Wir sollten mit der jüngeren Generation langfristig ein ernsthaftes Gespräch führen und deren Forderungen politisch berücksichtigen, sagt Valentin Beck.

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Kaum jemand wurde für seinen Einsatz für den Umwelt- und Klimaschutz so gelobt und kritisiert wie der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore. Sein Dokumentarfilm "An Inconvenient Truth" aus dem Jahr 2006 erregte internationales Aufsehen. Gleichzeitig stand Al Gore in der Kritik, zu viel zu fliegen und in einer Villa zu wohnen. Sein Einsatz für die Umwelt sei deshalb nur scheinheilig, warf ihm etwa der Moderator Rush Limbaugh vor. Ähnliche Vorwürfe müssen sich Klimaaktivisten wie Luisa Neubauer und klimaengagierte Politiker gefallen lassen, die statt in den Zug in den Flieger steigen oder bei McDonald's Burger essen. Ist diese Kritik gerechtfertigt?

"Die Forderung ist, dass man ein asketisches Leben innerhalb verschwenderischer Strukturen führen müsse, um die Strukturen kritisieren zu dürfen", sagt der deutsche Philosoph Valentin Beck. "Das ist kein triftiges Argument. Man muss kein Asket sein, um für Klimaschutz zu kämpfen." Tatsächlich sei diese Kritik nachweislich schon in den 1990er-Jahren von "Vertretern der Fossil-Fuel-Lobby und Verbündeten in den Medien" in die Welt gesetzt worden, um Klimaaktivisten moralisch zu diskreditieren, so Beck. "Ökologische Verantwortung wird so auf den persönlichen Lebensstil reduziert und dadurch moralisiert." Der politische Einsatz für den Klimaschutz soll am Ende nur mehr scheinheilig wirken.

Nicht übermäßig verschwenderisch leben

"Wer in den Flieger steigt und sich für politische Klimaschutzmaßnahmen einsetzt, wird dadurch nicht gleich zum Heuchler", so Beck. Heuchelei liege nur bei jenen Menschen vor, die fälschlich eine umweltbewusste Lebensweise vorgeben, etwa nicht zu fliegen oder gar kein Fleisch zu essen. Oder bei Politikern, die von Nachhaltigkeit und Klimazielen reden, aber dann politisch nichts dazu beitragen oder sogar auf der Bremse stehen.

"Wir müssen klar zwischen persönlichem und politischem Verhalten unterscheiden", sagt der Philosoph. Natürlich sollten wir nicht übermäßig verschwenderisch leben, exzessiv fliegen oder umweltschädlich konsumieren. Noch wichtiger aber sei es, "globale Verantwortung" zu übernehmen. Der Gegenstand dieser Verantwortung sind für Beck politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen, die den Klimawandel, aber auch die globale Armut sowohl reduzieren als auch befeuern können.

Grenzen der Eigenverantwortung

Im Gespräch erklärt Beck, was er mit dieser "globalen Verantwortung" meint und was diese für jeden Einzelnen bedeutet. Außerdem spricht er darüber, was Eigenverantwortung in der Corona-Pandemie heißt, weshalb eine Impfpflicht sinnvoll sein kann und was wir Entwicklungsländern und zukünftigen Generationen schulden.

STANDARD: Herr Beck, Sie haben vor ein paar Jahren ein Buch mit dem Titel "Theorie der Globalen Verantwortung" veröffentlicht. Was meinen Sie mit globaler Verantwortung?

Beck: Gefahren wie der Terrorismus, Klimawandel, aber auch die aktuelle Pandemie machen uns besonders eindringlich bewusst, dass wir in einer politisch und wirtschaftlich hochgradig vernetzten Welt leben. Emissionen an einem Ort befördern den Klimawandel auf der ganzen Welt. Auch bei der Corona-Pandemie hilft es nichts, wenn das Virus in einem Land eingedämmt ist, wenn es nicht weltweit eingedämmt ist. Dafür brauchen wir internationale Kooperation, Organisationen und politische Bündnisse. Diese großen Strukturen schaffen letztendlich den Rahmen für die Handlungen aller anderen Akteure. Globale Verantwortung ist daher primär eine politische Verantwortung, die auch vorrangig durch politische Entscheidungsträger wahrgenommen werden muss.

STANDARD: Das klingt nach einem ziemlich großen Wurf. Was bleibt da noch für jeden Einzelnen von uns: zurücklehnen und zuschauen, was auf der großen Weltbühne passiert?

Beck: Nein, wir als Bürger haben die Verantwortung, Politiker aufzufordern, den Klimawandel zu stoppen und Menschrechte auf politischer Ebene zu schützen, etwa indem wir wählen, politisch protestieren und mehr Ehrlichkeit und Engagement von den Politikern fordern. Ergänzend können und sollten wir auch andere Organisationen finanziell oder ideell unterstützen, die sich diesen Zielen und dem Klimaschutz verschrieben haben.

STANDARD: Ist das nicht ein wenig viel verlangt? Wir stecken ja gerade in einer Wirtschaftskrise, viele haben vor kurzem ihren Job verloren. Da erscheinen viele Probleme näher und dringlicher als der Schutz der Menschenrechte auf der anderen Seite der Welt.

