mit ihrem Ehemann, einem Ingenieur, und ihrer damals zweijährigen Tochter in die USA. Im Gepäck befand sich auch ein Teddybär, in dem 900 Dollar versteckt waren: das Startkapital, das sie mit dem Verkauf ihres Wagens lukriert hatte.

1989 wechselte sie an die medizinische Fakultät der University of Pennsylvania, und dort wurde ihr langsam klar, dass man künstlich hergestellte mRNA zur Behandlung von Krankheiten einsetzen könnte. Das war vor allem harter Arbeit ohne einen einzigen freien Tag geschuldet, manchmal schlief sie auch im Labor. Diese Arbeitsethik hat, wie Karikó im Interview mit der britischen Zeitung "The Guardian" vermutet, auch ihre Tochter zum harten Training angespornt.

Allzu revolutionäre Ideen

Karikós Ideen war damals freilich zu revolutionär, und es gab auch ein Problem, das erst noch zu lösen war: Die synthetisierte mRNA sorgte im Körper für Entzündungsreaktionen. Die Lösung gelang gemeinsam mit Drew Weissman, indem die beiden einen der vier Bausteine der mRNA modifizierten. Die 2005 publizierte Entdeckung fand damals wenig Beachtung. Weitere wichtige Publikationen zum Thema folgten, doch nur einige wenige erkannten, dass damit das Tor zu einer Revolution in der Biomedizin aufgestoßen wird. Einer von ihnen war Derrick Rossi, Mitgründer der Firma Moderna, die ganz auf die neue RNA-Technologie setzt.

Karikó hatte auch ein Jobangebot von Moderna, übersiedelte aber 2013 nach Mainz, um bei der Firma Biontech mitzuarbeiten, wo sie heute Senior-Vizepräsidentin ist. Diese beiden Firmen sind nun in der Poleposition bei den Covid-19-Impfstoffen, die nur auf Basis der Entdeckungen von Karikó und Weissman möglich wurden und diese dafür auch lizensierten.

Viele neue Therapieoptionen

Der Marktwert der aufstrebenden Biotech-Unternehmen liegt jeweils jenseits der 20 Milliarden Euro – und zwar nicht nur wegen der Impfung, denn die mRNA-Technologie könnte für eine Vielzahl von Krankheiten völlig neue Behandlungsmöglichkeiten eröffnen. Kalikó forscht etwa daran, wie man Epidermolysis bullosa, die sogenannte Schmetterlingshaut, mittels mRNA heilen könnte.

Im Moment ist sie aber erst einmal froh, dass sie es erleben darf, dass etwas, woran sie forschte, auch tatsächlich zugelassen wird, wie sie dem "Guardian" sagte. "Zweifel daran, dass es funktionieren würde, hatte ich nie." (Klaus Taschwer, 26.11.2020)