Zukunftsprognosen haben es so an sich, dass sie oft mehr über die Gegenwart aussagen, von der aus sie gesponnen werden. Was ja nicht schlimm ist: Vielleicht lässt sich durch einen mutigen Blick in die Zukunft besser verstehen, wo das Schachspiel zum Zeitpunkt des 100. Jubiläums des Österreichischen Schachbundes im Jahr 2020 steht?

Schach lebt. Die Angst vor dem Remistod ist unbegründet.
Foto: Getty Images

Angst vor dem Remistod

Die schlechten Nachrichten zuerst: Die Dominanz der Computerprogramme und ihrer Analysen hat die Angst vor einem "Remistod" des Schachs in den vergangenen Jahren wiederbelebt. Die zwölf Unentschieden in Folge zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana bei der letzten WM 2018 waren diesbezüglich keine große Hilfe. Nachrichten vom Ableben des Spiels sind aber stark übertrieben: Wer sich ansieht, wie viele entscheidende Fehler auch die stärksten Spieler in Stellungen begehen, die sie zu Hause nicht vorbereiten konnten, der wird kaum befürchten, Schach könnte unter Profis bald als "gelöst" gelten.

Das Problem der steigenden Remisquote auf höchstem Turnierniveau rührt einzig und allein aus der schon weit fortgeschrittenen Analyse der objektiv besten Eröffnungsvarianten – und wird zusätzlich dadurch verschärft, dass alle Spitzenspieler im Wesentlichen dieselben digitalen Rechenknechte benutzen. Was im schlimmsten, weil sportlich langweiligsten Fall zu einem bloßen Abgleich ausanalysierter Abspiele auf dem Brett bis zum dann unvermeidlichen Remis führt.

Allerdings ändern sich die Parameter sofort, wenn verkürzte Bedenkzeit ins Spiel kommt. Dafür ist es gar nicht nötig, dem recht radikalen Vorschlag des Weltmeisters zu folgen, den WM-Titel in einer langen Serie von Schnellpartien mit 25 Minuten Bedenkzeit auszuspielen. Um wieder einen WM-Zweikampf mit vielen entschiedenen Partien zu erleben, würde es vermutlich genügen, die Bedenkzeit auf 90 Minuten pro Partie zu reduzieren. Das Niveau litte darunter bei den Top-Profis nur wenig, kalkulierte Risiken in der Partieanlage würden sich aber ungleich mehr auszahlen als unter dem derzeitigen Regime, das für WM-Matches mehr als doppelt so viel Bedenkzeit vorsieht.

Die erste These

Deshalb lautet die erste Zukunftsthese: Es wird auch in hundert Jahren noch WM-Duelle im klassischen Schach geben, aber sie werden mit rund 90 Minuten Bedenkzeit pro Partie gespielt werden.

Wesley So vs. Magnus Carlsen bei der WM im Fischerschach.





Chess.com

Ein ganz anderer Lösungsansatz für die Problematik der ausanalysierten Eröffnungen besteht in Regeländerungen. Auch diese Entwicklung ist keineswegs neu. Nicht zuletzt Weltmeister Emanuel Lasker hatte bereits vor rund hundert Jahren entsprechende spielreformatorische Vorschläge eingebracht. Das von einem anderen Weltmeister, Bobby Fischer, erdachte Fischerschach (auch "Chess 960" genannt) ist allerdings die einzige alternative Spielvariante, die bisher eine gewisse Breitenwirkung erzielen konnte und inzwischen sogar vom Weltschachbund Fide anerkannt wurde: Die Anfangsstellung der Figuren wird auf der Grundreihe für jede Partie neu ausgelost, was zu 960 verschiedenen möglichen Grundstellungen führt und Eröffnungstheorie obsolet macht.

Das erste WM-Finale dieser Disziplin 2019 in Oslo zwischen Wesley So und Magnus Carlsen war überaus spannend und von hoher Qualität. So, erster offizieller Weltmeister im Fischerschach, gab im Nachgang zu Protokoll, dass er die neue Disziplin gleich "achtmal so gerne" spiele wie normales Schach.

Die zweite These

Die zweite Zukunftsthese: Im Lauf des 21. Jahrhunderts wird Fischerschach das klassische Schach nicht ersetzen. Es wird sich unter Profis aber zu einer gleichberechtigten Disziplin entwickeln.

Bliebe noch die aktuell besonders dynamische Tendenz zur Digitalisierung des Spiels. Wird in Zukunft noch irgendjemand in einen Schachklub kommen wollen, bei dem man physisch am Brett anwesend sein muss? Oder löst sich der herkömmliche Spielbetrieb zugunsten einer weltweit und rund um die Uhr betretbaren Schach-Cloud auf?

Man sollte nicht vergessen, dass in der jüngeren Generation seit Jahren altvaterisch anmutende Freizeitaktivitäten wie Töpfer- oder Handarbeitskurse boomen. Ohne Schachvereine damit gleichsetzen zu wollen: Das analoge Erlebnis eines Klubabends in einem Kaffeehaus oder eine in vollständiger Stille verbrachte Meisterschaftspartie am Brett – was wäre denn ein besserer Erholungsraum für die digital überreizten Zeitgenossen?

Die dritte These

In diesem Sinne die dritte, sehr gewagte Zukunftsthese: Innerhalb der nächsten Jahrzehnte wird es zu einer Renaissance der Kaffeehausschachkultur kommen. Ab der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts werden die Mitgliederzahlen in Schachvereinen massiv steigen, wobei der soziale Charakter des Vereinslebens dem sportlichen gegenüber in den Vordergrund treten wird.

Man könnte auch sagen: Wir steuern einer großartigen schachlichen Zukunft entgegen. Aber erstens wollen wir selbst anlässlich eines Hundert-Jahr-Jubiläums nicht übertreiben. Und zweitens kann es immer auch sein, dass im Wesentlichen alles so bleibt, wie es ist. Was im Hinblick auf das Schachspiel ja vielleicht nicht einmal das schlechteste Szenario wäre. (Anatol Vitouch, 11.12.2020)