Marcus Täuber ist Neurowissenschafter, Buchautor ("Gedanken als Medizin") und Leiter des Instituts für mentale Erfolgsstrategien (IfMES).

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In stark belastenden Situationen geht es oft darum, seine Gedanken kontrollieren zu lernen, sagt Neurowissenschafter Marcus Täuber – und sieht in Meditation einen Weg dorthin.

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Weihnachten ist in Gefahr, der Skiurlaub abgesagt, es regieren die Geldsorgen: Viele Menschen in Österreich sind Corona-müde. Kaum ist der Lockdown vorbei, wird über neue Maßnahmen diskutiert. Marcus Täuber, Leiter des Instituts für mentale Erfolgsstrategien, erklärt, wie wir mit dem Stress umgehen lernen können.

STANDARD: Die Corona-Pandemie dauert jetzt fast schon ein Jahr lang. Was beobachten Sie derzeit?

Täuber: Es ist eine Tatsache, dass der neuerliche Lockdown eine substanziell andere Wirkung hat als der im Frühjahr. Er ist viel belastender als der erste, bei dem viele die Situation als etwas Neues erlebt haben. Viele haben Angst oder verlieren die Geduld. Unsicherheit verursacht Stress, und weil dieser Stress jetzt schon ziemlich lange dauert, bricht unglaublich viel aus den Leuten heraus.

STANDARD: Wie äußert sich das genau?

Täuber: Psychische Erkrankungen gehen massiv in die Höhe. Wir wissen, dass viele Leute an Schlafstörungen leiden, Ängste und Depressionen sich verstärken.

STANDARD: Was machen sie dann?

Täuber: Die Reaktionen sind unterschiedlich. Viele ziehen sich zurück und müssen mit der Einsamkeit umgehen lernen. Andere werden ungeduldig, verlieren schnell die Nerven. Auch muskuläre Verspannungen, die sich als Rückenschmerzen äußern, nehmen zu.

STANDARD: Warum Kreuzweh?

Täuber: Alle sind derzeit aufgefordert, den Kontakt zu anderen zu meiden. Folglich schauen viele Leute tendenziell auf den Boden und nehmen damit eine gebeugte Schonhaltung ein. Andererseits ist man aber insgesamt angespannt. Das zeigt sich in muskulären Verspannungen. Die meisten machen ja auch noch weniger Sport, also Aktivitäten, die zur Entspannung beitragen. Das alles sind Folgeerkrankungen.

STANDARD: Folgen von chronischem Stress?

Täuber: Es sind Folgen der Dauerbelastung. Wir sehen auch, dass überproportional viele Menschen Psychotherapeuten aufsuchen, um sich dort Hilfe zu holen. Alle Termine sind ausgebucht.

STANDARD: Sie sind Hirnforscher. Können Sie erklären, was auf neurophysiologischer Ebene bei Stress passiert?

Täuber: Unser Gehirn ist ein Organ aus der Steinzeit, wenn ich das einmal so populärwissenschaftlich ausdrücken darf. Es ist dafür ausgelegt, Gefahren zu erkennen. Und tatsächlich ist es so, dass in dieser Pandemie die Gefahr allgegenwärtig ist und auch ständig im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Wir sehen es deutlich an den Statistiken zu den psychischen Erkrankungen. Viele kommen mit den Belastungen einfach nicht mehr zurecht. Es gibt zwei Arten, darauf zu reagieren. Im Englischen heißt es "fight or flight".

STANDARD: Kämpfen oder fliehen?

Täuber: Genau. Es gibt die, die Gefahren tendenziell eher verdrängen, sie eventuell sogar herunterspielen. Und die andere Gruppe, die voll Angst ist und deshalb auch sehr schnell in Panik verfällt. Beide Gruppen sind leicht reizbar und lassen jeden Streit, der sich bieten könnte, eskalieren.

STANDARD: Kann man auf sein eigenes Verhalten persönlich Einfluss ausüben?

Täuber: Ich denke schon. Denn an sich ist unser Gehirn für die Bewältigung von Krisen gemacht. Man kann es mit einem Muskel vergleichen. Man muss das Gehirn trainieren, damit es mit Belastungen und hohen Anforderungen zurechtkommen lernt.

STANDARD: Wie?

