Wenn Informatiker Weihnachten feiern: Professor Peter Reichl (li.) hat sich auch heuer zu seiner traditionellen Weihnachtsvorlesung an der Uni Wien Santa Claus eingeladen ... optisch hat dieser große Ähnlichkeit mit dem Informatikerkollegen Helmut Wanek.

Foto: Forschungsgruppe COSY / Uni Wien

Wien – Was für ein Jahr, dieses Corona-Jahr 2020! Was für ein Rumpfstudienjahr! Amputiert um das, was Studieren auch und besonders ausmacht: "echte" Begegnungen mit anderen Studierenden, neue Kontakte an der Universität, persönlichen Austausch mit Lehrenden. Lernen, lehren und, wenn's gut läuft, auch mal miteinander lachen. Oder feiern.

Diese Corona-Verluste zeigen sich jetzt vor Weihnachten in diesem komplizierten, schrägen, unwägbaren Jahr, das vor allem durch Distanz und Distance-Learning geprägt war, ganz besonders. Was also tun? Na, trotzdem Weihnachten (vor)feiern, auch an der Universität! Corona-konform halt.

Studierende sehnen sich nach Uni aus der Nähe

Wenn jemand weiß, wie man an der Universität Weihnachten feiert, dann der Informatikprofessor Peter Reichl. Seit 2016 hält er seine mittlerweile schon legendär gewordene und heißerwartete Weihnachtsvorlesung an der Fakultät für Informatik der Uni Wien. Heuer erst recht. Dann eben als Onlineevent. Am Mittwoch um 19.30 Uhr ist es so weit: Unter dem Motto "Santa Claus allein zu Haus!" laden Reichl und seine Mitstreiter zur digitalen Weihnachtssause.

Was unterhaltsam klingt und auch so sein soll, hat im heurigen Jahr aber eine ganz besondere Bedeutung, sagt Reichl im STANDARD-Gespräch: "Auf Betreiben vieler Studierender, vor allem Erstsemestriger, machen wir auch heuer unsere Weihnachtsvorlesung. Allen fehlt die soziale Komponente des Studierens. Das durch Corona erzwungene Distance-Learning ist gerade für die Studienanfängerinnen und -anfänger fürchterlich. Sie sind durstig danach, Universität aus der Nähe zu erleben. Sie empfinden das wirklich als bedrückend, weil diese Art des Studierens mit dem, was eine Ausbildung an einer Hochschule auch sein sollte, also der Sozialisierung in einen zukünftigen Berufskontext, nur wenig zu tun hat."

Weihnachtsmann und Krampus in Quarantäne

Der Professor selbst verrät nur so viel über den geplanten Einblick in seine "Xmas4.0"-Forschung: "Durch einen glücklichen Zufall hat sich vor einigen Tagen herausgestellt, dass sich Weihnachtsmann und Krampus ins Smart-Home-Labor der Forschungsgruppe COSY in Quarantäne begeben haben, wo sie seitdem von den Forscherinnen und Forschern studiert werden. Heute Abend sind aber auch die Zuschauerinnen und Zuschauer zur Mitbeobachtung aufgerufen und können sich in einem von Informatikstudierenden betriebenen Chat beteiligen, denn jedes Detail zählt, und manchmal können sich die Dinge ja auch ganz anders entwickeln, als es zunächst den Anschein hat ..."

Das Ganze findet statt im COSY:lab, dem Smart-Home-User-Trial-Lab der Forschungsgruppe Cooperative Systems an der Uni Wien, das im Zuge der Pandemie zu einer Art Fernsehstudio umgebaut wurde, um Distance-Learning in hoher Qualität zu ermöglichen.

Wer sich am Abend einklinken möchte, hier entlang zum Youtube-Stream und Chat mit Santa Claus, Reichl & Co.

An dieser Stelle wird natürlich nicht gespoilert, nur ein bisschen geteasert und wärmstens empfohlen: Schauen Sie sich das an!

Vanillekipferln und Weihnachtsgans

Als Vorgeschmack vielleicht noch ein paar Details aus den vergangenen Jahren: So referierte Reichl vor zwei Jahren zum Thema "Himmlische Differentialgleichungen" unter dem Motto "40 Engel für ein Halleluja" – mit "sensationellen Gästen", wie er im Hörsaal ankündigte ... und siehe da: Der Weihnachtsmann marschierte die Treppe herunter, begleitet von einem Engel und universitären Engelschören, dem EnChoir (Chor des Instituts für Anglistik und Amerikanistik) und C# (Chor der Informatikstudierenden), die das "Halleluja" von G. F. Händel anstimmten.

Der philosophieaffine Informatiker Reichl erläuterte dabei anhand von Immanuel Kants drei großen Fragen – Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? – auch eine jahreszeitlich bedingt "wirklich relevante" Frage: "Wie backe ich so richtig gute Vanillekipferln?"

Auch der Krampus war vor Ort ... dahinter verbarg sich der Physiker Werner Gruber, früher tätig am befreundeten Nachbarinstitut für Experimentalphysik, bekannt als "Science Buster" und seit 2013 Direktor des Planetariums Wien sowie der Kuffner- und der Urania-Sternwarte. Er war für einen der "running gags" der Weihnachtsvorlesung zuständig: die Vanillekipferl, die vor versammelter Menge produziert wurden. Auch die physikalisch mehr oder weniger perfekt gegarte Weihnachtsgans lag in Grubers bewährten Händen. Und eine Feuerzangenbowle gab's auch, mit diversen Schwierigkeiten bei der experimentellen Validierung.

Als Donald Trump sein Gesicht verlor

Ein Jahr später tauchte Gruber als Richard Lugner in Verkleidung auf, "Mausi" war als Computermaus ebenfalls dabei – und als "Ehrengast" konnte Gastgeber Reichl Donald Trump begrüßen, "der dabei sein Gesicht verlor" – exklusive Bilder davon wird es weltweit erstmals an diesem Abend zu sehen geben. Die Vorlesung 2019 stand unter dem Motto "Der Stern des Pythagoras" und wurde nach dem gemeinsam gesungenen "Pythagoreischen Andachtsjodler" stilgerecht mit dem Abschuss einer stickstoffbetriebenen "Rakete" im Hörsaal beendet – für die, die nicht dabei waren, alles gut dokumentiert und auf Youtube zu finden.

Der diesjährige Weihnachtsmann wird Informatikstudierenden vom Sehen her sicher bekannt sein, Helmut Wanek unterrichtet Programmierung, den Krampus gibt Michael Funk vom Institut für Philosophie, der aktuell ebenfalls als Projektmitarbeiter an der Forschungsgruppe COSY tätig ist.

Für vorweihnachtliche Stimmung ist digital also jedenfalls gesorgt. Nur die Vanillekipferl und andere Kekse, die in "normalen" Jahren Professor Reichl im Hörsaal stellt, müssen heuer selbst organisiert werden. Aber daran soll's nicht scheitern.

Viel Vergnügen und schon jetzt schöne Feiertage allen, die Mittwochabend die Weihnachtsvorlesung der Fakultät für Informatik an der Uni Wien besuchen! (Lisa Nimmervoll, 16.12.2020)

Update: Um 22.25 Uhr hinterlegte Santa Claus drei Videos der Weihnachtsvorlesung 2020 in meiner Mailbox, die ich allen, die nicht dabei sein konnten, aber auch denen, die dabei waren und gern noch einmal reinschauen möchten, hiermit gern verlinkt habe.