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Glitzer, Glanz und Gloria. Der Name Swarovski funkelt wie ein fein geschliffener Edelstein, auch die Leute, die ihn tragen. Da wäre Nadja Swarovski, Marketingmanagerin das Tiroler Kristallkonzerns, von der die Vogue schrieb, sie könnte genauso gut Schauspielerin oder ihr eigenes Testimonial sein. Da wäre Fiona Swarovski, die Frau des berühmten Exfinanzministers, da wäre Victoria Swarovski, Sängerin und Fernsehmoderatorin, um nur ein paar zu nennen.

Nadja Swarovski ist eine von mehr als 80 Gesellschaftern des Tiroler Kristallkonzerns.
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Die Swarovskis schleifen seit 1895 Glas, und neben dem Unternehmen ist auch die Familie riesig groß geworden. Mehr als 200 Mitglieder hat die (bisher) in drei Stämme geteilte Familie, großteils in Österreich und in der Schweiz. Mehr als 80 von ihnen lenken als Gesellschafter die Geschicke des Unternehmens, das 30.000 Mitarbeiter beschäftigt. Und wie in Großfamilien üblich, geschieht das nicht ganz friktionsfrei. Immer wieder geraten die Swarovskis aneinander, so schlimm – und öffentlich – wie heuer war es aber noch nie.

Das sagen Kenner der Familie, die von einem Drama sprechen, dessen Vorspiel schon vor Jahrzehnten begonnen habe. Längst hätte man die Gesellschaftsstruktur, die es zig Miteignern erlaubt mitzureden, verändern müssen. Schon 1995, als das Unternehmen in Wattens hundert wurde und André Hellers Kristallwelten eröffnete, wusste ein Banker: "Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die heutige Konstruktion in eine Katastrophe führen muss."

Ein neuer Stamm entsteht

Katastrophe kam keine. Sollte sich der neue Swarovski-Chef Robert Buchbauer durchsetzen, gliche das einer Revolution. Er will die Strukturen entwirren und alle Geschäftsfelder unter einem Dach vereinen. So soll der Betrieb führbar werden: "Unser derzeitiger Gesellschaftsvertrag ist auf eine kleine Gruppe von Gesellschaftern zugeschnitten, die es so nicht mehr gibt. Jede Veränderung größeren Ausmaßes braucht eine sehr hohe Zustimmung", beklagt Buchbauer die Trägheit des Unternehmens.

Kommt nicht infrage, sagt "Stamm Manfred", der laut eigenen Angaben knapp 20 Prozent der Anteile hält. Die Manfredianer haben längst Klagen gegen das Reformvorhaben eingebracht. Der Konflikt droht zu eskalieren – und nicht nur Millionen Euro, sondern auch einiges an Reputation zu kosten.

Buchbauer drohte Familienmitglied

Dem Manfredianer Helmut Swarovski ließ Buchbauer – Helmuts Neffe zweiten Grades – schriftlich ausrichten, dass er abgesetzt werde, sollte er der Reform bis 9. Dezember nicht zustimmen. Die wurde Ende Oktober von Gesellschaftern, die rund 80 Prozent der Anteile halten, beschlossen und sei rechtswirksam, sagt die Konzernführung. Stimmt nicht, sagt die Opposition, es brauche Einstimmigkeit. Besiegelt wäre die Reform erst mit Eintragung ins Firmenbuch, gegen die sich aber Helmut Swarovski (Vater von Nadja) sträubt – und er sitzt in wichtigen Entscheidungsgremien.

Allein dass es den u. a. von ihm, Paul Swarovski (Vater von Victoria) und Christoph Gerin-Swarovski repräsentierten Stamm Manfred gibt, zeigt, wie tief die Sprünge im Kristallkonzern schon sind. Denn bislang gab es nur drei Stämme, innerhalb derer auch vererbt wird: die Nachkommen des Chemikers Wilhelm, des Maschinenbauers Fritz und des Kaufmanns Alfred. Sie alle waren Söhne von Firmengründer Daniel. Stamm Manfred wird von den anderen gar nicht anerkannt. Er hat sich vom Stamm Fritz abgespalten, zu dem auch der reformlustige Konzernchef gehört.

