Man muss nicht schreien, um unhöflich zu sein.

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Ich würde heute gerne ein Experiment mit Ihnen wagen. Eines, bei dem es um Anstand, Respekt und gutes Benehmen geht. Alles Dinge, die man mir in meinem durchaus auch polternden, wütenden Tonfall, gegen diese oder jene von mir identifizierte Ungerechtigkeit, nicht unbedingt attestieren würde. Die mich aber trotzdem oder womöglich sogar deswegen sehr beschäftigen. Wenn Ihnen das, was man gemeinhin als "gute Kinderstube" bezeichnet, wichtig ist, Sie aber zugleich finden, dass seit einigen Jahren leider immer weniger Menschen darüber zu verfügen scheinen, dann sind Sie für dieses Experiment perfekt. Falls nicht, freue ich mich, wenn Sie mich trotzdem begleiten.

Ich biete mich als Ihr persönlicher feministischer Pöbelguide an, an dessen Benehmen Sie nach Herzenslust und mehr als berechtigt Anstoß nehmen können. Wir befinden uns gemeinsam – je nachdem, was Sie bevorzugen – bei der Aufzeichnung der ARD-Sendung "Hart aber Fair" mit Frank Plasberg oder "Im Zentrum" mit Claudia Reiterer. Es geht um ein sehr übliches Thema: politische Korrektheit, Gender-Gedöns, Heimat großer Töchter und Söhne, darf man denn heute überhaupt nichts mehr sagen, Toilettenwitze, wieso sind alle so überempfindlich, und ist das überhaupt rassistisch? Sie können sich die Gästeliste sicher vorstellen und den Verlauf der Diskussion auch. Einige versichern sich, dass hier niemand wirklich rassistisch oder sexistisch ist, ein paar Mal fällt das N*Wort, man verweist auf ein Vorarlberger Bier, Traditionen und dass man derlei Begriffe schon immer vollkommen wertneutral gebraucht hat.

Wo soll das denn bitte enden?

Eine kluge, von Rassismus betroffene schwarze Autorin, die mehr über Diskriminierungsmechanismen weiß, als alle anderen zusammen, leider aber nur deshalb eingeladen wurde, weil es bei Ankündigung der Sendung mit sehr weißer Gästeliste zu einem kleineren Shitstorm in den sozialen Netzwerken gekommen ist, wird gefragt, wo das denn noch alles enden soll. Müssen wir jetzt wirklich alle Straßen umbenennen, Denkmäler stürzen und Bücher verbrennen? Das kann doch niemand wollen.

Das ist der Moment, wo ich ein bisschen ausraste. Bislang habe ich nichts gesagt, jetzt wirke ich sehr aufgeregt und wütend, nenne wahlweise den Moderator Frank Blasszwerg oder die Moderatorin Claudia Reiterin und hasple mich durch ein Statement der Überzeugungen, die ich Ihnen hier monatlich ausbreiten darf. Frank Nasswerk oder Claudia Weiterer schütteln missmutig den Kopf und korrigieren meine Fehlbenennung. Ich entschuldige mich hastig, will noch etwas sagen, aber da geht es in der Runde schon weiter. Alles wie gehabt: Irgendjemand beschwert sich darüber, dass Identitätspolitik nur die Unterschiede betone. Ein älterer Schauspieler leitet seine "Farbenblindheit" und seine Respektbekundungen für "alle vernünftigen Menschen" mit der Floskel "Wie ich immer zu sagen pflege" ein, blickt mich missbilligend an und gibt mir nachdrücklich zu verstehen, "dass es da bei ihm aufhört".

Applaus, Applaus

Die Bezeichnung "Putzperle" für seine Hausangestellte sei liebevoll-wertschätzend gemeint. Außerdem komme es nicht darauf an, was man sage, sondern wie man sich verhalte. Das Publikum applaudiert. Ich fletsche die Zähne und verkünde, dass ich ihn und andere Anwesende ab jetzt als Fickprodukt bezeichnen werde. Raunen. Getuschel. Frank Nürnberg oder Claudia Fahrradfahrerin erkundigen sich scharf, ob das wirklich mein Ernst sei. Ich nicke und will wissen, wo das Problem sein soll. Die Wahrscheinlichkeit, dass anwesende Personen durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden, gehe schließlich gegen null, Mutti und Vati hätten zur Zeugung der Anwesenden geknattert, das wird man doch wohl noch mal sagen dürfen. Daraufhin werde ich mit dem Hinweis, dass Frank Laufwerk oder Claudia Heiterkeit auch Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Gäste hätten, des Studios verwiesen.

Frage: Wessen unverfrorenes Verhalten regt Sie mehr auf – meines oder das der anderen? Ich gebe gerne zu, dass die beklagenswerten Mängel in meinem Benehmen ziemlich unangenehm sind. Aber was ist eigentlich mit all den anderen Sachen? Wieso sollte die Bezeichnung "Fickprodukt" unangebrachter sein als ein rassistischer Begriff, der schwarze Menschen als minderwertig und Eigentumsgegenstand markiert. Weshalb wird es immer noch hingenommen, Frauen in allen möglichen Kontexten auf ihre äußere Erscheinung zu reduzieren? Warum ist es "überzogen", wenn sich ein Transmann wie der Schauspieler Elliot Page einen Namen verbittet, der ihn nicht bezeichnet? Mit welchem Recht meint man, eine Transfrau wie Georgine Kellermann beschimpfen zu dürfen?

Neben vielen anderen Dingen ist ein solches Verhalten vor allem eins: unhöflich. Und zwar nach genau den Maßstäben, mit denen die allermeisten von uns aufgewachsen sind. Schon richtig, es heißt Frank Plasberg und Claudia Reiterer. Aber eben auch Ali Dönmez, nicht Dönmetz.

Und selbst wenn wir hier für einen winzigen Moment der Unterstellung Glauben schenken wollen, dass das, was Menschen mit Diskriminierungserfahrung schildern, nur so ein Gefühl ist und nur für sie persönlich stimmt: Wenn ich Ihnen sage, dass meine Eltern gestorben sind und ich nicht darüber reden möchte, werden Sie das vermutlich respektieren. Falls Sie später herausfinden sollten, dass meine Eltern noch leben, mich darauf ansprechen und ich Ihnen sage, dass meine Eltern für MICH gestorben sind und ich nicht darüber reden möchte, weil es mich zu sehr verletzt – was tun Sie dann? Werfen Sie mir jedes Mal, wenn wir uns sehen, an den Kopf, dass meine Eltern noch leben, und fragen mich, was bei mir eigentlich falsch läuft? Oder verhalten Sie sich anständig? Sie wissen doch, wie Anstand geht. Sie wissen, was sich schickt und was nicht, Sie wittern Respektlosigkeit und Herablassung drei Meilen gegen den Wind. Ich nenne Sie nicht Scheißer McScheißerchen, und Sie machen mir nicht vor, wie mein Nachname klingt, wenn Sie ihn aussprechen und dabei mit beiden Zeigefingern Ihren Mund in die Länge ziehen. Genau dieses Maß an Anstand und Rücksichtnahme fordern marginalisierte und von Diskriminierung betroffene Menschen von uns ein. Das ist nicht zu viel verlangt. Das ist das Mindeste. (Nils Pickert, 6.12.2020)