Täuber: Mentale Stärke ist eine Sache der Fokussierung. Wir wissen es aus dem Sport: Bei einem Rennläufer geht es darum, gut zu sein, wenn es darauf ankommt. Es ist zu einem überwiegenden Teil eine Frage der Vorbereitung. Mental bedeutet das: sich auf etwas einstellen, indem man visualisiert, mögliche Herausforderungen zu meistern. Das stärkt die Selbstwirksamkeitsüberzeugung und senkt den Stresspegel.

STANDARD: Wie soll das in einer monatelangen Pandemie funktionieren?

Täuber: Ruhig und gelassen bleiben, darum geht es. In der Pandemie ist es eine Herausforderung für die mentale Intelligenz. Damit meine ich die Fähigkeit, seine eigenen Gedanken wahrzunehmen, zu verstehen – und dann lenken zu lernen. Genau das bedeutet ja Fokussierung. Wer es kann, ist im Vorteil.

STANDARD: Wie soll das funktionieren, wenn man von finanziellen Sorgen gepeinigt wird, man ohne Kollegenkontakt im Homeoffice sitzt, die Kinder schreien?

Täuber: Vielleicht vorneweg: Es ist gerade jetzt besonders wichtig, Privates von Beruflichem zu trennen. Zeitlich und, wenn möglich, auch räumlich. Eine gut geplante Tagesstruktur ist das eine, sich einen Arbeitsbereich zu schaffen, und sei es eine Ecke irgendwo, das andere. Wichtig sind auch Pausen, auch sie sind für viele, die im Homeoffice arbeiten, weggefallen. Wenn das soziale Umfeld fehlt, arbeitet man sehr leicht einfach durch. Um die Selbstwahrnehmung zu fördern, ist Meditation ein sehr guter, erprobter Weg.

STANDARD: Was verändert sich dadurch?

Täuber: Man bleibt bei sich. Das geht, indem man sich Pausen sucht, sich auf die Atmung konzentriert und sich und seine Gedanken wahrnimmt. Das braucht Übung, aber wer es kann, lernt seine Gedanken zu steuern, lernt abschalten und dem Gehirn damit die Möglichkeit zur Entspannung zu geben.

STANDARD: Was passiert im Gehirn?

Täuber: Meditation trainiert das Stirnhirn, also jenen Bereich, der die Aufmerksamkeit steuert. Normalerweise verarbeitet dieser Bereich reflexartig Einflüsse, die auf den Menschen einprasseln. Mit Meditation lernt man, die Kontrolle darüber zu behalten. Das kann zum Beispiel auch bedeuten, bestimmte Gedanken einfach auszublenden.

STANDARD: Das heißt, man ignoriert die eigenen Probleme?

Täuber: Nein, man wird nur ruhiger und ist weniger auf Kampf eingestellt. Das meiste an dieser Pandemie lässt sich ohnehin nicht ändern, das zu akzeptieren erleichtert vieles – und damit fallen auch belastende Gedanken weg. Es geht darum, das bewusst zu machen.

STANDARD: Weil man sonst genau das Gegenteil tut?

Täuber: Tendenziell ist der Mensch eher auf das Unkontrollierbare fokussiert, denn dort lauert ja meistens eine Gefahr. So sieht es unser Steinzeit-Hirn, ein Reflex, den wir nicht loswerden, weil sich unser Gehirn eben nur sehr langsam weiterentwickelt.

STANDARD: Man sieht also schlechte Nachrichten gerne?

Täuber: Negative Nachrichten ziehen uns mehr an als positive. Wir haben auch in dieser Corona-Pandemie dem Negativen überproportional viel Raum gewährt. Unser Gehirn sammelt mehr Schlechtes als Gutes. Das wusste schon Sigmund Freud.

STANDARD: Wie meinen Sie das?

Täuber: Ich meine seinen Ausspruch: "Die Absicht, dass der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten."

STANDARD: Wie also sollten man denken?

Täuber: Sich darauf zu fokussieren, welche Chancen sich gerade für einen selbst eröffnen. Durch die derzeitige Situation gibt es auch Zeit, sich mit persönlichem Wachstum auseinanderzusetzen. Ich denke, dass sich vieles in der Wirtschaft derzeit rasant entwickelt, also ebenfalls exponentiell wächst, und jetzt ist die Zeit, hier auch neue Möglichkeiten zu erkennen.

STANDARD: Was wäre ein Fehler?

Täuber: Darauf zu warten, dass alles wieder so wird wie früher. Ich denke, das wird nicht passieren. Es geht darum, sich mit der eigenen Zukunft auseinanderzusetzen und sich durch Meditationen neue Freiräume für diese Gedanken zu schaffen. (Karin Pollack, 10.12.2020)