In Großbritannien, wo diese Frau Geschenke einkauft, gestaltet sich die Vorweihnachtszeit heuer besonders turbulent.

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Allzu viel vorweihnachtliche Einigkeit herrscht nicht in Europa dieser Tage. Mitten im Corona-Winter liegen die Nerven in Politik und Gesellschaft vielerorts blank. Entlang verschiedener Linien verläuft in den meisten Ländern der EU neuerdings ein Spalt — nicht immer dort, wo man ihn erwartet. In Deutschland ist es die christdemokratische CDU, die ausgerechnet zu Weihnachten den bisher so disziplinierten Deutschen allzu ausgelassenes Feiern verbieten muss. Spanien, dessen sozialistischer Regierungschef Pedro Sánchez auf eine vergleichsweise gute Bilanz der zweiten Infektionswelle verweisen kann, lockert vor dem christlichen Fest hingegen viele Maßnahmen. Pandemie und Weihnachtsromantik gehen schlecht zusammen, und so werden in vielen Ländern rund um die Feiertage verschiedene Einschränkungen erlassen. Ein Überblick.

Feiern im kleinsten Kreis

Lange waren sich Bund und Länder in Deutschland uneins, wie umzugehen ist mit der zweiten Welle. Im November debattierte man per Schaltkonferenz ganze sieben Stunden. Nun, kurz vor Weihnachten, herrscht doch noch Einigkeit zwischen Angela Merkel und den mächtigen 16 Landesfürsten: Gefahr im Verzug. Harter Lockdown also. Handel, Dienstleistungen und die Bewegungsfreiheit werden ähnlich wie im Frühling eingeschränkt, Schulferien vorverlegt – und zu Weihnachten soll man "im kleinsten Kreis" feiern, fünf Menschen aus zwei Haushalten, Kinder nicht mitgerechnet.

Und doch dürfen Bundesländer, wie es der Föderalismus will, eigenmächtig Ausnahmen definieren – je nach Infektionszahl. Für Österreich nicht unwichtig, bittet die Politik um Verzicht, was Reisen betrifft. Quarantänepflicht für die meisten Rückkehrer aus dem Ausland herrscht obendrauf. In Sachsen, einem Hotspot, darf man überhaupt das eigene Zuhause nur mehr in einem Umkreis von 15 Kilometern verlassen. Andere Bundesländer nehmen es nicht ganz so genau.

Kirchgänger entschuldigt

Das streng katholische Polen, von der zweiten Welle hart getroffen, muss sich auf ein etwas anderes Weihnachten vorbereiten, auch wenn der Höhepunkt der Pandemie nun vorbei scheint. So hat die polnische Bischofskonferenz ihre Schäfchen offiziell für den Pflichtgottesdienst am 25. Dezember entschuldigt. Andere Messen finden aber statt zwischen Zakopane und Stettin, teils mit Einschränkungen, teils gleich ganz online.

Handel und Lokale verfahren ähnlich wie hierzulande. Am Heiligen Abend selbst dürfen Polinnen und Polen höchstens fünf Gäste aus einem anderen Haushalt einladen. Um Infektionen unter Schülern und Lehrern hintanzuhalten, hat die Regierung kurzerhand die Schulferien verlängert – landesweit vom 4. bis zum 17. Jänner. Skilifte in der Tatra werden dann zumindest für Einheimische offen sein, Hotels hingegen zu.

Der Christbaum in der Warschauer Altstadt leuchtet wie eh und je, ansonsten wird es ein außergewöhnliches Fest.
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Das Virus kommt mit dem Auto

In Spanien geht die Angst vor einer dritten Welle um. Denn so erfolgreich die zweite bekämpft wurde – die Zahl der Infektionen ist ebenso rückläufig wie jene der belegten Intensivbetten –, so sehr fürchtet die Regierung des Sozialisten Pedro Sánchez nun die unkontrollierte Ausbreitung des Virus per Auto. Denn tatsächlich hat sie den Spaniern erlaubt, während der Feiertage "Angehörige" außerhalb der Heimatregion zu besuchen.

Gerade die landesinternen Reiseverbote sind aber ein Charakteristikum der spanischen Corona-Politik. In der vergangenen Woche hat sich deshalb auch eine sprachwissenschaftliche Debatte entsponnen. Was denn nun genau ein "allegado", wer also ein Angehöriger sei, wollte ein Journalist von Gesundheitsminister Salvador Illa wissen. "Sie wissen ganz genau, wen wir mit Angehörigen meinen", antwortete dieser unwirsch. Und pochte auf die Eigenverantwortung seiner leidgeprüften Landsleute: "Wir können und wollen nicht in jedes Haus einen Polizisten stellen." Zehn Menschen dürfen miteinander Weihnachten feiern, stellte die Zentralregierung darüber hinaus fest, den notorisch eigensinnigen Regionen hat sie Spielraum zugestanden.

