Ihn gilt es zu überwinden.

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Falco hat sich so gut wie immer verständlich gemacht, doch eine Textzeile aus Junge Römer gibt seit jeher Rätsel auf. "Das Tun kommt aus dem Sein allein" – was, bitte schön, soll das heißen? Es ist doch ganz genau umgekehrt, aus dem Tun allein kommt das Sein. Oder andersrum: ohne Rasten kein Rosten. Momentan merkt das die Menschheit besonders, weil der Lockdown ein Hund ist und Corona eine richtige Sau. Da wächst sich zwangsweise – innen, wo sonst? – ein Schweinehund aus. Dazu noch der November! Draußen wird es dunkel, bevor es hell geworden ist. Die Couch zieht magnetisch an, Hand und Handy sind sowieso fast schon miteinander verwachsen. Frage: Wer will sich da noch in Bewegung setzen?

"Alle", sagt Paul Haber, "egal ob jung oder alt, möglichst alle sollten sich in Bewegung setzen." Der renommierte Wiener Sportmediziner wird nicht müde zu betonen, "dass Bewegungsmangel die Seuche des 21. Jahrhunderts ist". Corona ist dazu angetan, zur Verbreitung auch dieser Seuche noch beizutragen. Haber: "Fast alle Zivilisationskrankheiten werden durch Bewegungsmangel befördert."

Rührt euch!

"Bewegung stärkt das Immunsystem", sagt Haber.
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Wohingegen regelmäßige Bewegung "auch die Immunkompetenz verbessert". Menschen, die sich nicht rühren, sind anfälliger als Menschen, die sich rühren. Rühren, das meint regelmäßige Bewegung. "Das medizinische Optimum", sagt Haber, "sind zweieinhalb bis drei Stunden Ausdauertraining pro Woche", aufgeteilt auf zwei bis vier Einheiten. Mehr braucht es gar nicht. Ausdauertraining? Klingt schon einmal ziemlich langweilig. Doch es kommt laut Haber auf die Einstellung und auf die Umgebung an. "Ob das Zimmerfahrrad vor einer gekachelten Wand steht oder vor dem Fernseher, macht einen Unterschied."

In diese Kerbe schlägt auch die Sportpsychologin Judith Draxler-Hutter. Die frühere Weltklasseschwimmerin rät, die Bewegung, die derzeit oft solo ausgeübt werden muss, "mit einem sozialen Aspekt" zu kombinieren. "Beim Joggen oder Spazierengehen zumindest ab und zu mit einer Freundin oder einem Freund telefonieren, das ist keine schlechte Idee."

Fußball, Volleyball, Tennis oder Turnen in einer Gruppe spielt es derzeit halt nicht. Was es spielt, sind Ausdauersportarten, die sich allein oder vielleicht zu zweit ausüben lassen. Beim Skilanglauf werden bis zu 80 Prozent der Muskulatur beansprucht, beim Laufen bis zu 60, beim Radfahren bis zu 40 Prozent. Auch Rudern oder Schwimmen wären Disziplinen, die der Sportmediziner empfiehlt. "Zumindest ein Viertel bis ein Drittel der Muskeln sollte in Bewegung sein", sagt Haber, auch Präsident des jüdischen Sportvereins Hakoah. Wer sicher sein will, in welchem Pulsbereich er idealerweise trainiert, unterzieht sich am besten einem medizinischen Leistungstest. Die Formel 180 minus Lebensalter führt meist zu einem guten Mittelwert.

Speziell älteren Menschen legt Haber auch ein Muskelaufbautraining ans Herz. Das sei auch in den eigenen vier Wänden möglich, leichte Hanteln können nicht schaden, ansonsten müsse man bloß zweimal pro Woche eine halbe Stunde Zeit investieren, nicht mehr.

"Ausprobieren, neue Reize setzen", rät Draxler-Hutter.
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Alles schön und gut. Doch wie sich motivieren? Wie die Kinder motivieren, die im Radausflug mit den Eltern alles, aber sicher keinen Ersatz fürs Vereinstraining mit anderen Kindern sehen? Laut Draxler-Hutter soll man gar nicht erst lange darüber nachdenken, "was alles nicht geht". Besser sei es, "neue Reize zu setzen", etwas auszuprobieren, aus der Lage das Beste zu machen. Kindern gegenüber gilt es, die Bewegung quasi richtig zu transportieren. "Wenn Sport nur als Anstrengung rüberkommt, reagieren Kinder vielleicht abwehrend." Da kann es helfen, die geplante Bewegung in eine Geschichte zu verpacken – sei es der Abstecher zur geheimnisvollen Burg, sei es das Sammeln von Kastanien zum Basteln.

Und man soll sich und andere zunächst nicht überfordern. "Es ist wichtig, eher mit leichten Vorgaben anzufangen, nicht gleich zwei Stunden laufen zu gehen, am Ende nicht völlig fertig, sondern so beisammen zu sein, dass man sich schon aufs nächste Mal freut", sagt Draxler-Hutter. Natürlich hilft es, sich für Sporteinheiten fixe Termine im Kalender einzutragen. Haber stimmt zu: "Wer nur dann laufen geht, wenn er zufällig Zeit hat, der geht selten laufen."

Was die Kinder angeht, noch ein heißer Tipp: Tanzen daheim vor dem Fernseher geht immer und kann helfen, Stress abzubauen. Man ist ja unter sich. Discokugel an, Youtube-Video ab, und schon geht’s los. Vielleicht auch zu Falco, dann aber lieber zu den Helden von heute als zu den Jungen Römern. (Fritz Neumann, 29.11.2020)