"Viele Arbeitslose sind Philosophen", sagt Georg Grund-Groiss.

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In Österreich sind so viele Menschen arbeitslos wie schon lange nicht mehr, eine Erholung der Wirtschaft scheint nur langsam in Sicht. Im Gespräch mit dem STANDARD spricht der Philosoph und Arbeitsmarktexperte Georg Grund-Groiss darüber, was es für die Menschen bedeuten kann, arbeitslos zu werden, und was ein halbes Grundeinkommen für arbeitslose Menschen ändern würde.

STANDARD: Herr Grund-Groiss, Sie sind seit vielen Jahren beim Arbeitsmarktservice (AMS) tätig. Was erzählen Ihnen die Menschen, die zu Ihnen kommen?

Grund-Groiss: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Es kommt ein Mann Mitte fünfzig, der Medizintechniker war und nun keinen Job mehr findet. Dann geht es in den ersten 80 Prozent des Gesprächs nur darum, dass er früher immer die Anerkennung der Kollegen und Ärzte, mit denen er zusammengearbeitet hat, genossen hat und wie viel er von seinem Fach versteht. Man merkt irrsinnig stark, wie dieser Mensch um seine alte Identität kämpft, die ihm zu entgleiten droht oder ihm schon entglitten ist. Und so geht es vielen. Viele vermissen die gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung, haben einen Teil ihrer Selbstachtung verloren. Im Grunde geht es bei allen Menschen um Gerechtigkeitsfragen.

STANDARD: Inwiefern?

Grund-Groiss: Viele Leute fragen mich: Welche Jobs muss ich annehmen? Muss ich mich umschulen lassen? Was darf der Staat von mir verlangen? Das sind zutiefst philosophische Fragen. Ich würde sagen: Viele Arbeitslose sind Philosophen.

STANDARD: Aber auch Philosophen müssen arbeiten. Was darf man von arbeitslosen Menschen erwarten?

Grund-Groiss: Bei uns gilt seit langem das Prinzip fördern und fordern. Das war diese schmale Formel, die unser Verständnis von Gerechtigkeit in der Arbeitsmarktpolitik geprägt hat. Das heißt: Einerseits unterstützen wir arbeitslose Menschen, aber sie müssen auch bereit sein, ihre Arbeitskraft einzusetzen. Und wenn sie nicht richtig "spuren", dann haben sie mit Sanktionen zu rechnen.

STANDARD: Das klingt nach einer vernünftigen Formel.

Grund-Groiss: Ja, aber wenn wir weiter allein bei fördern und fordern bleiben, werden wir zigtausende Existenzen zerstören. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie könnten bald 500.000 Menschen arbeitslos sein. Dann wird aus einem grundvernünftigen Prinzip eine untergründig schwelende Doppelbotschaft: Wer sich anstrengt, kann eine Arbeit finden, wenn er nur will. Es gibt aber viel zu wenig passende Arbeit. Damit droht uns eine tiefe Spaltung der Gesellschaft.

STANDARD: Warum das?

Grund-Groiss: Wenn die Erwerbsarbeit weiterhin quasi das Ideal der Zeit ist, dann entsteht für jemanden, der arbeitslos wird und länger bleiben muss, eine tiefe Kränkung, mit dem Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden und nicht mehr dabei zu sein. Wenn das nun eine Masse von Menschen betrifft, dann ist dieses Phänomen mitten in der Gesellschaft angekommen, bei einem selbst oder bei Angehörigen und Freunden. Für viele Menschen wird diese Krise eine Wende sein, nach der sie nicht mehr in das Berufsleben zurückfinden werden.

STANDARD: An welche Menschen denken Sie?

Grund-Groiss: Am dramatischsten wird es wohl bei vielen Babyboomern sein, also jenen Menschen, die zwischen 1955 und 1965 geboren wurden, worunter auch ich falle. Von diesen Menschen sind derzeit 75.000 arbeitslos. Es ist wahrscheinlich die meritokratischste Generation, die es je gegeben hat, weil diese Menschen, zwar aus einer rebellischen Jugendkultur kommend, dennoch zeitlebens sehr stark gerungen haben um soziale Anerkennung, um Erfolg und um Leistung. Wenn nun im Schnitt 75.000 Babyboomer arbeitslos sind, dann haben wir hier bereits eine echte moralische Krise.

STANDARD: Aber es gibt gleichzeitig viele Berufe, für die laufend Arbeitskräfte gesucht werden, etwa wenn wir an die Pflege denken. Könnte man hier nicht mit Umschulungen ansetzen?

