Unsere Autorin erinnert sich zurück an eine Zeit, in der man noch normal Advent und Weihnachten feiern konnte, damit sie heuer trotzdem eine Chance haben, die guten Gefühle.

Foto: Getty Images/Juj Winn

So. Wie machen wir das heuer im Advent? Die Zeit, in der wir normalerweise darum ringen, dass es nicht zu hektisch wird zwischen Adventmarkt und Weihnachtsvorbereitungen. Heuer ist der Nikolaus im Lockdown. Und doch, auch wenn wir all die Rituale auslassen, bleibt uns zumindest eine kleine Anleihe an Erinnerungen. Wir können uns Geschichten erzählen, damit sie eine Chance haben, die guten Gefühle.

Vielleicht die von damals, als Kind in Tirol, als der Nikolaus mit dem Hubschrauber auf dem Dorfplatz landete. Er kam angeflogen, extra für uns und von mir aus auch für die paar Holländer. Schön war das. Obwohl er dem Seilbahnchef ähnlich sah. Oder wir denken an die erste Nikolausfeier des damals Zweijährigen, bei Freunden. Die er mit Bravour meisterte, indem er das Krokodil aus der Kasperlfigurenkiste mitnahm und sich damit bei dem fremden Herrn mit dem weißen Bart Respekt verschaffte.

Kicker, Achselfurzer, Held

Und ganz warm wird’s ums Herz bei den Gedanken an diese eine spezielle Nikolausfeier, zu der vier kleine Gäste aus dem Kindergarten eingeladen werden durften. Einer davon sollte ein Bub namens Jo sein. Er war ein wenig älter als mein großer Sohn, aber sie mochten sich sehr. Jo war oft Thema bei uns daheim.

Er kam wohl aus einer armen Familie. Wenn die Kinder mit der Gruppe Eis laufen waren, wartete Jo im Kindergarten. Wenn wir für ihn den Eintritt bezahlen wollten, hieß es, das wäre nicht gewünscht. Er war der beste Fußballer, den der Kindergarten hatte. Man verneinte, als man anbot, Jo zum Fußballverein mitzunehmen. Seine Familie wollte das nicht, hieß es. Jo war türkischer Abstammung, wie man hörte, vierter Generation. Er war schnell im Kopf, seine Augen blitzten spitzbübisch, und er hatte viel Humor. Mein Bub vergötterte ihn, weil er die Tonleiter achselfurzen konnte.

Wir verteilten also im Kindergarten Einladungen für die Nikolausfeier. "Um Antwort wird gebeten", stand am Schluss. Bald sagten die Eltern für ihre Kinder zu. Von Jos Seite war nichts zu hören. Ich besorgte mir über Umwege die Telefonnummer von Jos Zuhause. Ein junger Mann hob ab. Ich fragte, ob Jo denn kommen wollte zu dem Fest. Der Mann stammelte etwas, schwierig, lieber nicht. Ich bot an, Jo einfach mitzunehmen nach dem Kindergarten, ich würde ihn auch wieder heimbringen. Es käme auch kein Nikolaus daher, es wäre bloß eine Feier für Kinder. Der Mann legte auf. Ich konnte mir viele Gründe ausdenken, warum. Die meisten waren nicht gut für den kleinen Jo.

Die Absage

Es war der 6. Dezember, die Kleinen trudelten ein. Schließlich läutete es noch einmal. Jo stand draußen, hinter ihm ein grimmig blickender junger Mann, wohl sein Bruder. "Er wird um fünf Uhr gehen, kein Abendessen", sagte er. "Alles klar", meinte ich, "danke, dass er kommen durfte." Jo übergab meinem Bub ein Päckchen, darin zwei sichtlich gebrauchte Plastikdinosaurier. Mein Bub freute sich und legte sie zu seinen anderen.

