Hunderte Menschen nahmen vergangene Woche an dem Begräbnis der Opfer im nigerianischen Zabarmari teil.

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Wenn es um die Brutalität der Boko-Haram-Sekte geht, sind die Nigerianer einiges gewohnt. Doch die jüngste Attacke der islamistischen Extremisten am Montag vergangener Woche überstieg alles bisher Dagewesene. Im Borno-Staat im Nordosten des Landes mischten sich Sektenmitglieder unter die Arbeiter einer Reisplantage, die wenige Tage zuvor einen Boko-Haram-Kämpfer dingfest gemacht und an die Sicherheitskräfte ausgeliefert hatten.

Auf den Reisfeldern zückten die Milizionäre plötzlich ihre unter dem Gewand versteckten Waffen und fesselten die überrumpelten Feldarbeiter. Die Menschen waren fast 1.000 Kilometer zum Arbeiten in die Region gereist. Einer nach dem anderen wurde in eine nahegelegene Scheune geführt, wo ihnen ein Extremist die Kehle durchschnitt. Bis sich in dem Gebäude ein Berg von 43 Leichen angesammelt hatte. Um die bestialische Prozedur abzukürzen, wurden 33 weitere Farmarbeiter auf dieselbe Weise in den Feldern abgeschlachtet. Ein gutes Dutzend weiterer Männer und mindestens zehn Frauen hätten die Milizionäre schließlich mit sich genommen.

"Hattet ihr etwa gedacht, unseren Bruder an die Polizei ausliefern und danach weiter in Frieden leben zu können?", fragte eine vermummte Gestalt höhnisch in einem wenige Tage später versandten Bekennervideo. Vermutlich handelt es sich dabei um den Sektenchef Abubakar Shekau: "So wird es allen ergehen, die uns verraten."

Entsetzen im In- und Ausland

Obwohl Massaker der Extremisten in dem seit über zehn Jahren tobenden Bürgerkrieg nichts Besonderes sind, löste dieses Blutbad einen Sturm der Entrüstung aus. Ein "kranker Akt", tobte Nigerias Präsident Muammar Buhari; "das Land, in dem Honig und Blut fließt", titelte eine Zeitung. Selbst der Papst im fernen Rom betete dafür, dass die Täter, "die den Namen Gottes verletzen", zur Besinnung kommen.

Das Verbrechen müsse vor ein nigerianisches Gericht gebracht werden, meldete sich auch Fatou Bensouda, die Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs, zu Wort: "Andernfalls wird mein Amt den Fall aufgreifen müssen." Im bevölkerungsreichsten Staat Afrikas landen derartige Verbrechen nur selten vor dem Kadi: Sie werden, wenn überhaupt, auf dem Schlachtfeld beglichen. Dort verloren in den vergangenen zehn Jahren bereits mehr als 36.000 Menschen ihr Leben.

Verhungern oder getötet werden

Unter ihnen sind vor allem Zivilisten. Sie sehen sich vor die tödliche Alternative gestellt, "sich entweder in Sicherheit zu begeben und zu verhungern" oder "ihre Felder zu bearbeiten und von den Aufrührern getötet zu werden", klagte der Gouverneur der Borno-Provinz, Babagana Zulum, beim Begräbnis der Massaker-Opfer. Regelmäßig wird die Bevölkerung sowohl von den Extremisten wie den Sicherheitskräften bezichtigt, mit der jeweils anderen Seiten zusammenzuarbeiten. In beiden Fällen müssen die Bezichtigten wie die 76 Farmarbeiter mit dem Tod rechnen.

Der Gouverneur der Borno-Provinz, Babagana Zulum, hält eine Trauerpredigt bei einem Begräbnis für die Landarbeiter.
Foto: AP/Jossy Ola

Nigerias Militär behauptet seit Jahren, die Sekte "praktisch besiegt" zu haben – die Wirklichkeit beweist das Gegenteil. Weil es den Soldaten partout nicht gelingt, die Region von der Größe Bayerns flächendeckend zu sichern, hat die Armeeführung inzwischen ihre Strategie geändert: Sie richtet große Flüchtlingslager ein, in denen die Bevölkerung kaserniert und einigermaßen erfolgreich bewacht wird.

Das Land wird indessen der Sekte überlassen. Die Extremisten errichten Straßensperren, an denen sie von Bauern und Händlern Steuern erpressen. Außerdem treiben sie von Dorfbewohnern Schutzgelder ein, mit denen sie ihre unter Waffen stehenden Kämpfer finanzieren. Die Armee scheint ihre Niederlage inzwischen einzuräumen. Der Bürgerkrieg könne noch "zwanzig Jahre lang" weitergehen, erklärte Armeechef Tukur Yusuf Buratai nach dem Massaker in den Reisfeldern.

Korruption auf allen Seiten

Die Klage der Militärs ist seit Jahren dieselbe: Sie hätten zu wenig Geld und Waffen, um erfolgreich operieren zu können. Gleichzeitig werden jedoch zahllose Fälle korrupter Offiziere bekannt, die ihre Waffen an die Gegenseite verkaufen.

Auch die einstige Anordnung Buharis, das Hauptquartier der Armee in die Provinzhauptstadt Maiduguri zu verlagern, wurde niemals befolgt: Die Region war den Generälen offenbar zu unwirtlich. Stattdessen erwarben sich die Soldaten den Ruf, mit übertriebener Härte gegen die Bevölkerung vorzugehen.

Ausländische Söldner gefordert

Jetzt kam unter den Politikern der Region die Forderung auf, im Kampf gegen die Sekte erneut ausländische Söldner einzusetzen. Eine von ehemaligen Mitgliedern der südafrikanischen Apartheidarmee befehligte Truppe hatte den Extremisten vor fünf Jahren die einzigen empfindlichen Niederlagen beigebracht: Vor allem ihr war zuzuschreiben, dass Boko Haram seine "Hauptstadt" Gwoza und das Rückzugsgebiet im Sambisa-Wald verlor.

Die fünf Gouverneure der nordöstlichen Provinzen Nigerias riefen die Zentralregierung zur Absetzung der Armeeführung und dem Engagement einer neuen Söldnertruppe auf. "Wir können nicht ewig trauern", pflichtete ihnen Ex- Senatspräsident Mohammed Ali Ndume bei: "Selbst die USA setzen regelmäßig Söldner ein." (Johannes Dieterich, 4.12.2020)