Grund-Groiss: Das muss man selbstverständlich, im größtmöglichen Umfang. Aber gerade für ältere Menschen, die dreißig Jahre lang in einem Beruf gearbeitet haben, ist ein Berufswechsel oft eine Zumutung oder sogar eine Demütigung. Sie haben Angst, wieder von vorne beginnen zu müssen. Wenn man da relativ leichtfertig sagt, "Na ja, dann lernst halt was anderes", vergisst man die Identität, die diese Menschen mit ihrem Beruf verbinden. Natürlich ist es legitim zu sagen, dass Menschen, die Arbeitslosengeld oder Notstandshilfe beziehen, auch bereit sein sollten, sich außerhalb ihres bisherigen Berufsfelds zu bewerben oder zu qualifizieren. Aber wir müssen auch diese Frage ernsthaft diskutieren: Ab welchem Punkt ist es legitim, dass arbeitslose Personen keinen Beruf mehr ausüben müssen, der nach ihrer innersten Überzeugung nicht zu ihrer Identität passt?

STANDARD: Einige würden sagen: Ohne staatlichen Druck und Sanktionen ruhen sich zu viele Menschen auf dem Sozialstaat aus. Ist der Einwand berechtigt?

Grund-Groiss: Natürlich gibt es auch Leute, die versuchen, das System auszunutzen. Aber beim Nachdenken über eine gerechtere Arbeitswelt halte ich es lieber mit Immanuel Kant, der den Menschen als autonom und vernünftig betrachtet. Deswegen sollte den Menschen auch mehr Eigenverantwortung gegeben werden, etwa was die Arbeitswahl betrifft. Man sollte keinen Job annehmen müssen, den man überhaupt nicht mag. Wir sollten uns vielmehr fragen, wie wir die sinnstiftenden Elemente der Arbeit stärken können.

STANDARD: Was meinen Sie damit?

Grund-Groiss: Wir müssen von dem alleinigen Leitbild der Erwerbsarbeit abkommen und auch die Nichterwerbsarbeit stärker anerkennen. Damit meine ich zum Beispiel karitative Tätigkeiten, Familien- und Hausarbeit oder politische Arbeit. Die scharfe Unterscheidung zwischen Erwerbs- und Nichterwerbsarbeit wird schon jetzt immer brüchiger, weil es in beiden Bereichen immer stärker um dieselben Fähigkeiten geht: die richtige Kommunikation und das zwischenmenschliche Handeln, aber auch um die handwerklichen Fertigkeiten, man denke nur an das weitverbreitete Heimwerkertum. Deshalb sollte auch die Unterscheidung zwischen Erwerbs- und Nichterwerbsarbeit nicht mehr so wichtig sein. Wir sollten aktiv daran mitwirken, mit erneuerten Systemen der sozialen Sicherung diese Unterscheidung zu minimieren. Das führt zu Überlegungen eines Grundeinkommens.

STANDARD: Sie sprechen von einem bedingungslosen Grundeinkommen?

Grund-Groiss: Nein, ich rede nicht gleich von einem vollwertigen bedingungslosen Grundeinkommen, was mich sicher von den vielen Leuten unterscheidet, die das leichthin fordern. Mir erscheinen diese Forderungen auch zu billig: Machen wir ein bedingungsloses Grundeinkommen, dann können wir uns den ganzen Sozialstaat sparen und dann haben wir eine schöne heile Welt. Man muss sich schon die Mühe machen, zu fragen, wie passt ein solches Grundeinkommen zusammen mit den Kollektivverträgen oder mit den Regeln in der Arbeitslosenversicherung. Was wir aus meiner Sicht zuerst brauchen, ist so etwas wie ein halbes Grundeinkommen.

STANDARD: Könnten Sie das genauer beschreiben?

Grund-Groiss: Durch die neue Corona-Massenarbeitslosigkeit müssen wir beginnen, bedingungslose Elemente in die soziale Sicherung bei Arbeitslosigkeit einzubauen. Das kann bedeuten, dass sehr arbeitsmarktferne Arbeitslose von der Vermittlungspflicht ausgenommen werden. Oder dass für ältere Langzeitarbeitslose auch eine ehrenamtliche Tätigkeit den Anspruch auf den Leistungsbezug sichert. Oder dass selbst bei Ablehnung einer zumutbaren Beschäftigung zumindest das halbe Grundeinkommen im Ausmaß von circa 500 Euro weiterhin zusteht. Wir könnten auch jene Berufe besonders fördern, von denen wir alle der Ansicht sind, dass sie moralisch hochwertig sind, indem wir dort zuerst das halbe Grundeinkommen einführen. Ich denke hier beispielsweise an Pflegeberufe, aber auch an einfache, systemrelevante Berufe, die am Beginn der Corona-Pandemie alle beklatscht haben, aber auch an Berufe, in denen es zu wenige Arbeitskräfte gibt und die oft unbeliebt sind, wie eine Reihe handwerklicher Berufe.

