Lidija S. ist seit knapp einem Jahr alleinerziehende Mutter eines Dreijährigen. (Symbolbild)

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Wohlüberlegt: Dieses Wort beschreibt Lidija S. sehr gut. Bevor die 44-Jährige auf eine Frage antwortet, denkt sie zuerst nach. Sie hat keine Angst vor Gesprächspausen. Wichtiger scheint ihr, eine zufriedenstellende Antwort zu geben. Dabei schweift die Angestellte im Finanzbereich nicht ab. Lidija, die anonym bleiben möchte, wird auch nicht emotional, selbst bei persönlichen Fragen.

Wenn die Wienerin so erzählt, ist der Kontrast groß zwischen ihrer äußeren Gelassenheit und den Themen, die sie beschäftigen. Die vergangenen Monate müssen schwierig gewesen sein. Nach 15 Jahren Partnerschaft haben sich ihr Noch-Ehemann und sie im November 2019 getrennt. Seitdem ist der dreijährige Sohn der beiden größtenteils bei Lidija. Während Corona versucht die Alleinerziehende, ihre Arbeit im Homeoffice mit dem Mutterdasein zu kombinieren. Allgegenwärtig ist dabei ein Gefühl von Isolation.

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"Ich gehe meistens gegen 23 Uhr schlafen, um halb sieben stehe ich mit meinem Sohn auf. Während er frühstückt, schaue ich online schnell nach, ob aus meiner Arbeit etwas Dringendes gekommen ist. Dann bringe ich ihn in den Kindergarten, wenn das trotz Corona möglich ist. Meine Arbeit kann nur dann richtig stattfinden, wenn er in Betreuung ist.

Mein Kindergarten bestärkt mich darin, dass ich ihn vorbeibringe. Die waren eher verwundert, wenn er mal zu Hause geblieben ist. Während des ersten Lockdowns haben sie auch angerufen und gefragt, wie es mir geht als Alleinerziehender.

Acht Wochen mit Kleinkind und Arbeit

Trotzdem: Ich überlege immer, ob ich ihn wirklich hinbringen soll. Einerseits ist der Kindergarten offen, das ist gut. Andererseits mache ich mir Gedanken wegen eines Restrisikos und dass er sich dort anstecken könnte.

Homeoffice mit Kleinkind ist schwierig. Während des ersten Lockdowns war mein Sohn acht Wochen lang nur zu Hause. Da habe ich dann in der Früh versucht, die allerwichtigsten Sachen so nebenbei zu erledigen. Aber da konnte ich nicht wie an einem normalen Tag fünf Stunden arbeiten.

Isoliertes Leben

Das Arbeiten von zu Hause macht mir auch sonst zu schaffen. Die ganze soziale Komponente, der Austausch mit Kollegen: Das fehlt alles gerade wegen Corona. Zwischen den beiden Lockdowns war ich insgesamt viermal im Büro.

Ich bin gerade isoliert. Ich habe das Gefühl, mir fällt die Decke auf den Kopf. Der Lockdown verstärkt das noch. Ich kann jetzt auch nicht ausgehen oder Freunde treffen. Dazu kam anfangs auch noch der Trennungsschmerz. Es war sehr viel.

Nicht wirklich kindlich

Ich versuche, Ansteckungsmöglichkeiten zu vermeiden. Ich treffe keine Freunde, wo ich weiß, die sind in ihrem Beruf exponiert, weil sie etwa im Krankenhaus arbeiten. Wegen Corona nutze ich auch die öffentlichen Verkehrsmittel so weit wie möglich nicht. Ich wohne am Stadtrand. Das schränkt mich also bei vielen Dingen ein. Ich teile mir mein Auto mit meinem Exmann, es ist also nicht immer verfügbar. Gerade wenn es kalt und dunkel ist, fahre ich aber nicht mit dem Fahrrad eine Dreiviertelstunde ins Zentrum.

Ich sorge mich auch um meinen Sohn. Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf ihn? Neulich hat er gefragt, wann seine Großeltern kommen. Als ich geantwortet habe, dass sie nicht kommen können, meinte er: "Wegen Corona?" Er weiß nicht wirklich, worum es geht. Aber Corona prägt meinen dreijährigen Sohn. Wenn er hustet, dann in den Ellbogen. Das ist grundsätzlich super, aber eigentlich nicht wirklich kindlich. Das ganze Weltbild meines Sohnes ist wegen Corona anders.

Das sind alles Dinge, die mich beschäftigen. Meine allergrößte Sorge ist aber, dass mein Exmann oder ich uns anstecken – und uns dann nicht mehr um meinen Sohn kümmern können. Die Großeltern sind Risikopatienten, zu denen kann er nicht. Was passiert, wenn es kritisch wird?

Ich telefoniere seit Corona viel mit Familie und Freunden. Ich fühle mich sehr gut umsorgt. Aber wir sitzen alle im gleichen Boot: Wir können uns nicht persönlich sehen. Diese sozialen Kontakte fehlen mir. Da kann mir aber gerade niemand helfen." (Ana Grujić, 25.12.2020)