"Vergiss diese lahmen Kaffee-Einladungen"

Foto: REUTERS Stefano Rellandini

Ich war in diese Zuckergusshölle gefallen. Seit Tagen ernährte ich mich von Keksen und zog mir einen Weihnachtsfilm nach dem anderen rein. Inzwischen war ich bei einem Klassiker angelangt, in dem ein sprechender Elch einer verzweifelten Zwölfjährigen die Welt erklärt. Ich fing zu heulen an. Dann klingelte zum Glück das Telefon, es war mein Freund, der Fotograf. – "Schwerer Fehler! Genau solche Filme darfst du dir jetzt auf gar keinen Fall reinziehen", schrie er. "Schau dir lieber etwas Gefährliches an, wie Bad Lieutenant oder Der Baader Meinhof Komplex. Das bringt dich in die richtige Stimmung." – Ich blies in ein Taschentuch und fragte kleinlaut: "Für was?"

Freundschaft plus

In großen Freundschaften kommt es immer wieder zu diesen entscheidenden Sätzen, die einen mental und kreativ weiterbringen. Das war jetzt so ein Moment. Am anderen Ende der Leitung atmete der Fotograf langsam aus. Dann sagte er mit tiefer gelegter Stimme: "Du brauchst jetzt Sachen, die an deine Coolness appellieren. Nur so bringst du dich wieder ins Spiel."

"Vergiss diese lahmen Kaffee-Einladungen", erklärte er mit dem Ernst eines Chefinspektors beim Morddezernat. Das Leben sei zu kurz für feige Testballons. 2021 seien großen Gesten gefragt. Inzwischen hatte ich mich wieder gefasst. "Was meinst du damit konkret?", versuchte ich, seine Prognosen auf eine sachliche Ebene bringen. Er erwähnte etwas von leidenschaftlichen Ansagen, im Stil eines Musikvideos aus den 1980ern. "Brennende Drinks, brennende Pianos, brennende Giraffen – verstehst du? Hauptsache, es brennt."

Weg mit der Vernunft

Wie sich herausstellte, stellte der Fotograf keine leeren Behauptungen auf. Er war gerade dabei, einen Kurzfilm zu Ehren einer neuen Flamme zu drehen. Ein surrealistisches Impromptu, in dem es gewaltig loderte. Die Feuersbrunst sei zwar größtenteils aus Pappmaché, komme aber mit diversen Filtern verdammt gut. Ganz klar: Hier zeigte jemand, wonach ihm der Sinn stand. Hier wuchs jemand über sich selbst hinaus.

Die "Bigger than life"-Methode schien die ideale Vitaminspritze für 2021 zu sein. Wohin war man schließlich mit all der Vernunft in Beziehungsangelegenheiten gekommen? Auch ich musste schleunigst runter vom Abstellgleis.

Die Sache war also beschlossen. Ich würde dieses anstrengende Jahr in aller Ruhe ausklingen lassen. Und ab Jänner offen für gigantische Dummheiten sein. (Ela Angerer, 29.12.2020)