Die Fernsehmoderatorin Victoria Swarovski gehört auch zum Manfred-Stamm der Familie.
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Stamm gegen Stamm, das ist nun die Devise. Manfredianer, darunter viele Techniker, werfen den Mächtigen im Fritz-Stamm vor, mit dem Kern des Unternehmens, der Produktion in Wattens, zu fremdeln; Buchbauer lebe ja sogar in der Schweiz.

Das "Urproblem" des Konzerns

Vertreter eines gegnerischen Stamms halten dagegen. Bei den Manfredianern passe Selbst- und Fremdbild seit langem nicht mehr zusammen, sie überschätzten ihre Leistungen im Unternehmen. Sie seien jene, denen über Generationen eingetrichtert worden sei, sie seien die wahren, die besseren Swarovskis.

Zwar hätten einige von ihnen hervorragende Leistungen erbracht, gute Manager seien sie aber nicht. Die Rede ist von "tiefsitzenden Kränkungen" und vom "Urproblem" des Konzerns: der Frage, ob Familienmitglieder überhaupt im Management sitzen sollen.

Der Vorwurf der Manfredianer lautet gleich, geht nur in die Gegenrichtung. Das derzeitige Management habe das Unternehmen in den vergangenen zehn Jahren heruntergewirtschaftet und wolle sich jetzt, mit seiner Strukturreform, aus der Verantwortung stehlen. Für eine Reform seien sie ja auch – aber die Pläne Buchbauers lehnen sie strikt ab.

1895 hat Daniel Swarovski begonnen, in Wattens Glas zu schleifen. Seither hat sich der Betrieb nicht nur zum Leitbetrieb der Region, sondern zu einem der erfolgreichsten Luxuskonzerne der Welt gemausert. Zuletzt kriselte das Glitzerreich jedoch.
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Furcht vor feindlicher Übernahme

Um die Flügelkämpfe in der Tiroler Glitzerfamilie zu verstehen, muss man wissen: Der Umgang in der D. Swarovski KG, so heißt die Wattener Kernfirma, wird durch eine Familienverfassung aus den 70er-Jahren geregelt, sie ist streng geheim. Was man weiß: Familienstämme dürfen ab einem bestimmten Beteiligungsanteil Mitglieder in den Beirat schicken, in dem die Fäden der Macht zusammenlaufen. Buchbauers Reform (ebenjene, um deren Rechtswirksamkeit gestritten wird) sieht vor, dass eine Schweizer Holding der Familie, die er führt, mit mehr als 80 Prozent in die D. Swarovski KG einsteigt. Eine Kapitalspritze samt Verschiebung der Stimmrechte.

Der Unterstamm Manfred befürchtet eine Verwässerung der eigenen Rechte und spricht von einer feindlichen Übernahme. Buchbauer beruft sich freilich auf die in seinen Augen rechtswirksamen Beschlüsse.

Kein Wunder, dass all das große Streitigkeiten im schwerreichen Familienclan auslöst, die alle bisherigen Auseinandersetzungen im Hause Swarovski überstrahlen. Verstärkt wird das alles durch die wirtschaftlichen Probleme infolge der Corona-Krise: Im März wurden 90 Prozent der Geschäfte geschlossen, in denen die geschliffene Glitzerware weltweit verkauft wird. Der Konzern, der 2019 noch 3,5 Milliarden Euro umgesetzt hat, rechnet für heuer mit einem Minus von 30 Prozent.

Die Corona-Pandemie setzte dem Glitzerimperium schwer zu. Phasenweise war der Großteil der Swarovski-Geschäfte weltweit geschlossen.
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Sprünge im Glas

Während es im Frühling noch geheißen hatte, am Stammsitz in Wattens werde es zu keinen Kündigungen kommen, sah im Juli alles anders aus. Von derzeit 4600 Jobs im Stammwerk werden bis 2022 rund 1600 wegfallen. Begründung: Das Komponentengeschäft, in dessen Rahmen die Glitzersteine zwecks Weiterverarbeitung verkauft werden, ist seit langem nicht mehr profitabel.

Und: In Wattens schlägt die Stimmung um. Immer mehr Mitarbeiter beschleicht der Verdacht, der Familie gehe es weniger ums Unternehmen als um ihre Macht. (Aloysius Widmann, Renate Graber, 28.11.2020)