In der sogenannten Trotzphase, eigentlich Autonomiephase, hören Kinder besonders oft ein "Nein" von Bezugspersonen hören.

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Fragen über Fragen, die Gehirnregionen spielen Pingpong, dabei ist es noch nicht mal acht Uhr. Die Waschmaschine piepst mit scharfem Ton, als würde sie rufen: Die Wäsche gehört jetzt aufgehängt, ein Nein, später, akzeptiere ich nicht. Der Frühstückstisch steht noch vollgeräumt da. Er bräuchte auch Aufmerksamkeit, aber er piepst nicht, sondern erträgt stoisch die schmutzigen Teller und Brotbrösel.

Klare Entscheidungen sind im Familienalltag fast pausenlos notwendig. SOS-Kinderdorf wollte auf seiner Facebook-Seite von Eltern wissen: "In welchen Alltagssituationen sind Sie besonders gefordert?" Schlafengehen ist so eine Problemzone: "Mir fällt es schwer, Nein zu sagen, wenn die Kinder möchten, dass ich bei ihnen bleibe, bis sie schlafen. Das habe ich selbst als Kind so gemocht. Also bleibt fast jeden Abend einer von uns Eltern bei ihnen im Zimmer", schildert ein Vater. Auch im Geschäft oder in den Öffis sind Eltern nachgiebig, wenn eine riesige Szene droht. Und, wie eine Mutter schreibt: "Wenn ich von meinem Nein selbst nicht überzeugt bin."

Wie gelingt es also in der Erziehung, so ein überzeugtes, klares, unumstößliches Nein? Und was bedeutet es für Kinder?

Wo sind meine Grenzen?

Vor jedem Nein steht die Erkenntnis, was man überhaupt will – und was nicht. Der dänische Erziehungsexperte Jesper Juul, der 2019 verstorben ist, schreibt zu diesem Thema: "Es kommt darauf an: Wer bin ich? Wo sind meine Grenzen? Das Nein muss persönlich sein." Jeder Entscheidung sollte also dieser Blick nach innen vorangehen. Wenn aus Männern und Frauen Väter und Mütter werden, müssen sie Entscheidungen plötzlich nicht mehr nur für sich treffen, sondern auch für die Kinder.

Viele Eltern seien da schon auf einem guten Weg, sagt Klaus Hurrelmann. Er ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin und einer der renommiertesten deutschsprachigen Jugend- und Bildungsforscher. Nach der strengen Erziehung in der Nachkriegszeit setzte die nachfolgende Generation auf die antiautoritäre Gegenbewegung, in der Eltern "ein ganz, ganz schlechtes Gefühl hatten, wenn sie ihren Kindern etwas ausschlagen mussten", erklärt Hurrelmann im Interview mit "Salto", dem Magazin des SOS-Kinderdorfs. Nun werden die antiautoritär erzogenen Kinder selbst Eltern – und das Pendel schwingt sich in der Mitte ein: "Wir sind in einer sehr schönen Phase. Die meisten Eltern wissen, dass sie auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen sollten, aber nicht so, dass dabei ihre eigenen Bedürfnisse verloren gehen."

Denn bei allen guten Vorsätzen: Die eigenen Bedürfnisse aus dem Fokus zu verlieren, das passiert im Alltag von Eltern oft schnell – und unbemerkt. Eine Mutter von zwei Buben im Kindergartenalter erzählt: "Ich habe lange viel zu viel toleriert, obwohl meine Grenzen längst überschritten waren. Nach außen hin war ich ruhig, im Inneren hat es aber ziemlich gebrodelt. Meine Wut habe ich geschluckt. Meine Kinder sind nur 14 Monate auseinander und haben dementsprechend viele Konflikte ausgetragen. Ich war in ständiger Bereitschaft, Ruhe war ein Ausnahmezustand."

Sie habe sogar angefangen, mit den Kindern zu beten: Lieber Gott, bitte lass uns zur Ruhe kommen! "Mein Sohn mit seinen vier Jahren", erzählt die Mutter weiter, "hat darauf geantwortet: 'Lieber Gott, bitte lass Mama und Papa nicht so viele Fragen stellen' – Das war ein Schlag ins Gesicht. Wir waren ständig damit beschäftigt, die Kinder nach ihrer Meinung und ihren Bedürfnissen zu fragen. Wir hatten dabei die besten Absichten – und haben sie massiv überfordert."

