Viele Studien leiden darunter, dass sie nur Belege für etwas liefern, was schon längst erwiesen ist oder den meisten Menschen ohnehin klar war. In diesem Fall war es anders: Eine Gruppe von Wissenschaftern rund um den Ökonomen Josef Zweimüller von der Universität Zürich hat Mitte November mit einer Studie für hitzige Debatten gesorgt. In dem Paper zeigen sie, dass der jahrzehntelange Ausbau der Kindergarten- und Kinderkrippenplätze Müttern in puncto Gehalt nicht geholfen hat.

Zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes liegt das Erwerbseinkommen von Frauen in Österreich im Schnitt um 51 Prozent unter dem Wert im Jahr vor der Geburt. Ob die Mütter in Gemeinden leben, in denen Kindergartenplätze stark ausgebaut wurden oder nicht, macht kaum einen Unterschied, so die Studie. Eine Interpretation dieser Ergebnisse lautet: Kindergärten allein helfen Frauen nicht dabei, Beruf und Familie besser unter einen Hut zu bringen. Auch die Lohnschere zwischen Männern und Frauen reduziert sich durch mehr Betreuung nicht.

Paradoxe Entwicklung

Gleich von zwei Seiten kommen nun Einwände gegen diese Schlussfolgerungen. So hat sich das Wirtschaftsforschungsinstitut Eco-Austria, das der Industriellenvereinigung nahesteht, angesehen, wie die Kinder genau betreut werden.

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Dabei zeigt sich, dass die Zahl der Kinder in Kindergärten zwar seit Jahrzehnten steigt. Aber das liegt daran, dass mehr Kinder zusätzlich vormittags betreut werden. Die Zahl der Kleinen, die ganztägig im Kindergarten sind, ist erstaunlich stabil. So wurden 1972 rund 100.000 Kinder ganztags betreut und 30.000 nur vormittags. Im Jahr 2019 betrugen die Zahlen jeweils 112.000 für ganztags und vormittags.

Zu vermuten ist, heißt es in der Analyse von Eco-Austria, dass früher Eltern ihre Kinder in Kindergärten betreuen ließen, wenn Vater und Mutter Vollzeit arbeiten gingen. Dann sind Familien dazugekommen, in denen der zweite Job, meist jener der Frau, Teilzeit stattfand.

Durch den Ausbau der Kindergartenplätze konnten also sehr wohl mehr Frauen als in der Vergangenheit auch nach der Geburt arbeiten. Vielfach sei das aber nur Teilzeit möglich, weil Betreuungsplätze nicht ganztags zur Verfügung stehen. Das führe zu dem statistisch paradoxen Ergebnis, dass sich der Gender-Pay-Gap zusammen mit dem Ausbau der Kinderbetreuung erweitert, wie Eco-Austria-Chefin Monika Köppl-Turyna sagt. Denn wenn Frauen gar nicht arbeiten, ist das bei der Berechnung des Gaps irrelevant. Wenn sie aber wenig arbeiten, fließt das in die Rechnung ein.

Viele Mütter von Kindern im Vorschulalter, die als Grund für ihre Teilzeitbeschäftigung Betreuungspflichten angeben, sagen, dass für ihre Kinder kein entsprechender Platz verfügbar war.
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Ähnlich argumentiert die Arbeiterkammer. Die Studie zu geringen Effekten der Kindergärten nehme keine Rücksicht auf die massiv gestiegene Frauenerwerbsquote in Österreich. Erst durch den Ausbau der Plätze konnten viele Frauen mit geringerer Qualifikation auf den Arbeitsmarkt, die zuvor gar kein Einkommen hatten, sagt Sybille Pirklbauer, Sozialreferentin in der Arbeiterkammer. Zudem habe die Studie nicht berücksichtigt, dass es für Kinder im schulischen Alter weniger Betreuungsangebote gibt als im Vorschulalter. Dies sei aber für die Berechnung der Gehaltseinbußen bis zehn Jahre nach der Geburt ein relevanter Faktor. Defizite gebe es jedoch auch bei Kindergärten: Es gebe nur in Wien genug Vollzeitplätze für Kinder. Ganz wenige Plätze gibt es dagegen im Westen, etwa in Vorarlberg. Das erhöhe die Tendenz zu mehr Teilzeit, so Pirklbauer.

Kann es sein, dass Frauen nur deshalb Teilzeit arbeiten, um mehr Zeit für die Kinder zu haben? Dass es also nicht zu wenige Plätze gibt, sondern zu wenig Interesse? Dass würde mit dem Ergebnis der Ausgangsstudie zusammenpassen. Dort wurde argumentiert, dass die gesellschaftliche Rollenaufteilung zwischen Männern und Frauen noch immer so festgefahren ist, dass Kindergärten allein nicht helfen.

Zu wenig Plätze?

Eco-Austria-Chefin Köppl-Turyna verweist dazu auf eine Befragung der EU-Kommission aus dem Jahr 2014 in Österreich. Demnach sagen 57 Prozent der Mütter von Kindern im Vorschulalter, die als Grund für ihre Teilzeitbeschäftigung Betreuungspflichten angeben, dass für ihre Kinder kein entsprechender Platz verfügbar war. Diese Gruppe würde also lieber Vollzeit arbeiten.

Wie sieht der Urheber der eingangs genannten Studie die Argumente? Ökonom Zweimüller sagt, dass es mehrere Gründe dafür gibt, dass Frauen durch eine Geburt persistierend hohe Gehaltsverluste erleiden. Vollzeit arbeitende Frauen kehren nach einer Geburt öfter nur Teilzeit in den Job zurück. Aber auch die höhere Partizipation von Frauen am Jobmarkt und der daraus folgende statistische Effekt sind ein Faktor. Wie stark sich was auswirkt, lasse sich nicht genau sagen. (András Szigetvari, 21.12.2020)