Vier Tage arbeiten, drei Tage frei: So sieht für viele Beschäftigte die ideale Woche aus. Denn wer sie fragt, wie viel sie gern arbeiten würden, erhält oft die Antwort: weniger. Auch in der Corona-Krise, wo hierzulande im November 457.197 Menschen ohne Job und 276.370 in Kurzarbeit waren, wird die Arbeitszeit hinterfragt. Eine alte Debatte nimmt da wieder Fahrt auf: Ist die Arbeitszeitverkürzung ein nützliches Kriseninstrument, um Beschäftigte zu halten? Kann sie neue Jobs schaffen und so Arbeitslosigkeit bekämpfen?

Vor allem Arbeitnehmervertreter setzen Hoffnung in ihre beschäftigungspolitische Wirkung. Die Idee dahinter: Haben Firmen in der Krise weniger Aufträge, sollen die Beschäftigten weniger arbeiten und es müssten weniger entlassen werden. Auch die vorhandene Arbeit könnte auf mehr Köpfe verteilt werden. Als Beispiel, wie das aus der Krise führen kann, gilt Volkswagen. Der Konzern rettete in den 90ern so 30.000 Arbeitsplätze.

Aktuell fordert die SPÖ eine freiwillige Viertagewoche bei 95 Prozent des Nettoeinkommens. Die Firma und das Arbeitsmarktservice übernähmen je ein Drittel der Kosten. Die Arbeiterkammer ist für eine staatlich geförderte Verkürzung. Laut ihren Rechnungen käme diese den Staat günstiger, als Arbeitslosengeld zu zahlen. Besonders dann, wenn viele Geringverdiener kürzertreten, aber vollen Lohn erhalten würden. Der Ausgleich wäre gestaffelt: je höher der Lohn, desto mehr Abzug.

Die Gewerkschaft GPA-djp schlägt einen Ausbau des bestehenden Solidaritätsprämienmodells vor. Dabei reduzieren zum Beispiel vier Mitarbeiter von 40 Stunden auf 80 Prozent, dafür wird eine arbeitslose Person für 32 Stunden eingestellt. Das Gehalt verringert sich auf 90 Prozent, das Arbeitsmarktservice übernimmt die Differenz. Das Modell dürfte nicht allzu bekannt sein: 2019 wurden 389 Personen vom AMS gefördert, 2020 bisher fünf.

Arbeitgebervertreter dagegen

Traditionell sind Arbeitgebervertreter wie die Wirtschaftskammer und die Industriellenvereinigung (IV) dagegen. Die Leiter der Wirtschaftsforschungsinstitute Wifo und IHS sprachen sich auch dagegen aus. Die Argumente der Gegner: zu teuer, käme eine Reduktion mit Lohnausgleich ja einer Gehaltserhöhung gleich. Es sei auch standort- und wohlstandsgefährdend.

Nicht nur die Sozialpartner, auch Forschende sind sich uneins: Manche erwarten mehr Jobs, andere weniger, weil Firmen abwandern. Stefanie Gerold, Ökonomin an der TU Berlin, gehört zu Ersteren. Bei einer Pressekonferenz von "Diskurs. Das Wissenschaftsnetz" sagt sie: "Die meisten Studien ergeben, dass kürzere Arbeitszeiten positiv auf die Beschäftigung wirken." Aber: "Sie führen nicht automatisch zu mehr Jobs." Es brauche Maßnahmen wie staatliche Zuschüsse für Firmen. Oder dass Produktivitätsgewinne, die durch kürzere Schichten entstünden, die Reduktion finanzierten. Kontraproduktiv für neue Stellen sei laut Gerold, wenn bei einer Verkürzung mehr Überstunden oder die gleiche Arbeit in weniger Zeit gemacht würden.

Dass an der Arbeitszeit zu drehen mehr Jobs bringt und Arbeitslosigkeit verringert, ist umstritten.
Foto: AP/Elise Amendola

Jörg Flecker, Arbeitssoziologe an der Uni Wien, legt dazu beim Pressegespräch nahe: Eine Reduktion könnte vor allem bei Niedrigqualifizierten oder Lehrabsolventen, die fixe Arbeitszeiten ohne Überstundenpauschale haben, sinnvoll wirken und Arbeit umverteilen. Immerhin suchen viele mit diesen Qualifikationen einen Job. Die Wochenarbeitszeit ist da für Flecker als Maß einer Verkürzung "nicht obsolet". Die oft geforderte Viertagewoche klingt ohnehin mehr nach Schichtdienst als Homeoffice und selbstbestimmten, flexiblen Arbeitszeiten.

Keine Vollbeschäftigung

Für Christian Helmenstein, IV-Chefökonom und Leiter des Instituts Economica, führt die Reduktion nicht zu Vollbeschäftigung: "Es gibt keine empirische Evidenz dafür." Er begründet das mit der Situation in Deutschland und den USA, wo es vor der Krise nahezu Vollbeschäftigung gab. In Deutschland ist die Jahresarbeitszeit kurz, in den USA hingegen sehr lang. Man müsse also nicht an der Zeit drehen, um weniger Arbeitslose zu haben, sondern vor allem an deren Qualifikation.

Der Trugschluss liegt für Helmenstein darin, dass die Befürworter von einem "fixen Stundenvolumen ausgehen, das auf mehr Köpfe verteilt werden muss". Die Jobs entstünden aber durch mehr Leistung und höherer Nachfrage. Dort, wo es einen Fachkräftemangel gibt und Pensionierungswellen anstehen, wie in der Pflege, gäbe es mit kürzeren Arbeitszeiten noch mehr offene Stellen, sagt der Ökonom.

Befürworter entgegnen, weniger Stunden seien auch ein Anreiz. Etwa für Junge, die nicht 40 Stunden plus arbeiten wollen. Das berichten auch Firmen, die auf eine Viertagewoche umgestellt haben.

Geschlechtergerechtigkeit

Die Erfahrungen von Firmen, die ihre Arbeitszeit reduzierten, aber auch die Forschung zeigen: Mehr Freizeit wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus, die Menschen sind entspannter und zufriedener. Und letztlich produktiver – laut Experten nimmt die Konzentration nach sechs Stunden ab, die Fehler nehmen zu.

Eine Reduktion könnte laut Befürwortern auch die Arbeit gerechter verteilen. Knapp ein Drittel der Beschäftigten in Österreich arbeitet Teilzeit, die meisten davon Frauen. Sie leisten auch mehr unbezahlte Arbeit, kümmern sich um Kinder oder den Haushalt. Reduzieren Vollzeitkräfte, sollten Teilzeitkräfte aufstocken. Das hieße oft: Männer hätten mehr Zeit für Care-Arbeit.

Mit "Samstags gehört Vati mir" wurde schon in den 50ern in Deutschland die Fünftagewoche gefordert. Auch die Argumente hierzulande wiederholen sich: Bevor 1975 die 40-Stunden-Woche eingeführt wurde, warnten Wirtschaftsvertreter vor weniger Konkurrenzfähigkeit und Produktivität. Von allein passiert also bei kürzeren Arbeitszeiten wenig: Sie wurden gewerkschaftlich oder gesetzlich durchgesetzt. (set, 7.12.2020)