Nicht so viele Fragen

Weitere emotionale Belastungsfaktoren in der Familie führten schlussendlich dazu, dass die junge Frau einen völligen psychischen Zusammenbruch erlebte. Seither sortiert sie ihren Alltag und ihre Erziehung neu. "Ich habe Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten eingefordert. Das war für meine Kinder nicht einfach, aber es war notwendig."

Also gibt es in der Familie jetzt weniger Fragen – was zu Widerstand geführt hat und zu vielen Neins. Das ist anstrengend, aber es lohnt sich, berichtet die Mutter anhand eines Beispiels: "Mein jüngerer Sohn wollte nicht in den Kindergarten gehen, weil sein Bruder krank war und daheim bleiben durfte. Ich habe ihm erklärt, dass ich das entscheide und er sehr wohl in den Kindergarten geht. Es folgte ein halbstündiger Wutausbruch. Natürlich ist es schwer, das auszuhalten – aber es hat sich ausgezahlt, wir hatten das Thema seither nie wieder."

Die Beobachtung der Mutter deckt sich mit jener der Psychologin Valerie Reich-Rohrwig. In ihrer Praxis im 9. Bezirk in Wien liegt ein Zettel mit eindringlichen "Bitten" eines Kindes – als Ratgeber für Eltern: "Sage Ja, wenn du zustimmst, und Nein, wenn du nicht zustimmst. Ich werde versuchen, dein Nein infrage zu stellen, es zu umgehen, oder probieren, dein Nein in ein Vielleicht und dein Vielleicht in ein Ja umzuwandeln. Klarerweise habe ich oft kein Verständnis für dein Nein, werde wütend, beschimpfe dich oder tobe. Wenn du dann nachgibst, werde ich wieder toben und dich beschimpfen, wenn ich mich durchsetzen will. Wenn du aber dem Ansturm standhältst und nicht nachgibst, werde ich anfangen, daran zu glauben, dass du stark genug bist, mir standzuhalten, mich zu halten, mir Halt zu geben."

Klare Haltung der Eltern stärkt Kinder

Eine klare Haltung der Eltern ist der Schlüssel zur Erziehung starker, selbstständiger, leistungsfähiger und sozial verantwortlicher Kinder, betont auch Hurrelmann: "Eltern müssen Kindern signalisieren, dass es soziale Umgangsformen gibt, die im Großen wie im Kleinen gelten. Dafür braucht es Spielregeln – und wenn diese verletzt werden, müssen Konsequenzen gezogen werden."

Hurrelmann hat auf Basis seiner Forschung ein "magisches Beziehungsdreieck" für die Erziehung entworfen. Es besteht aus Anerkennung, Anregung und Anleitung. "Die Anerkennung ist wichtig, muss aber dosiert sein. Weder überdreht noch unterkühlt. Sie muss im Einklang sein mit der Anregung, also dass Eltern etwa sagen: Du kannst schon sehr viel, aber ich weiß, du kannst noch mehr. Das ist die Motivationskomponente", erklärt Hurrelmann. Der dritte Teil des Dreiecks, die Anleitung, ist laut Hurrelmann oft der schwierigste für Eltern: "Das Kind braucht Hinweise, was die Eltern für richtig und für falsch halten und wo Grenzen sind, für deren Überschreitung es auch Sanktionen gibt."

Eine Szene im Supermarkt: "Mama, kaufst du mir das Croissant?" – "Du, jetzt nicht, es gibt ja bald Mittagessen." – "Ah, da gibt’s Fruchtzwerge, Mama, ich will Fruchtzwerge!" – "Ich glaub, wir haben noch genug Joghurt im Kühlschrank." – "Aber ich hab so Durst. Ich nehme mir eine Limonade, okay?" – "Nein, wir sind ja gleich zu Hause, und dann trinkst du Wasser." – "Aaah, schau mal, da gibt's Eis, büüütteeee, als Nachspeise." – "Naaa guuut, aber nur ausnahmsweise."

Gerade war man noch stolz, so standhaft gewesen zu sein. Spätestens kurz vor der Kassa reißt der Geduldsfaden. Was machen schon ein, zwei "ausnahmsweise" aus? Die Psychologin Valerie Reich-Rohrwig sagt dazu: "Hilfreich ist es, sich im Vorfeld mit den Kindern etwas auszumachen. Was geht, was geht nicht. Oder sich gleich vorher zu überlegen: Ich mach jetzt die Ausnahme und sag, dass es ein Eis gibt. Dann wirkt man konsequenter und kommt nicht in die Situation, dass man viermal Nein gesagt hat und dann Ja. Wenn man einmal Nein sagt, sollte man dabei bleiben."

