Das brennende Lager Lipa am Mittwochvormittag.

Foto: AP / Hasan Arnautovic

Sie setzten zunächst ein riesiges Zelt in Brand, dann das nächste und dann noch eines. Auch Container wurden von einer Gruppe von Migranten zerstört. Am Mittwoch nach elf Uhr, als die 1.400 Migranten – meist junge Männer aus Pakistan und Afghanistan – aus dem Lager Lipa in der Nähe der nordbosnischen Stadt Bihać gebracht wurden, weil das Camp geschlossen wurde, machte sich eine derartige Verzweiflung breit, dass eine Gruppe von jungen Männern Feuer legte.

Die Migranten wissen einfach nicht, wohin sie nun gehen sollen. Es gibt in ganz Bosnien-Herzegowina kein Lager, keine Halle, keinen Ort, der sie aufnehmen könnte. Die Temperaturen könnten demnächst wieder sinken, und dann drohen die Männer, die nur mehr auf feuchten Wiesen ohne Unterkunft campen können, schwer zu erkranken oder sogar zu erfrieren.

Feuer unter Kontrolle

Peter Van der Auweraert, der Leiter der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Bosnien-Herzegowina, der sich vor Ort in Lipa befindet, erzählt dem STANDARD, dass zunächst um etwa zehn Uhr vormittags 600 Migranten auf friedliche Weise das Lager verlassen hätten. Dann aber sei die Lage eskaliert, und einige Leute hätten begonnen, das Camp zu zerstören. In jedem der großen Zelte lebten in den vergangenen Monaten etwa 400 bis 500 Männer. Darin befanden sich auch die Betten für die Migranten.

"Das Feuer ist nun unter Kontrolle", sagt Van der Auweraert zum STANDARD. Die Löschfahrzeuge seien nach etwa einer halben Stunde eingetroffen. Doch die Zerstörung des Lagers konnte zunächst nicht verhindert werden, weil zu wenige Polizeibeamte vor Ort waren. "Es wurde aber niemand verletzt oder ist zu Schaden gekommen", so Van der Auweraert über die ersten Eindrücke.

Halle nicht geöffnet

Die Katastrophe hatte sich seit Tagen angebahnt. Denn das Lager Lipa musste geschlossen werden, weil es winterfest gemacht werden sollte. Das hatte die Regierung zuletzt beschlossen. Demnach braucht es Umbauarbeiten, um das Camp an die Strom- und Wasserleitungen anzuschließen. Die IOM, die das Lager Lipa führt, fordert deshalb seit Wochen gemeinsam mit der EU-Vertretung vor Ort, dass die Halle Bira in Bihać wieder für Migranten geöffnet werden solle. Dort hätten die 1400 Männer Platz.

Doch die Halle wurde im Sommer geschlossen, weil die Bevölkerung vor Ort, die seit Jahren unter der Migrationskrise an der bosnisch-kroatischen Grenze leidet, keine Migranten mehr mitten in der Stadt haben wollte. Am Dienstag versuchten die Zentralbehörden, die Migranten trotzdem in die Halle Bira zu bringen. Doch einige Bürger und die lokale Polizei, die unter dem Kommando der Kantonsregierung steht, verweigerten ihnen den Einlass. Sie wurden wieder zurück nach Lipa gebracht.

Keine Herberge

Nun gibt es für die Migranten keine Unterkunftsmöglichkeiten mehr. Das Lager Miral bei Velika Kladuša, das einzige noch offene Lager für alleinstehende Männer, ist komplett überfüllt. Dort befinden sich etwa 1.000 Leute, obwohl nur für 700 Migranten Platz ist. Laut Van der Auweraert will eine Gruppe aus Lipa nun versuchen, über die Grenze nach Kroatien zu gelangen. Doch die kroatischen Grenzbeamten dürften längst alarmiert sein und werden versuchen, dies zu verhindern. Eine andere Gruppe will in die Stadt Bihać gehen, wo sie allerdings nicht in die Lagerhalle Bira hineindürfen. Eine weitere Gruppe will nach Sarajevo fahren, allerdings gibt es auch dort überhaupt keinen sicheren Platz für die hunderten Männer.

"Sie wissen nicht mehr, was sie machen sollen", so Van der Auweraert zum STANDARD. "Es gibt keinen Platz mehr, wo sie bleiben können", erklärt der IOM-Vertreter die völlig aussichtslose und gefährliche Lage vor Ort. (Adelheid Wölfl, 23.12.2020)