Sars-CoV-2 unter dem Mikroskop. In Tirol wird auch daran gearbeitet, Naturwirkstoffe zu finden, die bei viralen Infektionen zum Einsatz kommen können.
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Auch in einem Forschungsunternehmen muss nicht immer sofort Geld verdient werden. Manchmal startet man ein Projekt auch nur deshalb, weil langfristig gesehen Gutes daraus entstehen könnte. Das dachte man sich auch am Austrian Drug Screening Institute (ADSI) Mitte des aktuellen Jahres – als die Corona-Pandemie schon seit Monaten ein bestimmendes Thema war – und ein eigenes Testlabor für das Coronavirus zu etablieren. Gemeinsam mit Ärzten und Zellbiologen wurde eine vollständige Screeningplattform, basierend auf einer zertifizierten Realtime-PCR-Analytik zur Identifizierung von Corona-Infektionen, etabliert.

"Der Gedanke war naheliegend, als im Sommer unsere Mitarbeiter aus dem Urlaub zurückgekommen sind und jeder von ihnen einen Test machen musste", sagt Günther Bonn, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Direktor des ADSI, zurückblickend. "Wir dachten uns: Das machen wir gleich selbst." Die entsprechenden Investitionen wurden getätigt. Heute werden alle Mitarbeiter alle paar Tage dank der hausinternen Plattform getestet. Gleichzeitig bietet man die Tests in einem vergleichsweise kleinen Maßstab für andere Institutionen und Unternehmen an. "Unser Ziel ist, maximal etwa 2000 bis 3000 Proben pro Woche zu analysieren. Alle anderen Labors arbeiten viel größere Umfänge ab", sagt Bonn.

Pflanzenwirkstoffe

Das ADSI wurde 2012 als 100-prozentiges Tochterunternehmen der Uni Innsbruck gegründet, um im Bereich der sogenannten Phytoforschung als Bindeglied zwischen universitärer Grundlagenforschung und Industrie zu agieren. Die Phytoforschung widmet sich der systematischen Suche, Gewinnung und Verarbeitung pflanzlicher Wirkstoffe. Resultierende Produkte sind Nahrungsergänzungsmittel, Ingredienzien für Kosmetika und pharmazeutische Wirkstoffe. Gemeinsam mit lokal ansässigen Unternehmen – vor allem mit dem schon lange in Innsbruck tätigen Naturwirkstoffspezialisten Bionorica – und dank eines kontinuierlichen Ausbaus der universitären Forschung arbeiten Bonn und seine Mitstreiter an einem "Phytovalley Tirol", einem westösterreichischen Forschungs- und Industriehub im Bereich der Pflanzenwirkstoffe.

Aus dem Plan, den Molekularbiologiebereich des Forschungsinstituts auszubauen und eine eigene Infrastruktur für genaue und schnelle PCR-Analyse aufzubauen, ergibt sich aber noch eine weitere Perspektive für das ADSI. "Momentan konzentrieren wir uns auf die Tests. Der wissenschaftliche Anspruch geht aber weit darüber hinaus", erläutert Bonn. "Für uns hat sich ein Fenster geöffnet, um uns in der Forschung nun auch auf die antivirale Wirkung von pflanzlichen Stoffen zu fokussieren."

Die Tests seien Routine, sie helfen, den Standort abzusichern. Die darüber hinausgehende Forschung könnte aber weitere Produkte hervorbringen – beispielsweise Nasen- und Rachensprays, die Viren in diesen Regionen abtöten, oder Hilfsstoffe, die Impfungen beigemischt werden, sogenannte Adjuvantien, die ihre Wirkung unterstützen und verbessern, und andere antiviral wirkende Anwendungen.

Corona-Forschungsboost

"Mit einem ersten Kunden, mit dem wir bestimmte Pflanzenextrakte mit antiviraler Wirkung untersuchen, arbeiten wir bereits zusammen", sagt Bonn. Hier läuft bereits auch ein Patentierungsprozess, Details will der ADSI-Leiter deshalb nicht verraten. Die Corona-Krise wurde also auch hier, abseits der schnellen Bereitstellung von Impfstoffen, zum Beschleuniger für die Wirkstoffforschung.

Bei den PCR-Tests möchte man am ADSI angesichts der vergleichsweise kleinen Kontingente, die am Institut möglich sind, vor allem mit Qualität und Schnelligkeit punkten. Das Testlabor ist an die relevanten Behördensysteme zur automatischen Meldung von Corona-Fällen angebunden. Ein HNO-Facharzt nimmt bei Kunden direkt vor Ort Rachenabstriche ab – für die Forscher hier ist das die zielführendste und sicherste Art der Probenentnahme.

Auswertungen erfolgen immer am selben Tag. Anders als in großen Labors wird auch jedes Testergebnis noch einmal manuell kontrolliert, erläutert Laborleiter Ronald Gstir vom ADSI. Für Geschäftsführer Günther Bonn braucht es selbstverständlich beides: große Labors, die mithilfe entsprechender Automatisierungstechnik große Probenmengen abarbeiten können, und Kleinlabors wie hier in Innsbruck, die schnell und mit sinnvollen Begleitservices einspringen können.

Die aktuelle Impfstrategie, die auf groß angelegten Massentests per Antigen-Technik fußt, sieht der ADSI-Leiter allerdings nicht nur positiv. Denn dieser Ansatz würde die Getesteten in falscher Sicherheit wiegen.

"Die große Gefahr der Antigen-Tests ist, dass die Leute danach heimgehen und glauben, sie seien sicher und auf jeden Fall gesund", sagt Bonn. "Bei PCR-Tests hingegen kann man eine Infektion wesentlich früher erkennen. Sie sind der aktuelle GoldStandard in der Erkennung des Virus."

Frühe Erkennung

Der Antigen-Test zielt auf ein Protein des Virus ab, lässt aber keine Aussagen über dessen Konzentration zu. Beim PCR-Test, der die sogenannte Polymerase-Kettenreaktion nutzt, um die RNA des Virus in einer Probe in mehreren Zyklen zu vervielfachen, kann auch quantitativ auf die Viren im Körper rückgeschlossen werden.

Das bewirkt vor allem, dass man eine Infektion viel früher erkennen kann. "Ich sehe schon drei bis fünf Tage vor einem Antigen-Test, ob das Virus vorhanden ist", betont Bonn. "Ganz wichtig dabei ist: Der PCR-Test schlägt also schon an, bevor ein Mensch überhaupt infektiös ist und andere anstecken kann."

Aus Bonns Sicht wäre das aktuelle zweistufige Verfahren – zuerst Antigen-Test, wenn dieser positiv ist, erst der PCR-Test – nicht notwendig. Ihm zufolge wären in Österreich durchaus auch PCR-Massentests möglich. "Wenn man will, geht das. Das ist lediglich eine Frage der Logistik. Wenn ich sehe, wie ausgelastet die Labors sind, wären die Kapazitäten dafür durchaus vorhanden", erzählt der ADSI-Geschäftsführer. "Die Kosten sind zwar höher. Es ist aber nicht die Kostenfrage, die hier zu einer Entscheidung führen sollte." (Alois Pumhösel, 08.1.2021)