Marmelade in kleinen oder großen Gläsern abgefüllt, Käse appetitlich verpackt, duftende Zirbenschlafkissen und Lavendelseifen – alles aus heimischer Produktion. Rainer Neuwirth hat alle Hände voll zu tun. Der Mitgründer und Geschäftsführer der lokalen Webplattform My Product steht derzeit oft selbst im Lager, um die von heimischen Herstellern im Internet präsentierten oder verkauften Produkte an die Konsumenten zu bringen.

Mittlerweile gibt es zahlreiche neue lokale Marktplätze mit ähnlichen Zielen. Die Autorin Nunu Kaller listet auf der Website Nunus Ladenliste ebenso Shopalternativen auf wie der Handelsverband mit der Liste Retail oder die Agentur Edelweiss mit einer Liste oder das Verzeichnis der Agentur Gorilla Network. Möchte man herausfinden, wo ein Produkt am günstigsten ist, bieten sich Preisvergleichsplattformen wie Geizhals oder Idealo an.

Rainer Neuwirth im Lager. Im heurigen Jahr hat sich der Umsatz deutlich mehr als verdoppelt. Schwarze Zahlen gibt es anders als in Jahren davor heuer nicht, weil der rasante Ansturm viele Investitionen nötig macht. My Product übernimmt die Produkthaftung, die Dienstleistung, die Produkte ordentlich zu fotografieren, und die Logistik.
Foto: myproduct

My Product gibt es seit über zehn Jahren, begonnen hat alles als Studentenprojekt in Wieselburg, finanziert haben das die Gründer anfangs selbst. Mittlerweile ist der Großhändler Kastner mit an Bord. "Eine Pizza konnte man damals bestellen, die regionalen Bauernprodukte nicht", sagt Neuwirth. Jetzt kommen 5000 Besucher täglich auf die Seite, 600 Produzenten vermarkten sich oder verkaufen hier. Der Kundenandrang sei enorm, die Lagerkapazitäten werden jeden Monat verdoppelt. Neuwirth sucht Mitarbeiter, um das Weihnachtsgeschäft zu bewältigen. Acht Leute arbeiten derzeit im Büro, fünf in der Logistik. "Heute müssen wir noch 500 Pakete verschicken", lacht Neuwirth und greift in eine Riesenkiste mit Verpackungsmaterial. Plastik sei das nicht – alles nachhaltig hier.

Schon gehört?

My Product habe die Aufgabe, die Produzenten sichtbar zu machen, sagt Neuwirth und fügt an: "Wir wollten Amazon Paroli bieten." Ein Satz, der derzeit häufig fällt. Nicht alle Initiativen sind so erfolgreich wie die Wieselburger. "Kaufhaus Österreich" von Wirtschaftsministerium und Wirtschaftskammer (WKO) sorgt weiterhin für viel Häme und Verwunderung. In den sozialen Medien, aber nicht nur dort, wird über zweifelhafte Suchergebnisse und die schlechte Nutzbarkeit der Seite gespottet. Dabei – so hört man – soll die Seite gar nicht für die Produktsuche, sondern einzig für die Firmenpräsentation gedacht gewesen sein. Dafür gibt es allerdings die Gelben Seiten, aber auch das Firmen A–Z der Wirtschaftskammer – an dieses Verzeichnis ist jetzt Kaufhaus Österreich angebunden. Rund 1.000 Online-Händler sind bislang an Bord.

Während einige private rot-weiß-rote Alternativen zu Amazon recht gut funktionieren, wird die öffentliche Initiative "Kaufhaus Österreich" ziemlich zerrissen.
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Auf blankes Unverständnis stößt vielerorts die Summe, die das Projekt verschlingt. Das digitale Kaufhaus kostet laut Wirtschaftsministerium 627.000 Euro. Die Abwicklung sei über bestehende Rahmenverträge erfolgt. Unter anderem durch das Bundesrechenzentrum, dem die Programmierung zugefallen ist. Medieninhaber der Internetpräsenz sind das Wirtschaftsministerium und die Kammer, die Domain gehört dem Wirtschaftsministerium, das auch für den Betrieb zuständig ist. Wer bekam wie viel, und ist bei der Sache etwas schiefgelaufen? Im Bundesrechenzentrum verweist man auf Anfrage auf das Wirtschaftsministerium. Dort ist man auf Tauchstation.

Rainer Neuwirth hat in die Website My Product in zehn Jahren 500.000 Euro investiert. Webdesigner Frank Geertsma vom Unternehmen Webhikers erachtet die Kosten für Kaufhaus Österreich für "absurd". Zwischen 50.000 und 100.000 Euro würde eine entsprechende Seite kosten, würde man sie bei ihm in Auftrag geben. Auch Michaela Schmalzl, Expertin für digitale Entwicklung, geht davon aus, dass sie eine entsprechende Seite mit intelligenter Suche und einer viel besseren Usability um 100.000 Euro zu entwickeln imstande wäre.

Aller Anfang ist schwer

Ernst Gittenberger gibt Kaufhaus Österreich nicht verloren. Das Projekt sei gerade erst gestartet worden. Verbesserungen in der Usability seien noch zu erwarten, so der Handelsexperte der Johannes-Kepler-Uni in Linz. Grundsätzlich findet er solche Initiativen zur Unterstützung der heimischen Handels- und Dienstleistungsunternehmen gut. (Regina Bruckner, 2.12.2020)