Ich sitze maskiert im Zug, neben mir eine ältere Dame, die einem kleinen Jungen, vermutlich ihrem Enkel, etwas durch ihre Maske erklärt, das Wesen des Nichts, des Transports um des Transports willen: "Wann man fahren muss? Man muss ja fahren. Schön fahren die Züge. Angenehm." Auf der Maske der Dame ist eine Katze aus Strass gestickt.

Wenn die unsichtbare Bedrohung so groß ist, wird Leben zu einer permanenten Übersprungshandlung ausgelagert.
Foto: Picturedesk

So war unser vergangenes Jahr, man saß und fuhr, aber wusste nicht, wohin, man erklärte etwas, ohne zu wissen, was. Politiker, Virologen, andere Politiker, weitere Virologen, Leute im Fernsehen, Menschen, die aneinander vorbeireden, stammeln, mit langen Stangen der hilflosen Argumentation im Nebel stochern. Meinungen und Deinungen. Melancholie und Aggression, gefesselt und geknebelt, Ohnmacht und Nervosität, es gibt eine neue Kommunikation, aber es gibt kein Echo mehr, Ratio wurde an der Garderobe abgegeben, aber nie mehr abgeholt.

Theater der Schmerzen

Vermutlich gibt es eine Gebrauchsanweisung für sinnentleerte Sozialgeräusche, eine semantische Grauzone des Sprechens, wenn Menschen nicht mehr kommunizieren können, haben sie immer noch die Geräusche, irgendwas brummt immer und muss wohl immer brummen. Und wenn selbst dieses Brummen verstummt, gibt’s ja noch die Smileys. Erst brummt es, dann grinst es. Ein dümmlicher Gesichtsausdruck erspart längere Wartezeiten. Wenn die unsichtbare Bedrohung so groß ist, wird Leben zu einer permanenten Übersprungshandlung ausgelagert. Dieser Zustand der Angst macht unsere neue, hohle Kommunikation sichtbar.

Das beste inszenierte Synonym für das Nichts ist das starre Fernsehformat Bares für Rares, eine Art Theater der Schmerzen, das nicht nur deswegen so gut und so erfolgreich wie nie zuvor ist, weil es verlässlich nahezu täglich rausgefeuert wird, ein Tanker der Geräusche, die aus sich selbst tönen. Bares für Rares ist inzwischen zum nicht mehr wegzudenkenden Haushaltsgegenstand geworden, auch weil es so unbeweglich altmodisch ist, in neun Minuten wird der Verkäufer vorgestellt, der mitgebrachte Gegenstand geschätzt, die Händler ersteigern ihn, im besten Fall während eines sogenannten Bietergefechts, kurze Momente der müden Spannung, bevor man wieder geistig zum Sitzsack mutieren kann, der Verkäufer zeigt sein Geld und beendet alles mit einem Resümee, das die Redaktion ihm vorschlägt, einem Satz, der nichts sagt und auch nichts sagen soll, ein Geräusch, noch unterhalb eines Seufzers, ein akustisches Schlussornament, etwas sagen, ohne etwas zu sagen.

Horst Lichter, der Kapitän dieses Tankers, der Gastgeber dieses ranzigen Formats, ist ein Meister darin, er kaschiert nicht mal seine Ahnungslosigkeit, er weiß wohltuend nichts, hat keine Meinung, keine Parameter, wie man die Gegenstände bewerten soll oder könnte, er hat keinen Geschmack, er ist eine Legebatterie der Hülsen, sagt etwa jemand, er stelle sich 500 Euro für das Mitgebrachte vor, puffert Lichter den Wunsch bis zu dem, was dann der Experte vorschlägt, häufig mit dem Satz ab: "Ja, warum auch nicht?", und wenn er von einem Rudiment des Smalltalks zum Fachgespräch überleitet, weil die Zeit drängt, kommt in der Regel: "Davon mal ganz abgesehen."

Subversives Eigenleben

Bares für Rares zu schauen ist eine zen-masochistische Prüfung des Stillstands, aber auch eine Technik, wie das Nichts aufgefüllt werden kann, mit etwas als Brücke zu etwas anderem, das in der Regel nichts ist, und dass das inzwischen zu einem Symptom geworden ist, niemand spricht mehr eigentlich, alles ist uneigentlich, muss aber interpretiert werden, oder man lässt es bleiben und nimmt das Leere als das, was es ist, als die Watte, mit der unser Dasein ausgestopft ist, und Horst Lichter ist der Magus der paradoxen Abwesenheit in der Anwesenheit.

In einer alten Folge der Krimiserie Der Kommissar von 1974, in der ein Mann mit einem Gewehr erschossen wird, kommt folgender funkelnder Dialog vor, Tathergang, Opfer und Täter sind vollkommen egal, man schaut an der Handlung vorbei und widmet sich dem Raum dazwischen, den bestellten, herumstehenden Schauspielern, die ihre kleinen repetitiven, dadaistischen Texte aufsagen:

"Moment mal. Was zeichnet der Junge denn da?"

