Viele Eltern halten es für unzumutbar, dass ihre Kinder für sechs bis acht Stunden eine Maske im Klassenzimmer tragen müssen.

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Eigentlich ist es das, worauf die meisten Eltern gewartet haben: Schüler an Volksschulen, AHS-Unterstufen, Mittel- und Polytechnischen Schulen dürfen wieder in die Klassen zurück. Immer wieder haben Eltern von der großen Herausforderung gesprochen, Homeschooling und Homeoffice unter einen Hut zu bringen, gegen Schulschließungen protestiert. Und dennoch regt sich auch bei der bevorstehenden Rückkehr in den Präsenzunterricht am kommenden Montag Widerstand. Viele Eltern heißen es nicht für gut, dass Kinder ab zehn Jahren den gesamten Unterricht über einen Mund-Nasen-Schutz tragen sollen: "Dass Kinder sechs bis acht Stunden durchgängig einen MNS sollen, geht gar nicht. Sie sind keine Erwachsenen und haben sich das auch nicht durch ihre Berufswahl ausgesucht", schreibt eine Mutter in einer Familiengruppe auf Facebook.

Maskenpflicht als Quälerei

Verärgerte Eltern tauschen sich bereits darüber aus, wie man die Maskenpflicht am sinnvollsten umgeht. Eine Mutter postet in einer Elterngruppe ein Foto eines Mund-Nasen-Schutzes aus einem transparenten Netzstoff. "Wurde jetzt zum Schluss überall akzeptiert! Alles andere ist nicht tragbar! Hauptsache, es ist ein Fetzen auf. Welcher Stoff es sein muss, wurde nie vorgeschrieben!", schreibt sie darunter. Andere teilen eine Petition gegen die Maskenpflicht in der Schule. "Wurde in den verordneten Hygienemaßnahmen das körperliche und seelische Wohl der Kinder berücksichtigt und eventuelle Nebenwirkungen ausgeschlossen?", wird unter anderem in der Petition gefragt, die bisher von etwa 6000 Personen unterzeichnet wurde.

Auch Wiens Gesundheitsstadtrat Peter Hacker kritisiert die neuen Vorgaben für Schüler hart: "Die Maskenpflicht an Schulen ist eine Quälerei. Man soll die Kinder endlich in Ruhe lassen." Der SPÖ-Politiker sagt im STANDARD-Gespräch am Rande der Auftaktpräsentation zu den Massentests auch: "Ich finde es unerträglich, was wir unseren Kindern antun."

Homeschooling oder Maske?

Im Netz machen sich Eltern aber auch Sorgen darüber, welche gesundheitlichen Auswirkungen das lange Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes auf ihre Kinder haben könnte. Nicht nur physische, sondern auch psychische: "Sie durften jetzt schon nicht mehr richtig beisammen sitzen, quatschen und spielen. Jetzt sehen sie dann nicht mal mehr die Mimik der anderen." Die Quintessenz einiger Eltern: die Kinder weiterhin im Homeschooling lassen. "Sorry, so anstrengend Homeschooling für uns alle zu Hause ist, da bleiben wir eher dabei."

Für Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) kommt der Elternprotest offenbar nicht überraschend. Schon am Mittwoch sprach er davon, dass die grundsätzliche Maskenpflicht für Schüler eine "heikle Angelegenheit" sei. Er betont aber: "Bevor wir den Präsenzunterricht aufgeben, ist mir dieses gelindere Mittel lieber."

Mit dieser Ansicht stößt Faßmann aber auch auf viel Gehör unter den Eltern. Es gibt nicht nur Kritiker: "Das Wichtigste ist doch, dass sie die Schulen wieder aufsperren und einen halbwegs normalen Unterricht abhalten", schreibt ein Vater auf Facebook, der die Empörung vieler Eltern nicht nachvollziehen kann. "Ganz ohne Maßnahmen geht es eben nicht!"

ÖGKJ gibt Entwarnung

Was die Auswirkungen des Maskentragens bei Kindern betrifft, existierten nur wenige, begrenzte Untersuchungen, sagt Volker Strenger, Kinderarzt an der Med-Uni Graz und Chefinfektiologe der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ). Doch nach allem, was man wisse, lasse sich feststellen: "Es gibt keinen Hinweis auf körperliche Schäden durch die Maske."

Dies zeige auch die Erfahrung. Seit Jahrzehnten würden zum Teil auch sehr kleine Kinder mit Immunschwäche – etwa nach Krebstherapien oder Knochenmarktransplantationen – in bestimmten Situationen Mund-Nasen-Schutz tragen, sagt Strenger. Das funktioniere ohne Komplikationen. Nichts als als irre Geschichten von Verschwörungstheoretikern seien hingegen durchs Internet geisternde Berichte, wonach Schulkinder unter Masken erstickt seien, weil sie angestautes Kohlendioxid eingeatmet hätten.

Sicher sei der Mund-Nasen-Schutz unangenehm, fügt der Arzt an: "Bevor die Schulen auf Schichtbetrieb umstellen oder ganz zusperren, ist die Maskenpflicht das geringere Übel". Allerdings brauche es auch Pausen im Freien.

Eine Frage der Einstellung

Am Wiener Lycée Français de Vienne gibt es rund 600 Schüler in der Volksschule und 850 im Gymnasium. Die Schüler des Gymnasiums tragen bereits seit Schulanfang im September sowohl im Unterricht als auch in der Pause einen Mund-Nasen-Schutz. Als es in der Volksschule Mitte September zu einem Cluster mit mehr als 15 Kontaminationen kam, gab es im Oktober auch eine Maskenpflicht für Volksschüler – ausgenommen waren nur die Pausen. Es kam zu einem Elternprotest, viele befürchteten, die Maske könnte ihren Kindern schaden. Doch das verpflichtende Tragen eines MNS hat sich bewährt: Es gab kaum mehr Corona-Infektionen. Die Eltern haben sich daran gewöhnt, die Kinder sowieso.

Von diesem "Phänomen" berichten auch viele Eltern im Netz: "Meine Frau und ich sind beide Ärzte, Masken gehören für uns dazu. Unsere siebenjährige Tochter trägt ohne Diskussionen ihren Mund-Nasen-Schutz", schreibt ein User. Eine andere Mutter gibt Ratschläge, wie man mit den Kindern über die Maskenpflicht spricht: "Man muss ihnen erklären, dass es nicht anders geht und welchen Sinn sie hat. So wie man es eben bei einer roten Ampel macht. Kinder verstehen das und akzeptieren es dann meist auch." Vor allem die Einstellung der Eltern scheint in der gesamten Debatte ein wichtiger Faktor zu sein, nach dem Motto: Finden es die Eltern okay, finden es auch die Kinder okay. (Nadja Kupsa, 3.12.2020)