Beck: Natürlich ist es in jetzigen Zeiten nicht realistisch, dass globale Verantwortung plötzlich im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Gleichzeitig bieten Fälle wie die Pandemie die Chance, diese Verantwortung neu zu denken. Es liegt schon in unserem Eigeninteresse, das Virus global zu bekämpfen. Aber wir müssen weiterdenken als nur bis zum Eigeninteresse. Schon allein aus Gründen der Gerechtigkeit und Humanität müssen wir Menschen in anderen Teilen der Welt helfen. Und das betrifft nicht nur die gesundheitlichen, sondern auch die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Schon jetzt ist aufgrund der Pandemie die Zahl der Menschen in extremer Armut laut Weltbank um 88 bis 114 Millionen gewachsen.

STANDARD: In Österreich war in den letzten Monaten häufig die Rede von der Eigenverantwortung im Umgang mit dem Coronavirus. Konkret hieß das, Abstand halten, Mund-Nasenschutz tragen und sich nicht mit zu vielen Menschen treffen. Letzten Endes brauchte es aber doch wieder einen Lockdown. Ist Eigenverantwortung zum Scheitern verurteilt?

Beck: Eigenverantwortung sollte erfüllbar sein, das heißt, dass sie angemessen in Beziehung zu staatlichen Maßnahmen gesetzt werden muss. Eigenverantwortung ist zwar wichtig, aber allein wird sie die Pandemie nicht eindämmen. Sie sollte generell nicht überschätzt werden. Auch beim Klimawandel wird oft an die Verantwortung der Konsumenten appelliert – aber ohne stärkere staatliche und politische Koordination werden wir die Erderhitzung nicht stoppen. Schließlich stößt die Eigenverantwortung auch dadurch an ihre Grenzen, dass es zu viele Falschnachrichten im Netz gibt, weshalb ein Teil der Bevölkerung nicht an die Sinnhaftigkeit von persönlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie glaubt.

STANDARD: Auch beim Impfstoff sind sich viele Menschen noch unsicher. Vorausgesetzt, der Impfstoff wirkt und bietet auch eine sogenannte Herdenimmunität: Haben wir eine Verantwortung oder Pflicht, uns impfen zu lassen?

Beck: Es liegt in der Eigenverantwortung aller, sich impfen zu lassen. Ich fände es jedoch gut, wenn die Regierungen da stärker Druck machen. Man könnte sogar argumentieren, dass eine Impfpflicht unter bestimmten Umständen durch den Staat durchgesetzt werden sollte, um den Menschen mehr Freiheit zu ermöglichen. Es stellt ein Problem dar, wenn sich ein größerer Teil der Bevölkerung nicht impfen lässt und damit die Mitbürger gefährdet. Die Frage ist aber, ob und wie weit staatlicher Zwang hier auch wirklich nötig wird. Zumindest bei uns zweifelt im Moment eher nur eine kleine, aber leider sehr sichtbare Minderheit die Wirksamkeit von Impfstoffen an.

STANDARD: Die USA, Europa, Australien und Japan waren die Ersten, die sich große Anteile des Impfstoffs sicherten, während andere Länder länger warten müssen. Ist das gerecht?

Beck: Prinzipiell sollten Impfungen allen zugänglich gemacht werden. Sie sollten globale öffentliche Güter sein. Es ist auch die Verantwortung der Industrienationen, diese weltweit schnell verfügbar zu machen. Es gibt ja bereits Initiativen auf diesem Gebiet, insbesondere die Covax (Covid-19 Vaccines Global Access, Anm.), die unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation koordiniert wird. Aber die Verantwortung der Industrienationen geht weiter: Sie sollten Entwicklungsländern auch Tests, Schutzmaßnahmen und Behandlungsmethoden verfügbar machen. Die Verantwortung jedes Einzelnen ist es, die Regierungen aufzufordern, diese Initiativen zu unterstützen.

STANDARD: Wenn von Verantwortung die Rede ist, ist auch häufig die Rede von zukünftigen Generation, gerade was den Klimawandel betrifft. Was schulden wir den Generationen der Zukunft?

Beck: Wir schulden es zukünftigen Generationen, ihnen auch in ökologischer Hinsicht eine möglichst intakte Lebenswelt zu hinterlassen. Deshalb sollten wir unbedingt auf die Jugend hören. Die Fridays For Future-Proteste, angeführt von Klimaaktivistinnen wie Greta Thunberg, haben uns gezeigt, dass der jüngeren Generation politisch bisher viel zu wenig Gehör verschafft wurde. Neben der immensen Aufgabe, die Erwärmung auf ein akzeptables Maß zu beschränken, heißt Verantwortung für zukünftige Generationen wahrzunehmen für die Eltern- und Großeltern zunächst einmal, mit der jüngeren Generation langfristig ein ernsthaftes Gespräch zu führen und deren Forderungen politisch zu berücksichtigen. Davon sind wir im Moment weit entfernt. (Jakob Pallinger, 4.12.2020)