Mittendrin statt nur dabei

Zu "doppelter Wachsamkeit" rief Frankreichs an Krisen gewöhnter Präsident Emmanuel Macron seine Landsleute kurz vor Weihnachten auf. Denn: "Genau in den Momenten, in denen man sich gehen lässt, verbreitet man das Virus." Sprachs, und verhängte eine Ausgangssperre für Silvester, wo sich sonst bekanntermaßen besonders viele Menschen auf den Straßen zwischen Ajaccio und Finisterre aufhalten. Diese Ausgangssperre wird für den Heiligen Abend aufgehoben. Der harte Lockdown endete am 15. Dezember, dennoch sind noch weitgehende Einschränkungen in Kraft – auch deshalb, weil die Zahl der Neuinfektionen lediglich stagniert, anstatt zu sinken.

Bescheinigungen, um die Wohnung verlassen zu dürfen, braucht man aber immerhin nicht mehr. Stattdessen gilt eine Sperrstunde, die von 20 bis 6 Uhr dauert. Feste am Weihnachtsabend, so wird empfohlen, sollen auf sechs Erwachsene plus Kinder begrenzt werden. Kontrollen dieser Privatfeiern aber soll es nicht geben. Zum ersten Mal seit dem Brand 2019 wird am Heiligen Abend in der Pariser Kathedrale Notre-Dame wieder ein Konzert stattfinden, ohne Publikum zwar, dafür aber als Liveübertragung im Fernsehen.

Angst vor deutschen Shoppern

Die Lage ist ernst in den Niederlanden – aber nicht hoffnungslos. So bezeichnete Premierminister Mark Rutte, von Haus aus ein Liberaler, diese Woche die Corona-Situation zwischen Maastricht und Groningen. Ernst, das bedeutet dieser Tage: Lockdown. So wie beim großen Nachbarn Deutschland klappt man nun die Gehsteige hoch. Erstmals müssen auch die meisten Geschäfte schließen, nicht einmal im Frühling ist man in der Händlernation so weit gegangen. Viele Gemeinden fürchteten, dass Deutsche nach den strengen Maßnahmen in ihrem Land ab Mittwoch für Weihnachtseinkäufen über die meist unbewachte Grenze fahren könnten.

Im niederländischen Venlo wurden noch schnell letzte Besorgungen gemacht, bevor Mitte Dezember der zweite Lockdown in Kraft trat.
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Seit Mittwoch sind auch die Schulen und Kindergärten geschlossen, die meisten Gotteshäuser ebenso. Doch die Dramatik lässt sich nicht mehr leugnen, die Zahlen – in dieser Woche bis zu 10.000 Neuinfektionen pro Tag – lügen auch kurz vor Weihnachten nicht. Beim Fest selbst dürfen die Niederländer höchstens drei Gäste einladen – und die sollten möglichst aus der Umgebung kommen. Von Auslandsreisen wird bis Mitte März dringend abgeraten. Rutte betonte, dass es "gerade vor Weihnachten" eine äußerst harte Botschaft sei. "Wir haben keine Wahl", betonte er. Und: "Aber wir werden es schaffen."

Schlimme Bilder

Gar nicht amüsiert gab sich Italiens Regierung, als vergangenes Wochenende Bilder aus Roms Einkaufsstraßen um die Welt gingen: volle Straßen, gut besuchte Geschäfte, Weihnachten, als gäbe es kein Corona. Kaum ein anderes Land in Europa wurde von der ersten Welle so früh und so verheerend getroffen wie Italien. Nun will Premier Guiseppe Conte, koste es, was es wolle, eine neue Katastrophe verhindern. Über die Feiertage gelten nun im ganzen Land die Rote-Zone-Regeln. In dieser Zeit darf das eigene Haus nur für die Arbeit, für dringende Besorgungen oder aus gesundheitlichen Gründen verlassen werden. Dennoch dürfen maximal zwei Gäste, Kinder unter 14 Jahren nicht eingeschlossen, zu Hause empfangen werden. Die Regeln, so Conte, seien so ausgelegt, dass das Minimum an sozialem Kontakt, das in dieser Zeit angebracht ist, möglich sei.

Die Regierung hat die Bewegungsfreiheit über die Feiertage drastisch eingeschränkt. Vom 21. Dezember bis 6. Jänner dürfen die Italiener ihre Heimatregion nicht mehr verlassen. Reisen zum Beispiel zwischen der Lombardei und der Toskana sind dann verboten. Und wer in dieser Zeit aus dem Ausland nach Italien zurückkehren will, muss zwei Wochen in Quarantäne.

