Der Handel mit gebrauchten Uhren, subsumiert unter dem Begriff Certified Pre-Owned (CPO), hat in den letzten Jahren einen Boom erlebt. Er wurde zu einem Milliardengeschäft. Der Certified-Pre-Owned-Markt ist das mit Abstand am schnellsten wachsende Segment im 80 Milliarden Dollar großen Luxusuhrenmarkt.

Waren es zunächst vor allem unabhängige Onlineplattformen, die voll in diese von den alteingesessenen Uhrenhändlern kaum berücksichtigte Nische sprangen, haben letztere mittlerweile nachgezogen. Allen voran der größte Uhreneinzelhändler der Welt, Bucherer, mit Sitz in Luzern. Dieser hatte 2018 kurzerhand den größten auf dem US-Markt aktiven Secondhand-Uhren-Händler Tourneau geschluckt und sich damit das Know-how auf diesem Gebiet eingekauft.

Dem Secondhand-Uhren-Markt wird eine große Zukunft vorausgesagt.
Foto: AP Photo/Alexandra Wey

Man kann sich das Angebot online ansehen oder auch in extra eingerichteten Lounges in den Geschäften von Bucherer. Diese gab es zuerst in der Schweiz, Deutschland und Frankreich, seit kurzem auch in Wien. Doch bevor es richtig losgehen konnte, kam der Lockdown. Julien Rossier, stellvertretender Geschäftsführer der Boutique in bester Wiener Innenstadtlage, ist dennoch optimistisch. Immerhin: Anfang kommenden Jahres kann er das "stellvertretender" vor dem Geschäftsführer streichen.

STANDARD: Wie wird's nach dem Lockdown weitergehen?

Rossier: Wir haben schon nach dem ersten Lockdown gesehen, dass die Leute Lust auf Uhren und Schmuck haben. Die Touristen bleiben zwar aus, aber die Stammkundschaft ist treu. Wobei diese nicht nur aus Österreich kommt, sondern auch aus den Nachbarländern.

STANDARD: Welche Uhren werden gekauft?

Rossier: Das Interesse hat sich auf einige wenige als wertbeständig angesehene Uhrenmarken beziehungsweise -modelle verlagert, also Rolex, Patek Philippe et cetera. Dahinter steckt oftmals ein gewisser Investmentgedanke. Ich denke, das ist eine Krisenerscheinung. Man möchte auf Nummer sicher gehen.

STANDARD: Sie sind skeptisch?

Rossier: Bei Uhren kann man oft nicht genau sagen, welches Modell sich in Zukunft überhaupt "lohnen" wird. Ein Modell, das heute kaum an den Kunden zu bringen ist, kann in zehn Jahren heißbegehrt sein. Ich finde diese Unvorhersehbarkeit auch schön. Man sollte sich beim Kauf einer Uhr allerdings eher von Emotionen leiten lassen denn von nüchternen Rechenspielen. Das ist es letztendlich, was wir in unserem Metier verkaufen: Emotionen. Die Uhr soll jeden Tag Freude machen, wenn Sie sie tragen.

Lässt das Herz von Rolex-Fans höher schlagen: eine Submariner, die wegen ihrer außergewöhnlichen Lünette auch Kermit genannt wird.
Foto: Markus Böhm

Rossier steht kurz auf und bringt eine Rolex Daytona und eine Submariner mit grüner Lünette, ob dieser Besonderheit wird sie in Sammlerkreisen Kermit genannt, nach dem Muppet-Frosch. Beide sind Modelle aus zweiter Hand, die Bucherer nun als CPO-Uhren im Sortiment hat.

Rossier: Hier haben wir zwei Beispiele: Die Daytona ist damals, als sie auf den Markt kam, wie Blei bei den Händlern gelegen, selbiges gilt für die Kermit. Die wollte niemand haben. Heute sind sie heißbegehrt, und was zum Beispiel die Kermit betrifft – in der Form nur noch auf dem Gebrauchtuhrenmarkt zu haben.

STANDARD: Kein Wunder also, dass man diese beiden Modelle jetzt in Wien anbietet: Sie sollen Sammler und Aficionados ins Geschäft locken, nehme ich an.

Rossier: Ja, wir sind sehr froh darüber, dass wir diese Modelle hier vor Ort anbieten können. Die Zentrale könnte sie locker überall anders auf der Welt verkaufen. CPO kann auch ein Türöffner sein und neue Kunden für die Welt der luxuriösen Uhren gewinnen. Man kann sich das Angebot unverbindlich anschauen. Man sollte sich von der noblen Fassade nicht abschrecken lassen, Gastfreundschaft ist einer der grundlegenden Werte von Bucherer, also einfach reinkommen und probieren. Wir haben auch eine supertolle Aussicht auf den Stephansplatz! (lacht)

Julien Rossier übernimmt Anfang 2021 die Geschäftsführung bei Bucherer Wien.
Foto: Bucherer

STANDARD: Könnte dies aber nicht das Geschäft mit neuen Uhren negativ beeinflussen, Stichwort Kannibalisierung?

Rossier: Das kann ich mir nicht vorstellen. Uhren aus dem aktuellen Katalog werden nicht als CPO angeboten. CPO spricht unterschiedliche Zielgruppen an: Es gibt Leute, die eine besondere Uhr suchen, es gibt solche, die ausschließlich eine Vintage-Uhr haben wollen. Dann richtet sich das Angebot auch an jene, die einen leichteren Einstieg in das Thema Luxusuhren suchen – diesen kommt die Preisgestaltung entgegen. Secondhand stellt in der gesamten Luxusbranche kein Kaufhindernis mehr dar: Gerade bei Uhren aus Vorbesitz ist das kein Problem. Eine servicierte Uhr ist wie neu, hat aber einen einzigartigen Charakter durch Tragespuren. Deshalb wird nicht jede Uhr von uns auf Hochglanz gebracht, da gibt es genaue Regeln. Denn tatsächlich gilt bei einigen Modellen: Je näher am Originalzustand – mit ausgeblichenem Zifferblatt, gealtertem Gehäuse et cetera –, desto besser. Deshalb ist Certified Pre-Owned ein zusätzliches Angebot, das wunderbar neben dem Neu-Uhren-Geschäft koexistieren kann.

