Eigentlich hätte Esteban Bekerman verganenen Mittwoch seiner Tochter bei ihrer Hausübung helfen sollen. Seine Frau sagt ihm, dass Diego Maradona gestorben sei. Er glaubt ihr erstmal nicht. Dann bleibt der Moment für den Fußballhistoriker und Journalisten kurz stehen, alles ändert sich.

STANDARD: Wie ist die Stimmung in Argentinien?

Bekerman: Es sind die Tage danach. Der Tod Maradonas ist eine nationale Tragödie. Es ist tragisch. Es ist das einzige Thema in jeder Unterhaltung. Es ist wirklich seltsam, ich kann mich an nichts Vergleichbares erinnern.

STANDARD: Wie haben Sie auf die Nachricht reagiert?

Bekerman: Als meine Frau es mir erzählt hatte, dachte ich im ersten Moment, dass es eine Falschmeldung sei. Fake news. Hier in Argentinien verbreiten sich Gerüchte und Falschmeldungen schnell über Whatsapp-Gruppen und soziale Medien. Erst nachdem ich auf ein paar vertrauenswürdigen Seiten nachgelesen habe, wusste ich, dass es stimmt. Der Tag ist in diesem Moment stehengeblieben. Alles hat sich verändert.

STANDARD: An welche Momente haben Sie sich erinnert?

Anteilnahme.
Foto: AFP/MABROMATA

Bekerman: An meine Kindheit. Mein Vater hat mich zu den Argentinos Juniors mitgenommen, um diesen Bub zu sehen. Ich kann mich ehrlich gesagt nicht direkt an Maradona erinnern, aber ich bin sicher, dass er da war. Natürlich auch noch das Match gegen England. Die Tore, das ganze Spiel. Ich weiß noch genau, wo ich damals war.

STANDARD: Argentinien bringt immer wieder Fußballspieler mit Weltformat heraus. Was ist das Besondere am Mythos Maradona?

Bekerman: Er hat uns mehr gegeben, als jeder andere Spieler. Die Weltmeisterschaft. Kein anderer Spieler hatte einen so großen Einfluss. Das begrenzt sich nicht nur auf Argentinien. Ich glaub, und das sage ich als Historiker, dass keine andere Mannschaft einen Spieler hatte, der so einen großen Einfluss auf das Spiel des Teams hatte. Das gab es davor nicht und hat es auch danach nicht mehr gegeben.

Er hatte außerdem eine Führungsrolle. Er sah sich selbst als Held und nicht nur als normalen Spieler. Nicht nur ein Fußballer, der dazu berufen war, Großes zu leisten. Er war ein Held der Armen, auch in Italien und immer ein Teil der sozial schwachen Gesellschaft. Es hatte etwas Mythologisches. Eine mythologische Figur. Er war mehr als ein Spieler.

STANDARD: Hat sich dieses Bild in den Jahren nach seiner aktiven Karriere verändert? Wie hat die argentinische Öffentlichkeit seine Auftritte wahrgenommen?

Bekerman: Ja es gab viele, die das schlecht bewertet haben. Teilweise hatte das mehr Gewicht, als seine Erfolge als Fußballer. Das hat auch viel mit seiner Herkunft aus dem Armenviertel zu tun. Viele wollten nicht wahrhaben, dass ein armer Bub so eine wichtige Rolle in der Gesellschaft haben kann. Es gibt in Argentinien noch immer einen weitverbreiteten Hass auf Menschen in Armut.

STANDARD: In Europa und besonders in Österreich merkt man, dass die Nachricht von seinem Tod vor allem bei Menschen über 30 einschlug. Gibt es auch in Argentinien einen Unterschied in den Generationen?

Bekerman: Nein, es ist keine Frage von Alter oder Generationen, sondern eine Frage von sozialer Akzeptanz.

STANDARD: Es gibt so viele Geschichten und Anekdoten rund um die Person Maradona. Wie würden Sie ihn beschreiben?

Bekerman: Als Helden. Also wie man sich einen Helden vorstellen würde, mit all seinen Stärken und aber auch all seinen Schwächen. Und es ist wohl nicht leicht ein Held zu sein. Vielleicht war er auch nicht bereit. Er hatte weder die Bildung noch das richtige Umfeld und das macht ihn sogar noch größer. Die Schwere dieser Bürde trug er immer mit Haltung. Wenn er gebraucht wurde, wenn er etwas sagen musste, wenn er helfen konnte, war er immer da. Maradona hat nie seine Bescheidenheit verloren.