Der harte Lockdown soll vom 28. bis 30. Dezember sowie am 4. Jänner aber etwas gelockert werden. An diesen Tagen wird ganz Italien zur "orangen Zone", der zweithöchsten Stufe der Einschränkungen. Dann sollen Geschäfte kurzzeitig öffnen können und die Fortbewegung innerhalb der jeweiligen Städte oder Gemeinden ohne Angabe von Gründen möglich sein.

Gottesdienste nach Ermessen

In Slowenien werden über Weihnachten die bisherigen Kontaktbeschränkungen gelockert. Private Treffen von bis zu sechs Personen aus zwei verschiedenen Haushalten sind am 24. und 25. Dezember erlaubt. An den beiden Tagen darf die Wohngemeinde bzw. Region verlassen werden. Bei gebesserter epidemiologischer Lage könnten die gleichen Vorgaben auch über Neujahr gelten. Andere Einschränkungen, etwa die nächtliche Ausgangssperre und das Verbot von öffentlichen Versammlungen, bleiben über Weihnachten in Kraft.

Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen dürfen auch wieder Gottesdienste abgehalten werden – oder besser dürften: Die sechs katholischen Diözesen des Landes entschieden sich, dieses Jahr keine Mitternachtsmessen abzuhalten. Jede der Diözesen entscheidet selbst, ob andere Gottesdienste stattfinden, und wenn ja, unter welchen Bedingungen.

Weihnachten in der "Bubble"

Alles andere als einen besinnlichen Advent erlebt man gerade in Großbritannien: Die auf der Insel entdeckte Mutation des Coronavirus hat die Pläne, über die Weihnachtsfeiertage die Einschränkungen zu lockern, schnell zunichtegemacht. London und weite Teile des Südosten Englands befinden sich nun in Warnstufe vier. Die dort lebenden Menschen dürfen Weihnachten nur mit Personen feiern, mit denen sie einen Haushalt teilen, und nicht verreisen, um Freunde und Verwandte zu besuchen.

Für alle anderen gilt das Bubble-Prinzip: Bis zu drei Haushalte dürfen eine Weihnachts-Bubble formen, also die Feiertage zusammen verbringen. Auch in Schottland, Wales und Nordirland wird ähnlich verfahren. Ursprünglich sollte das gemeinsame Feiern mit der Bubble für fünf Tage erlaubt sein, nun darf nur der Weihnachtstag so verbracht werden. Die drei Haushalte dürfen zu Hause, im Freien oder in einem Gotteshaus zusammenkommen. In Großbritannien wichtig: Der Besuch von Pubs ist explizit nicht erlaubt, Bubble hin oder her.

In diesem Baum blinken nicht die Lichter, sondern die Warnschilder: Die Covid-19-Fälle in Großbritannien steigen rasch.
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Singen verboten

In der Schweiz dürfen an den Feiertagen höchstens zehn Personen zusammen feiern, Kinder werden mitgezählt. Trifft man sich draußen, dürfen bis zu 15 Menschen zusammenkommen. Ein Weihnachtsessen auswärts ist allerdings nicht möglich: Restaurants und Lokale werden geschlossen, für die Feiertage gibt es keine Ausnahme, machte der Bundesrat klar. Keine Regel, aber eine dringende Empfehlung lautet, Weihnachtsfeste auf zwei Haushalte zu beschränken. Und: Gemeinsames Singen, aus virologischer Sicht ja bedenklich, ist nur im Familienkreis und in der Schule erlaubt.

Mitternachtsmesse erlaubt

In Tschechien gelten seit dem vergangenen Freitag wieder schärfere Regeln: Treffen von maximal sechs Leuten sind erlaubt, Alkoholkonsum im Freien verboten, und zwischen 23 und sechs Uhr gilt eine Ausgangssperre. Statt Gastronomie ist nur der Gassenverkauf erlaubt, der Handel bleibt jedoch weiterhin geöffnet. Am Heiligen Abend gibt es eine Ausnahme von der Ausgangssperre: Die Mitternachtsmesse darf besucht werden, solange nicht mehr als ein Fünftel der Bänke in den Kirchen besetzt sind. Christbäume und Karpfen können in der Vorweihnachtszeit ohne Einschränkungen eingekauft werden.

Da die Zahlen im Land jedoch gerade wieder stark ansteigen, wird bereits über neue Verschärfungen gemutmaßt: Gesundheitsminister Jan Blatný will am Mittwoch der Regierung vorschlagen, das fünfstufige Pandemiewarnsystem auf die höchste Stufe zu schalten, und zwar mit Gültigkeit ab 25. Dezember. Ab da dürften dann nur noch Geschäfte für die Deckung von Grundbedürfnissen sowie Apotheken und Drogerien öffnen. Die Ausgangssperre würde dann auf 21 bis 5 Uhr ausgeweitet. Zuletzt hat das Parlament die Verlängerung des Notstands bewilligt: Er gilt nun bis 22. Jänner. (Florian Niederndorfer, Ricarda Opis, Gerald Schubert, 22.12.2020)