Der Umweltaktivistin Nemonte Nenquimo stoppte die Versteigerung von Land im Amazonas-Regenwald an Ölgiganten wie Exxon Mobil und Shell in einem Gerichtsverfahren gegen die Regierung in Ecuador.

Foto: AP/Dolores Ochoa

Nemonte Nenquimo spricht schnell, gestikuliert mit den Händen, ihr Gesicht ist geladen vor Zorn und Trauer: "Der Kapitalismus und die Regierung zerstören unsere Lebensweise", sagt die 33-Jährige in einem Fernsehinterview. Ihre Augen sind von roter Farbe umgeben, sie trägt eine lange Kette und kreisrunde Ohrringe. "Wir haben jahrhundertelang auf unserem Land gelebt, haben es immer sauber gehalten und nie beschädigt. Jetzt kommt die Regierung her und will unser Land verkaufen, ohne uns vorher zu fragen."

Für das indigene Volk, die Waorani, die in den Regenwäldern des Amazonas in Ecuador leben, ist Nemonte Nenquimo bereits eine Heldin. Und vor wenigen Tagen wurde sie als eine von sechs weiteren Umweltaktivisten auch mit dem jährlich vergebenen Goldman-Umweltpreis ausgezeichnet. Weil sie es geschafft hat, tausende Quadratkilometer Regenwald vor der Ölindustrie zu beschützen, heißt es in der offiziellen Begründung.

Wie? Indem sie gemeinsam mit anderen Aktivistinnen der Waorani die ecuadorianische Regierung für deren Plänen verklagt hat, ihr Land zu verkaufen. Sie bekam recht und setzte damit vielen Experten zufolge einen Präzedenzfall für indigene Rechte. Vom Magazin "Time" wurde Nenquimo deshalb zu einer der 100 einflussreichsten Personen des Jahres 2020 gewählt. Auch die BBC ehrte sie als eine der 100 inspirierendsten Frauen in diesem Jahr.

TIME

Erdölboom seit 1960

Dabei hat Nenquimo nie geplant, Aktivistin zu werden, sagt sie in Interviews. Es sei mehr wie ein Vermächtnis ihrer Großväter gewesen, die ihr Land immer vor Gefahren beschützt haben. Die rund 3.000 Waorani, die heute noch im Regenwald leben, vermieden lange Zeit den Kontakt zur Außenwelt. Erst in den 1950er-Jahren drangen immer mehr Missionare in das Gebiet vor, mit dem Ziel, die Waorani zu "zivilisieren".

Seit den 1960er-Jahren hat die Erdölförderung wohl einen der größten Einflüsse auf die Waorani und schließlich auch auf Nenquimo. Es kam zu mehreren Ölunfällen, Boden und Gewässervergiftungen und Bränden, ausgelöst durch Explosionen von Bohrlöchern. Viele Maschinen wurden nach der Verwendung einfach im Wald zurückgelassen. Auch einige Waorani begannen im Laufe der Zeit, an den Bohrlöchern mitzuarbeiten. Mit dem Geld, das sie dort verdienten, hätten sie begonnen, immer mehr Alkohol zu konsumieren, erzählt Nenquimo in einem Interview.

Online-Kampagne

2018 kündigte die ecuadorianische Regierung an, 16 neue Ölkonzessionen in einem Gebiet von mehreren zehntausend Quadratkilometern des Amazonas-Regenwalds zur Auktion freizugeben. Nemonte Nenquimo startete daraufhin die Online-Kampagne "Unser Regenwald steht nicht zum Verkauf", bei der rund 400.000 Unterschriften weltweit als Unterstützung gesammelt werden konnten. Nachdem sie auch den darauffolgenden Gerichtsprozess gegen die ecuadorianische Regierung gewonnen hatte, durfte ein mehr als zweitausend Quadratkilometer großes Gebiet des Regenwaldes nicht für Ölbohrungen verwendet werden. Zudem muss die Regierung durch die Gerichtsentscheidung nun in Zukunft bei der Versteigerung von Land immer zuerst die Zustimmung der indigenen Bevölkerung einholen.

Das Gebiet, dass die Waorani im Regenwald des Amazonas bewohnten, wurde über die Jahre immer kleiner.
Foto: AFP/RODRIGO BUENDIA

Während die Gerichtsentscheidung von Umweltschützern überall auf der Welt als Gewinn gegen mächtige Konzern- und Regierungsinteressen gefeiert wurde, wird der Kampf der Waorani um ihre Lebensform wohl auch in den nächsten Jahren weitergehen. 80 Prozent der Waorani leben heute auf einem Zehntel des Gebietes, das ihre Vorfahren bewohnten. Weltweit haben indigene und ländliche Bevölkerungen Gewohnheitsrechte auf rund die Hälfte der weltweiten Landfläche, gesetzlich werden ihnen allerdings nur zehn Prozent zugeschrieben, so die NGO Rights and Resources Initiative (RRI). Laut Organisation können indigene und lokale Bevölkerungsgruppen einen zentralen Beitrag zur Erreichung der UN-Biodiversitätsziele bis 2030 leisten.

Preisgeld für Schutz des Regenwaldes

"Ohne unser Land gibt es kein Leben", sagt Nemonte Nenquimo. Die 200.000 Dollar Preisgeld, die die Umweltaktivistin für ihr Engagement erhalten hat, will sie in den weiteren Schutz des Amazonas investieren. Die Ehre des Preises gebühre aber "allen indigenen Frauen, die unser Leben und die Zukunft unserer Kinder verteidigen", sagt sie. Das Verleihungskomitee würdigte die Aktivisten noch in einem besonderen Satz: "Nemonte Nenquimo hat es geschafft, die Welt der indigenen Bevölkerung und der westlichen Gesellschaften zusammenzuführen." (Jakob Pallinger, 6.12.2020)