Esteban Bekerman: "Es gibt in Argentinien noch immer einen weitverbreiteten Hass auf Menschen in Armut."
Foto: Privat

STANDARD: Seine Auftritte waren doch teilweise skurril.

Bekerman: Das ist seine Privatsache. Er war bei Pressekonferenzen immer höflich und hat uns nie spüren lassen, dass er etwas Besseres sei. Er war einzigartig.

STANDARD: Er war der erste Superstar im Weltfußball.

Bekerman: Da kommen viele Dinge zusammen. Die Weltmeisterschaft 1986, die aufkommende Fernsehberichterstattung. Er war die richtige Person im richtigen Moment. Ich habe das Gefühl, dass sein Leben aus dem Drehbuch für einen großen Film stammt. Auch der Tod, in seiner Überraschung und dem Schock, den er verursachte. Das alles passiert ausgerechnet in einer Zeit, in der der Respekt für ihn stetig wuchs. Er wurde gerade überall gefeiert. Es wirkt wie ein Moment, in der er sich aussuchen würde, zu sterben.

STANDARD: Es gab auch viel Kritik an seiner Person.

Bekerman: Ja, vor allem, dass er sich nicht um seine Söhne gekümmert hatte. Es gib viele, die sagen: "Maradona war groß, aber ich kann ihn nicht feiern, weil er diese Einstellung hat." Ich glaube, dass man das Trennen kann. Für mich gibt es nur einen Maradona.

STANDARD: Einen großen Anteil an seiner Legende hat die WM in Mexiko. Warum ist das Turnier so speziell?

Bekerman: Weil es in Mexiko und nicht in Buenos Aires war und dadurch nicht unter Verdacht kam, geschoben oder abgesprochen zu sein. Fußball kam durch das Fernsehen in alle Haushalte und wurde zum Spektakel. Und mit ihm Maradonas Auftritte.

STANDARD: Ein unrühmliches Kapitel war seine Rolle als argentinischer Nationaltrainer. Wie wurde das aufgenommen?

Bekerman: Zu dieser Zeit habe sogar ich Maradona kritisiert. Es war damals die einfache Lösung des Verbandspräsidenten Julio Humberto Grondona, um bessere Kandidaten wie etwa Carlos Bianchi zu vermeiden. Er war selbst nicht ganz sicher, aber sein Sohn Humbertito hat ihn davon überzeugt. Das war eigentlich eine kleine Tragödie, weil Maradona nie dazu imstande war der Trainer des Nationalteams oder irgendeines anderen Teams zu sein. Das konnte er nicht und das hat sich auch bei der Weltmeisterschaft 2010 gezeigt. Da waren große Fehler dabei, vor allem dass er nach der Gruppenphase nicht mehr auf Juan Sebastian Veron gesetzt hatte. Das verstehe ich heute noch immer nicht.

STANDARD: Selbst das hat nicht an seinem Status gekratzt?

Bekerman: Nein, weil wir dankbar sein müssen, was er für dieses Land geleistet hat. Man muss seine Rollen trennen. Und das Versagen als Trainer mindert diese Dankbarkeit nicht. Man darf es nicht mit blinder Verherrlichung verwechseln. Ich kann dankbar sein und gleichzeitig seine Rolle als Trainer kritisieren.

STANDARD: War ein Maradona ein glücklicher Zufall für Argentinien?

Die Last Argentiniens.
Foto: REUTERS/Marcarian

Bekerman: Wenn man Maradona in einen historischen Kontext setzt, wird klar warum er Argentinier ist und nicht aus einem anderen Land kommt. Maradona ist das Resultat einer argentinischen Tradition. Ein Journalist aus Uruguay hat schon 1928 geschrieben, dass argentinischer Fußball genau das ist: Ein kleines Kind, das im Dreck im Potrero spielt und sich dort besondere Fähigkeiten aneignet. Es geht nicht nur um die Technik sondern auch um die Aufmerksamkeit im Spiel und den Spaß am Spiel. Das klingt wie eine Prophezeiung. Es ist historisch logisch, dass Maradona Argentinier war. Er war die Dessertkirsche und kein Alien, das zufällig mit besonderem Talent auftauchte. Wir haben uns immer so jemanden erwartet.

STANDARD: Und Messi?

Bekerman: Genau das ist der Grund warum Messi nicht einfach Messi ist. Wir haben immer von ihm erwartet, dass er einer wie Maradona wird, der Druck für ihn hier ist immens. Deshalb ist er im Nationalteam nicht so erfolgreich, er muss eine große Last tragen. So kann er nicht der beste Messi sein. (Andreas Hagenauer, 28.11.2020)