"Er zeichnet ein Gewehr."

"Was zeichnet er?"

"Er hat ein Gewehr gezeichnet."

"Wieso zeichnet der Junge ein Gewehr?"

"Hat ihm jemand gesagt, dass er ein Gewehr zeichnen soll? Hat er das aus freien Stücken gezeichnet?"

"Erna, haben Sie ihm gesagt, dass er ein Gewehr zeichnen soll?"

"Ich bin doch nicht verrückt!"

"Was ist los?"

"Ein Gewehr? Wer hat ihn ein Gewehr zeichnen lassen?"

"Niemand."

"Niemand hat ihm etwas erzählt, aber als wir hinauskamen, war er gerade dabei, das Gewehr zu zeichnen."

"Warum tut er das? Warum ein Gewehr?"

(Junge:) "Mein Gewehr!"

"Welche Schlüsse ziehen Sie daraus, dass mein Junge ein Gewehr zeichnet?"

"Liebling, warum zeichnest du ein Gewehr?"

Und im zauberhaften Kurzfilm What Did Jack Do? von David Lynch, der Anfang letzten Jahres auf Netflix veröffentlicht wurde, verhört ein Kommissar (gespielt von Lynch selbst) ein Kapuzineräffchen, das des Eifersuchtsmordes aus Liebe zu einem Huhn verdächtigt wird. Der Film dauert nur 17 Minuten, lang genug, um nichts zu sagen, aber zu kurz, um etwas zu klären. Der Dialog könnte in seiner skelettierten Direktheit und in der gefilmten, leicht patinierten Schwarz-Weiß-Ästhetik aus einem sogenannten Hardboiled-Krimi stammen, ist aber eher eine lustvolle Essenz des Subtextes, also Opfer, Verdächtiger, Verhörmethoden, Vernehmer sind egal, weil per se schon metasurreal, es geht darum, was zwischen dem Eigentlichen gesagt wird, den Füllseln eine Eigendynamik zu geben, ein subversives Eigenleben.

Zeit des Übergangs

Bei Lynch gibt’s das immer wieder, nicht um Zeit zu schinden oder zu überbrücken, sondern um Schönheit im Stillstand der Konversation zum gleichberechtigten Partner zu machen, man erinnere sich an seine Kurzfilme Rabbits aus dem Jahr 2002, drei Hasen sprechen aneinander vorbei über nichts, die acht Teile spielen ausschließlich in einem Raum, ein Hase bügelt. Die starre Handlung einer Sitcom-Simulation, das unvermittelte Gelächter und der Applaus an "falschen" Stellen sind das schiere, bedrohliche Nichts, nicht das Nichts der Kontemplation, es ist die maskierte Fassungslosigkeit angesichts der Ungeordnetheit rings um uns und was uns in unserer momentanen Rat- und Sprachlosigkeit halbherzig so angeboten wird, die Wirklichkeit ist Kreativität in Plattitüden, Durchatmen, um Zeit zu gewinnen. Nichts ist besser als gar nichts.

Das verwichene Jahr kommt einem in der Rückschau so vor wie eine Zeit des Übergangs, nicht unbedingt von der Unschuld in die der Einsicht, dafür sind Menschen nicht geeignet, so als würde ihnen ein bestimmtes Enzym fehlen, sondern von der Zeit der Fassungslosigkeit ("Was denn noch alles?") in die Zeit der Strafen, und alle geistigen Fluchtwege führen auf die Autobahn der kommunikativen Bescheidenheit, keine faulen Witze, nur noch Kompromisse und auf keinen Fall auffallen, und die Aufschriften der wie dicke Käfer die Autobahnen entlangächzenden Lkws sprechen für sich, zurück zur Null, die onomatopoetische Demut:

Optimum Solutions

Logistic to the Point

Flexible Logistics

Silogistic

The Spirit of Transport

Quality is on the Move

Together We Can Change Your Logistics

Pan European Logistic Service

Intelligent Logistics

Your Logistic Partners

Logistic To The Point

Elek-Trans

General Frigo-Log

Straight To The Top

The Culture of Logistics

Qualitrans Cargo

Trans Logi GmbH

Generation Logistics

Europaverkehrer Guntramsdorf

Verlässlichkeit. Ein Produkt von Brantner Logistic

Trans-All

Qualitrans-Cargo

Qualiroll

Optimum Cargo Sped

Supernova Intertrans

Trans Inter Truck

Transintertop

Interbims

Neben der Autobahn fährt ein Zug, in ihm sitzt eine Oma, die ihrem Enkel erklärt, warum Züge fahren, weil sie eben fahren müssen, das Gleiche machen die Lkws, sie fahren und transportieren, weil sie eben fahren müssen, und verlegen machen sie das schiere Transportieren zu einem bescheidenen Slogan, der nichts sagt und nichts mehr will. Und das sind wir. Das war das Jahr. Ein dicker, ächzender Käfer, der kaum vorankommt. (Tex Rubinowitz, 25.12.2020)