STANDARD: Spielt man mit dem Gedanken, schlecht gehende Uhren über die Certified-Pre-Owned-Schiene zu verkaufen?

Rossier: Das würde unserer Firmenpolitik widersprechen. Damit würden wir auch das Vertrauen der Hersteller verlieren. Die Schweizer Uhrenbranche ist klein – dort kennt jeder jeden. Es gibt Spielregeln, an die man sich hält. Vor allem will man auch das Vertrauen des Kunden nicht aufs Spiel setzen, der sich darauf verlassen kann, dass auch eine gebrauchte Uhr fachgerecht serviciert und auf Echtheit überprüft wurde. Deshalb gibt es von uns auch eine zweijährige Garantie – diese umfasst auch, dass man eine bei Bucherer gekaufte, gebrauchte Uhr egal wo auf der Welt in eine Filiale bringen kann, um sie dort reparieren zu lassen. Was das Thema Echtheit anbelangt: Ich warne davor, Uhren aus unsicheren Quellen online zu kaufen. Wir haben oft genug erlebt, dass eine Uhr außen tipptopp ist und ihr Innenleben totaler Fake.

STANDARD: Service, Garantien … das bieten mittlerweile auch viele Onlineplattformen an. Wie wird der Handel darauf reagieren? Mit einer Rabattschlacht?

Rossier: Das wird die Zukunft weisen. Wie sich das Business entwickelt, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Der Markt ist jedenfalls groß genug für verschiedene Player. Der Kunde hat dann die Wahl.

STANDARD: Aber für viele ist der Preis das ausschlaggebende Kriterium.

Rossier: Das mag schon sein. Aber im Handel geht es auch um Beziehungen. Alle sprechen von Digitalisierung, jetzt mehr denn je. Ich denke: Ja, es ist wichtig, eine Omnichannel-Strategie zu verfolgen, aber wir brauchen das Geschäft als Ort der Emotion, des Touch-and-Feel … gerade in der aktuellen Situation merken wir, dass die Kunden verstärkt zurück in die Boutiquen kommen. Ich persönlich glaube fest an diese menschlichen Beziehungen, die auch im Geschäftsleben wichtig sind. Die Beziehung zwischen dem Kunden und dem Händler. Der Service macht es aus. Außerdem: Man muss eine Uhr einmal tragen, um sich ein komplettes Bild von ihr machen zu können. Ein Foto im Internet sagt nichts aus. Haptik und Sensorik kann ein Webshop nicht ersetzen.

Gehört mittlerweile zu den begehrtesten Modellen des Uhren-Primus aus Genf: die Daytona von Rolex. Das war aber nicht immer so.
Foto: Markus Böhm

Zum Beweis legt Rossier noch eine weitere Daytona auf den Tisch, ein älteres Modell aus dem Jahr 1996. Im direkten Vergleich mit dem Modell aus dem Jahr 2004 spürt man sofort: Die Stahlarmbänder der beiden Uhren liegen Welten auseinander – das ältere ist leichter und "scheppert" richtiggehend, während das andere viel wertiger wirkt. Etwas, das man in einer Online-Beschreibung wohl kaum lesen wird.

STANDARD: Woher stammen die Gebrauchtuhren?

Rossier: Unsere Experten sind international sehr gut vernetzt. Vor allem können auch Privatpersonen bei uns ihre Uhren vorbeibringen. Es gibt zudem die Möglichkeit eines Trade-ins: Wir nehmen die Uhr entgegen, prüfen ihren Zustand und den Marktwert, schlagen einen Ankaufspreis vor – und damit kann der Kunde zum Beispiel seine neue Uhr mitfinanzieren. Wir servicieren die Uhr dann und verkaufen sie weiter. Welche Marken und Modelle wir ankaufen, bestimmt die aktuelle Nachfrage am Markt.

STANDARD: Ein oft gehörter Kritikpunkt: Mechanische Uhren sind von Haus aus zu teuer. Was ist Ihre Meinung dazu?

Rossier: Die Preispolitik der Hersteller können wir nicht beeinflussen. Mechanische Uhren sind ein Luxusprodukt. Der Kunde erwirbt damit ein Stück traditionelle Handwerkskunst.

STANDARD: Wie viel verdient Bucherer durchschnittlich an einer Uhr?

Rossier: Dazu kann ich Ihnen keine Auskunft geben.

STANDARD: Inwiefern besteht eine Wechselwirkung zwischen CPO-Uhren und der derzeit spürbaren Retro- und Heritage-Welle?

Rossier: Es ist nichts anderes wie in anderen Geschäftsbereichen auch – es gibt Trends, die in Wellen kommen. Vor einiger Zeit waren noch recht große Uhren angesagt, jetzt gehen die Größen wieder zurück, man legt Heritage-Modelle neu auf et cetera. Vielleicht sind in ein paar Jahren wieder die größeren Modelle gefragt, weil diese dann nicht mehr produziert werden. Wer weiß? Es ist wie in der Mode, wo auch Altes und Neues kombiniert wird. (Markus Böhm, 8.12.2020)