Mit jedem Lebensjahr stärker belastet: Kollektiv steigt die Anfälligkeit für Erkrankung.

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Wie viele Lebensjahre die Corona-Pandemie im Schnitt kosten könnte, hat ein Forscherteam vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg berechnet. Aufgrund der Altersstruktur der Bevölkerung schlägt der mögliche Verlust in Europa und den USA deutlich stärker durch als im Süden Afrikas, berichten die Demografen im Fachblatt "Plos One": Für jeden Zuwachs der Infiziertenzahl um zehn Prozent sinkt die durchschnittliche Lebenserwartung in Europa und Nordamerika (derzeit 79,2 Jahre) um ein Jahr.

In Südostasien (Lebenserwartung: 73,3 Jahre) resultiere ein Infiziertenzuwachs um zehn Prozentpunkte dagegen "nur" in einen Verlust von 0,7 Lebensjahren. Im südlichen Afrika – mit seiner deutlich niedrigeren Lebenserwartung von im Schnitt 62,1 Jahren – kostet eine um diese Marke höhere Virusverbreitung im Schnitt die 0,4 Lebensjahre, so die Berechnungen der Wissenschafter Guillaume Marois, Raya Muttarak und Sergei Scherbov vom IIASA und dem Wiener Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital.

Jung und Alt

Deren Simulationen beruhen auf Zahlen einer Studie aus der chinesischen Ursprungsprovinz von Sars-CoV-2, Hubei, wonach die Todesrate zwischen null Prozent bei Null- bis Neunjährigen und nahezu acht Prozent bei über 80-Jährigen lag. Das kombinierten die Forscher mit Daten zur Bevölkerungsstruktur in diesbezüglich vergleichbaren Weltregionen. Dies waren hier Europa und Nordamerika, Lateinamerika und die Karibik, Südostasien sowie Afrika südlich der Sahara.

Auf dieser Basis berechnete das Team, wie sich die Lebenserwartung verändern würde, wenn zwischen einem und 70 Prozent der jeweiligen Bevölkerung Covid-19-infiziert wären. Da aufgrund der Altersstruktur unter diesen stark vereinfachten Grundannahmen davon auszugehen wäre, dass altersbedingt in Europa und Nordamerika durchschnittlich jeder Einhundertste und im verhältnismäßig jungen südlichen Afrika lediglich jeder Fünfhundertste stirbt, ergaben sich die deutlichen Unterschiede.

Rund um den Globus

Während sich in dem Szenario, dass nur ein bis zwei Prozent der Bevölkerung an Covid-19 erkranken, kaum Auswirkungen auf die Lebenserwartung ergeben, könnten sich bei einer Rate von 50 Prozent Erkrankungen in Europa und Nordamerika Verluste von drei bis neun Jahren einstellen. In Lateinamerika und der Karibik läge der Wert zwischen drei und acht, in Südostasien zwischen zwei und sieben und im Süden Afrikas zwischen einem und vier Jahren, schreiben die Wissenschafter.

Derartige, wenn auch unwahrscheinliche Entwicklungen könnten also den allgemeinen Trend in Richtung immer höherer Lebenserwartungen in vielen Ländern durchbrechen. (APA, 11.12.2020)