Nein sagen zu können ist also eine Kunst. Ein Nein hören, annehmen und aushalten zu können auch. Das bedeutet, dass wir auch dem Nein von Kindern auf Augenhöhe begegnen müssen. "Wenn Kinder keine Möglichkeit haben, Nein zu sagen, können sie auch nicht Ja sagen. Höchstens Jawohl", schreibt Jesper Juul in seinem Buch "Nein aus Liebe".

Das lustige, kurze Wort der Worte

Die Fähigkeit, Nein zu sagen, erlernen wir in der Trotzphase. Reich-Rohrwig: "Den Kleinkindern ist die Bedeutung des Wortes anfangs zwar nicht bewusst, aber es klingt lustig, und es ist das Wort der Worte." Kinder sagen Nein zum ersten Mal mit eineinhalb, zwei Jahren. Sie beginnen damit, weil das Wort so kurz ist, sie es von den Eltern oder großen Geschwistern oft hören und weil es weitreichende Reaktionen auslöst und sie damit Beachtung finden.

Jesper Juul geht einen Schritt weiter, er sieht im Nein der Kinder sogar ein Geschenk an ihre Eltern: "Es ist ein Nein, das vollkommen unverblümt und sozusagen mit reinem Gewissen daherkommt und nicht verschleiert oder mit latenten Vorwürfen behaftet ist, wie das beim Nein der Erwachsenen häufig der Fall ist." In der Pubertät gewinnt das Wort noch mehr an Bedeutung. Es öffnet den jungen Menschen, die ins Leben stürmen, neue Wege – auch wenn dabei zu Hause manchmal Türen knallen.

Oft fehlt im Alltag nicht die grundsätzliche Bereitschaft, Nein zu sagen – es liegt vielmehr an den Umständen. Sind wir müde, stehen wir unter Stress oder werden überrumpelt, hat das Nein schon neurologisch kaum eine Chance durchzudringen. Das Gehirn schaltet auf Ja – es fühlt sich besser an, weil wir einen Konflikt vermeiden. Auch die Tageszeit ist ausschlaggebend für unsere Fähigkeit, ein Nein auszusprechen. Die Neurowissenschaft meint: In der Früh, wenn die innere Batterie voll geladen ist, gelingt es eher, Nein zu sagen. Doch gegen Abend schaltet das Gehirn auf bequem und tendiert zum Ja statt zum Nein.

Dass es uns überhaupt so schwerfällt, eine Bitte von jemandem auszuschlagen, der oder die uns viel bedeutet, liegt unter anderem an der Angst vor dem möglichen Liebesentzug, wenn wir Erwartungen anderer nicht gerecht werden. Jedenfalls denken wir das. Doch dieses Verhalten kann nach hinten losgehen, warnt Jesper Juul: "Wenn wir jemanden lieben, sind wir bereit, zugunsten von Nähe und Gemeinsamkeit freiwillig unsere Grenzen zu opfern. Doch die Pflicht, Ja zu sagen, tötet die Lust. Letztlich können wir nur dann aus vollem Herzen Ja zu uns und zueinander sagen, wenn wir auch zu einem authentischen Nein in der Lage sind. Wenn wir nicht die Möglichkeit haben, Nein zu sagen – dies zumindest so empfinden –, bleiben uns nur drei unbefriedigende Möglichkeiten: das lauwarme Ja, die Lüge oder die Resignation."

Essenz des Zusammenlebens

Das heißt also: Durchhalten lohnt sich. "Natürlich sind sich Kinder ihrer Macht bewusst und wissen, wie sie ihre Eltern so beeinflussen können, dass ihnen ein Nein gar nicht erst über die Lippen kommt", sagt Wissenschafter Hurrelmann. Umso wichtiger sei für die Erwachsenen die Bereitschaft zum Konflikt, denn: "Familienbeziehungen sind immer Aushandlungsbeziehungen. Ständig ist man am Überlegen: Wer darf das, wer darf jenes, was gibst du mir, wenn ich dir das gebe. Das gehört dazu. Und macht am Ende, wenn es richtig läuft und wenn keiner den anderen übervorteilt, alle Beteiligten stark."

Kinder lernen durch ein Nein, wie bedeutsam soziale Vereinbarungen sind. Und die sind schließlich – in Hurrelmanns Worten – "die absolute Essenz des menschlichen Zusammenlebens". Die Bedeutung dieser vier Buchstaben kann also kaum überschätzt werden. (Elisabeth Gahleitner, Andrea Heigl, 30.11.2020)