Daten in Impfstoffzulassungsstudien müssen konsistent sein, die Daten in einem Studienarm waren zu hoch, also zu wirksam. Das ist eine gute Nachricht, muss aber nachvollziehbar gemacht werden.

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Botond Ponner ist Medical Director bei der österreichischen Niederlassung des britisch-schwedischen Pharmakonzerns Astra Zeneca.

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STANDARD: Im Zuge der Zulassung hat sich herausgestellt, dass der Corona-Impfstoffkandidat AZD-1222 in einem Studienarm, also einer bestimmten Gruppe, wirksamer ist als in anderen. Wie sehr war Astra Zeneca von dem Ergebnis überrascht?

Ponner: Zu Beginn eines Phase-II/III-Programms ist nicht bekannt, welche Dosierung die optimale ist. Es ist ein normaler Vorgang bei klinischen Studien, und es werden daher auch im laufenden Programm eine Reihe unterschiedlicher Dosierungen geprüft, um die mit dem optimalen Profil zu finden.

STANDARD: Zur Erläuterung: In Phase-II-Studien werden Sicherheit und Wirksamkeit in unterschiedlichen Dosierungen des Impfstoffkandidaten ermittelt. Dosierung und Wirksamkeit werden gegeneinander abgewogen. Beim Corona-Impfstoff ist die Wirksamkeit bei älteren Probanden besonders entscheidend, weil sie ja besonders gefährdet sind. Gab es ein Problem im Studiendesign?

Ponner: Nein. Das Studiendesign wurde von den zuständigen Behörden und Ethikkommissionen geprüft und genehmigt.

STANDARD: Was war die Ursache für dieses Ergebnis, das Fragen aufwarf?

Ponner: Als der Impfstoff in die von Oxford gesponserte Phase-II/III-Studie eintrat, wurde anfangs die Produktion des Impfstoffs auf größere Bioreaktoren umgestellt. Dabei kam es bei den ersten Dosen zu einer Fehlmessung der viralen Vektorpartikelanzahl.

STANDARD: Also ein Problem in der Produktion des vektorbasierten Impfstoffs?

Ponner: Genau, dies führte dazu, dass den ersten Probanden nur die halbe Dosis an viralen Vektorpartikeln verabreicht wurde. Als die Fehlmessung bekannt wurde, wurde sie sofort sowohl dem unabhängigen Data Safety Monitoring Board als auch der britischen Aufsichtsbehörde gemeldet.

STANDARD: Und dann?

Ponner: Die Daten wurden vom unabhängigen Data Safety Monitoring Board und der britischen Aufsichtsbehörde überprüft, die beide die Fortsetzung dieses Dosierungsschemas genehmigten, und die Aufsichtsbehörde hat öffentlich bestätigt, dass "keine Bedenken" bestünden. Alle anderen Aufsichtsbehörden wurden darüber informiert, dass wir diese Kohorte in der britischen Phase-II/III-Studie weiter überwachen und untersuchen würden.

STANDARD: Eine höhere Wirksamkeit bei geringerer Dosis ist aber doch an sich ein erfreuliches Ergebnis, oder?

Ponner: An sich ja, es sind sehr gute Ergebnisse. Wir können aber derzeit nicht sagen, warum die Wirksamkeit des Impfstoffs in dieser Gruppe so hoch war. Genau das müssen wir jetzt evaluieren. War es ein Zufall? Lag es am Patientenkollektiv oder an der Dosierung? Oder haben geografische Besonderheiten eine Rolle gespielt, also die Frage, woher die Probanden kamen. All das ist extrem wichtig. Wir werten die Daten aus, um eine korrekte Antwort zu finden.

STANDARD: Eine These wäre, dass Dosis und Alter zusammenhängen?

Ponner: Diesen Zusammenhang kennen wir derzeit nicht genau. Im Augenblick werten wir die Daten aus, um ein Wechselspiel zwischen Daten und Alter zu erkennen. Weitere Einzelheiten zu den Zwischenergebnissen der Phase II/III wurden jetzt bei einer Peer-Review-Zeitschrift eingereicht, und wir rechnen in Kürze mit einer Veröffentlichung.

STANDARD: Was heißt das jetzt – Folgestudie?

Ponner: Nun, da wir Hinweise gefunden haben, die auf eine bessere Wirksamkeit hindeuten, müssen wir diese validieren, also überprüfen. Die genauen Einzelheiten, wie diese Bewertung durchgeführt werden soll, sind noch nicht endgültig festgelegt worden.

STANDARD: Es sollen anfänglich Risikogruppen geimpft werden, also vor allem auch ältere Menschen. Sie könnten durch die derzeitigen Unklarheiten verunsichert sein. Was sagen Sie dieser Gruppe?

Ponner: Die derzeitige Datenlage ist an sich sehr positiv für Ältere. Es hat sich in einer ersten publizierten Auswertung gezeigt, dass Menschen in dieser Gruppe bei vergleichbarem Ansprechen ihres Immunsystems den Impfstoff besser vertragen, also auch weniger lokale Nebenwirkungen haben. Ob und welche Zusammenhänge es zwischen Wirksamkeit und Alter gibt, versuchen wir herauszufinden. Wir müssen solche Thesen mit Daten belegen können.

STANDARD: Was bedeutet dieses Zwischenergebnis für die Zulassung? Verlängert sich der Prozess, oder geht der Rolling Review weiter?

Ponner: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt geht der Rolling Review weiter, und wir rechnen nicht mit einer Verzögerung bei der Begutachtung von AZD-1222. Denn die Wirksamkeit des Impfstoffs konnte eindrücklich bewiesen werden. Hier wurden sämtliche Anforderungen erfüllt. (Karin Pollack, 1.12.2020)