Völlige Durchschaubarkeit der eigenen Finanzen für die Behörden – ein Gedanke, vor dem ältere Menschen wesentlich mehr zurückschrecken als technikaffine Millennials.
Foto: Peter Kneffel / dpa / picturedes

Im Corona-Jahr 2020 erlebten Kryptowährungen ein fulminantes Comeback. Bitcoin, deren ältester Vertreter, meldete sich zuletzt mit Rekordnotierungen zurück, und nächstes Jahr soll der Startschuss für die Facebook-Währung fallen. Allerdings mit anderem Namen, denn aus Libra wurde Diem – um die Unabhängigkeit von Facebook zu unterstreichen. Ein genauer Termin steht noch nicht fest, erst müssen die Schweizer Aufseher grünes Licht erteilen, heißt es aus der in Genf ansässigen Diem Foundation.

Nach massiven Bedenken von Regierungen und Aufsehern hatte Facebook seine ursprünglichen Pläne für Libra oder nun Diem aufgegeben und will mehrere Ausgaben anbieten, die jeweils an einzelne Währungen wie Dollar, Euro oder Pfund angebunden sind.

Würfel gefallen

Dabei arbeiten auch fast alle großen Notenbanken längst an digitalen Ausgaben der eigenen Währung – angelehnt an Bitcoin und die dahinterstehende Blockchain-Technologie. Es geht gewissermaßen um eine digitale Form von Bargeld, das man in einem elektronischen Geldbörserl, einer Wallet, bei sich trägt. Offiziell will die Europäische Zentralbank (EZB) zwar erst Mitte 2021 über die Einführung des sogenannten E-Euros entscheiden, die Würfel dürften aber längst gefallen sein – und vorsorglich wird schon der Weg bereitet. "Er würde Bargeld ergänzen, nicht ersetzen", betonte etwa EZB-Direktor Fabio Panetta vergangene Woche.

Aber nicht nur im Frankfurter EZB-Tower wird über möglichen Ausgestaltungen des E-Euros gebrütet, auch Florian Wimmer macht sich Gedanken darüber. Er ist Gründer des Linzer Start-ups Blockpit, das Lösungen zur Versteuerung von Krypto-Assets anbietet, und glaubt fest an eine Einführung des E-Euros: "Aber ich denke, dass wir noch am Anfang eines Riesenprojekts sind."

Teufel an der Wand

Eine wesentliche Frage bei der Ausgestaltung des E-Euros wirft das Thema Anonymität auf – da nicht wenige Bürger völlige finanzielle Transparenz gegenüber der Notenbank fürchten. Diese Sorgen teilt Wimmer nicht, denn: "Wenn der E-Euro komplett durchsichtig ist, wird er keine Akzeptanz finden. Es wird also die Schwierigkeit sein, ihn so zu gestalten, dass eine gewisse Anonymität bleibt." Und zwar auch für die EZB intern, betont Wimmer – und malt zur Verdeutlichung den Teufel gleich an die Wand.

Das "Worst-Case-Szenario" wäre aus seiner Sicht, wenn die Notenbank gehackt würde und massenhaft persönliche Finanzdaten in falsche Hände geraten oder gar veröffentlicht würden. "Dagegen muss man sich zu 100 Prozent absichern", betont Wimmer, "dessen ist sich auch jeder bewusst."

Geldwäsche im Fokus

Für Bargeldfans wäre der E-Euro auf lange Sicht wohl doch keine gute Nachricht – gibt es in der Wahrnehmung des Blockpit-Chefs sehr wohl Bestrebungen, Münzen und Scheine abzuschaffen. Ihm zufolge zielt der E-Euro aber vor allem auf Geldwäsche ab: "Im Vergleich zu Bargeld ist es ein massiver Fortschritt, wenn es um Geldwäsche geht." Sprich, Geldflüsse wären leichter nachzuverfolgen als bei Bargeld.

Im Gegenzug würde man die Währung "auf ein neues Level heben", wie Wimmer es bezeichnet. Denn ein E-Euro sei effizienter, schneller und günstiger – und könnte auch für Bürger und Konsumenten Vorteile haben. So sei es dann etwa nicht mehr notwendig, irgendwelche Belege, Quittungen oder Rechnungen aufzubewahren, da diese Informationen in der Blockchain gespeichert sind. Der Preis für diese Bequemlichkeit sei jedoch, dass man bereit sein müsse, seine Anonymität aufzugeben. "Aber das ist jetzt schon der Fall, wenn ich Rechnungen irgendwo einreiche", gibt Wimmer zu bedenken. Zudem seien es junge Menschen gewohnt, ihre Daten irgendwo preiszugeben.

Einführung 2022

Schneller als ursprünglich erwartet könnte es mit dem E-Euro losgehen: Dem Vernehmen nach soll im zweiten Halbjahr 2021 die Testphase laufen und bereits im Jahr darauf die Einführung starten – ein Zeitplan, den Wimmer als "sportlich" bezeichnet. Wobei gerade in diesem Bereich wortwörtlich gilt: Zeit ist Geld – First Mover sind oft nicht mehr einzuholen. Wobei im konkreten Fall weniger Bitcoin für die EZB zur Konkurrenz werden könnte als ein an den Euro gebundener Diem. (Alexander Hahn, 6.12.2020)