Dann gab’s Kekse und Kinderpunsch, ein paar Spiele und zum Schluss das feierliche Dekorieren des brutal windschiefen Lebkuchenhauses. Wir beeilten uns mit dem Programm, wegen Jo. Wir wollten noch etwas singen. Nachdem uns außer "Lustig, lustig, tralalala!" nichts einfiel, erfreute uns Jo noch mit ein paar Achselfurzmelodien. Mein Sohn platzte vor Stolz auf seinen begabten Freund.

Zum Schluss verteilten wir Pixi-Bücher und Kekse zum Mitnehmen. Wir packten Jos Dinos und noch drei Saurierkollegen dazu und erklärten, wir hätten das Gefühl, er könnte sich besser um sie kümmern. Er war sichtlich erleichtert. Um Punkt fünf läutete es, und der junge Mann schob Jo aus der Tür.

Der Bub liest

Einige Tage später brachte ich meinen Buben in den Kindergarten. Davor saß der junge Mann auf einer Bank. Anscheinend hatte er auf mich gewartet. "Oh je", dachte ich. Wahrscheinlich haben wir irgendetwas falsch gemacht, womöglich den Glauben verletzt oder so, wer weiß. So sehr habe ich’s nicht mit Religionen. Ich ging zur Bank und setzte mich neben ihn. Er hielt seinen Kopf gesenkt.

"Er liest", sagte er. "Wie bitte?", fragte ich. "Jo. Er liest. Und ich weiß nicht, warum." Es stellte sich heraus, dass der junge Mann nicht der Bruder war, sondern der Vater. Er und Jos Mutter waren Teenager, als der Kleine kam. Kaum Schul-, schon gar keine Ausbildung. Sie wohnten in Notunterkünften der Stadt Wien und lebten mehr schlecht als recht von Sozialhilfe und Aushilfsjobs. Das Einzige, was ihm wichtig war, war, sein Kind zu behalten. Deswegen wollte er an uns anderen Eltern nicht anstreifen, damit niemand den Verdacht schöpfen könnte, dass er sich nicht gut kümmern würde.

Und dann war also das Nikolausfest, von dem Jo mit einem Buch zurückkam. Er hat sich auf die Couch in der Einzimmerwohnung gesetzt und begonnen, seinen Eltern die Geschichte vom Nikolaus, dem Bischof aus Myra, vorzulesen. Er war begeistert, dass der Nikolaus heute wohl Türke wäre. Sein Vater hatte keine Ahnung, dass der Bub lesen konnte. Das Kind musste es sich selbst beigebracht haben. "So, er ist klug, Jo", sagte er und blickte mir das erste Mal ins Gesicht. Ich gratulierte ihm, freute mich für ihn und auch darüber, dass er Lesen wichtig fand. Von da an ging der Knopf auf, langsam und beständig. Ich hinterlegte ein paar Bücher auf Jos Garderobenplatz, die am nächsten Tag weg waren. Jo durfte manchmal zu uns spielen kommen. Eine Mutter nahm ihn mittwochs mit zum Fußballspielen.

Jo geht heute in die Neue Mittelschule. Aber es ist geplant, dass er in ein Gymnasium wechselt. Er hat ausgezeichnete Noten und lernt leicht. Sein Vater hat eine Lehre abgeschlossen. Er ist nun Friseur. Er möchte einen eigenen Laden eröffnen. Er ist nun mit Jo allein. Aber er hat eine neue Frau, die ihn unterstützt. Für uns war’s ein Nikolauswunder, dieses zufällige Erkennen des Vaters, was Jo draufhat. Und was er braucht.

Also, dann machen wir das heuer so, mit dem Advent. Wir nehmen das Best-of. Verstecken Nikolausnester in der Wohnung, als wäre Ostern. Verschicken Bücher an die Freundinnen und Freunde. Wir kaufen unseren Adventkranz diesmal erst am 7. Dezember, da hat der Blumenhändler ums Eck wieder offen.

Und verschenken Eisbärpatenschaften vom WWF. Denn die haben’s auch nicht leicht. Aber das ist eine andere Geschichte. (Heidi List, 5.12.2020)