STANDARD: Wie soll diese Förderung aussehen?

Grund-Groiss: Es könnte eben die Bevorzugung bei der Einführung eines halben Grundeinkommens sein, für zwei Jahre zum Beispiel, bis wir die anderen Berufe nachziehen. Für arbeitslose Personen, die eine Arbeit in diesen "Moralberufen" und "Mangelberufen" aufnehmen, würde das halbe Grundeinkommen wie ein starker Kombilohn wirken. Der Staat könnte sagen: Wenn du diesen Beruf erlernst, stellen wir dir jetzt bereits einen Scheck für eine Umschulung aus, den du einlösen kannst, nachdem du den Beruf mindestens zehn Jahre ausgeübt hast.

STANDARD: Sie wollen manche Berufe gegenüber anderen bevorzugen. Ist das nicht ungerecht – vor allem, wenn man nicht weiß, wo genau man die Grenze ziehen muss?

Grund-Groiss: Ja, als eine befristete Aktion. Aber Sie haben recht, das löste mit Sicherheit einen riesigen Gerechtigkeitswirbel aus, weil viele sagen werden, warum bekomme ich das nicht. Aber vielleicht wäre so ein Gerechtigkeitswirbel auch mal gut, um Farbe zu bekennen. Jeder sagt, wie wichtig ist denn die Pflege und wie wichtig ist meine Reinigungskraft, aber so wirklich den nächsten Schritt wollen die wenigsten gehen.

STANDARD: Für arbeitslose Menschen gibt es ja bereits Arbeitslosengeld und Notstandshilfe. Was haben diese Menschen von einem halben Grundeinkommen?

Grund-Groiss: Für einige arbeitslose Menschen würden die Berufe, in denen ein Arbeitskräftemangel herrscht, attraktiver werden – und wohl auch besser bezahlt. Zudem sollten arbeitslose Menschen die Möglichkeit haben, eine ehrenamtliche Tätigkeit nachzuweisen, um neben dem Arbeitslosengeld noch dieses halbe Grundeinkommen dazuzubekommen, zum Beispiel als Übergang bis zur Pension. Viele könnten dadurch ihre Selbstachtung wahren und wären zugleich sozial abgesichert.

STANDARD: Aber niemand wird von einem halben Grundeinkommen allein leben können.

Grund-Groiss: Nein, aber die Menschen hätten trotzdem mehr Handlungsspielraum und Freiheiten bei der Wahl ihres Tätigseins. Sie könnten eine Zeitlang etwa eine Selbstständigkeit oder künstlerische Tätigkeit ausüben und dabei ein halbes Grundeinkommen mit einem anderen Einkommen kombinieren. Es geht nicht um die abgehobene Idee, uns Menschen von der Notwendigkeit, zu arbeiten, zu befreien, sondern darum, zu sagen, dieses halbe Grundeinkommen steht einem zu, aber darüber hinaus bleibt weiterhin die Logik in Geltung, dass man allenfalls seine Arbeitskraft auch am Erwerbsarbeitsmarkt anbieten muss. Anders ausgedrückt: Das Arbeitsethos soll als eine wichtige Kardinaltugend unserer Gesellschaft erhalten bleiben, gleichzeitig sollen viele Menschen in ihrem Arbeitsleben freier und glücklicher sein können. In der Erwerbsarbeit oder auch in der Nichterwerbsarbeit.

STANDARD: Wie muss sich unsere Arbeitswelt in Zukunft verändern?

Grund-Groiss: Wir sollten jegliche Arroganz gegenüber einfacher Arbeit ablegen, mit der wir so viele Menschen kränken. Das wäre ein großer moralischer Fortschritt. Und wir sollten auf einen Rat des US-amerikanischen Philosophen Michael J. Sandel hören, der sagt: Streiten wir wieder über unsere Werte. Es gibt dabei kein klares Wahr oder Falsch, aber es gibt eine richtige Art, miteinander zu diskutieren, die uns weiterbringt – und die so unendlich wichtig ist für ein demokratisches Gemeinwesen. (Jakob Pallinger, 7.12.2020)