Als "subjektivste aller Spielarten" ist das Tagebuch eine Literaturform, die trotz oder wegen ihrer Privatheit für Überraschungen gut ist, wenngleich nicht immer das große Weltbewegende in ihr enthalten sein mag.

"Nichts Neues", schreibt Arthur Schnitzler am 1. Februar 1882, was so viel hieß wie: ab und zu ins Theater gehen, eine Novelle lesen, im Kaffeehaus plaudern, worüber man sich ärgert, oder über Dinge reden, die einem eine Stunde später egal sind.

Dabei war das Tagebuch für Schnitzler eine aufregende Sache, ein "Spucknapf meiner Stimmungen und Verstimmungen", der alles aufnimmt, was die Seele so auswirft, grandiose und banale Gedanken, Überraschendes und Gewöhnliches. Nichts Neues eben oder doch gerade, immerhin so brisant, dass Schnitzler seine Tagebücher im Banksafe aufbewahrte.

Eine Sammlung verschiedenster Tagebucheintragungen müsste unter diesem Gesichtspunkt vieles vereinen, nicht nur was diese Textsorte so neugierig macht, nicht nur den voyeuristischen Blick in diesen Seelenauswurf, es wäre wohl auch die Bestätigung eigener Empfindungen und Gedanken oder doch die Überraschung durch das Neue.

Rainer Wieland hat schon mit ähnlichen Anthologien beeindruckt. Nach den Liebesbriefen berühmter Frauen und Männer (2016) sind es Auszüge aus Tagebüchern von ins gesamt 176 Tagebuchautoren, vom 15. bis ins 21. Jahrhundert, von Christoph Kolumbus (Eintrag im Logbuch am 12. Oktober 1492) bis zu einem Erlebnisbericht aus dem Berliner Nachtleben im Weblog (20. Dezember 2007), oder alphabetisch von Adorno bis Marina Zwetajewa.

"Heute nichts geschrieben und morgen keine Zeit": Ganz anders sind pandemische Lockdown-Tage, die geradezu nach einer Beschäftigung mit dem Ich schreien.
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Intimität und Widerspruch

In Summe ein Hausbuch für das ganze Jahr, in dem man 365 Tage lang jeweils mehrere Tagebucheinträge lesen kann. Ein Kalender-Tagebuch, wenn man so will – nicht anders, wie es früher die so geschätzten Kalendergeschichten für den guten Hausgebrauch waren, die einen durchs Jahr begleiteten.

Was macht Tagebücher aber so spannend und über das Private hinaus dennoch verbindlich? Tagebücher sind zunächst etwas sehr Intimes, eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt – und gleichzeitig lassen sie, nicht selten sogar beabsichtigt, in die Intimität hineinblicken, was aber nicht ihr Anliegen ist, denn die wenigsten Tagebücher werden mit dem Hintergedanken der Ver öffentlichung geschrieben. Bei Schriftstellern ist das freilich anders, da wird meist geradezu darauf geschielt, dass die Privatheit eines Tages auch entsprechend publik würde, eine nachträgliche Redaktion sorgt schließlich dafür, dass das Tagebuch zur Kunstform wird.

Und es gibt auch das Gegenteil, die Tagebuchbefürchtungen bis hin zur Vernichtung, gleichsam ein Autodafé als Selbsturteil. Im Februar 1896 bekundet der 20-jährige Thomas Mann in einem Brief, alle seine Tagebücher zu verbrennen.

"Es wurde mir peinlich und unbequem, eine solche Masse von geheimen – sehr geheimen – Schriften liegen zu haben." Später löschte er noch einmal mehr als ein Jahrzehnt seiner Lebensspuren aus. Den Rest versiegelte er 1952 und sperrte ihn für 20 Jahre nach seinem Tod – mit dem Vermerk "Daily notes … Without literary value".

Auch noch im Alter hielt er fest, was er ansonsten hinter der bürgerlichen Fassade zu verbergen versuchte. Heute kann jeder in der Werkausgabe von Thomas Mann nachlesen, wann er beispielsweise zu masturbieren pflegte. Nicht allen aber ist das eigene Tagebuch etwas Unheimliches. Andy Warhol war es vermutlich egal, Intimität hatte für ihn nicht die vergleichbare Bedeutung. Als er am 6. Dezember 1976 bei einer Ausstellungseröffnung im Metropolitan Museum mit Bianca Jagger zusammentrifft, notiert er später: "Ach ja – beim Essen zog Bianca ihren Slip aus und reichte ihn mir. Ich tat so, als ob ich an ihm schnupperte, und verstaute ihn in meiner Brusttasche. Ich habe ihn noch."

"Ich bin mir ein Rätsel!"

Genau genommen: Notiert hat Warhol nicht, er führte "Tagebuch per Telefon", indem er an jedem Morgen eines Werktags um 9 Uhr seine Mitarbeiterin anrief und ihr die Zusammenfassung des vorangegangenen Tages diktierte. So kamen über die letzten zwölf Jahre seines Lebens 20.000 Schreib maschinenseiten zustande, ein Protokoll des New Yorker Gesellschaftslebens …

Und mittendrin dieses Ich, egal ob es Andy Warhol, Stefan Zweig oder Elsa Morante heißt. "Montag Ich. Dienstag Ich. Mittwoch Ich. Donnerstag Ich." So beginnt das Tagebuch, das Witold Gombrowicz großteils im Exil in Argentinien ab 1939 führte. Und was wäre an solcher Ich-Behauptung schon Besonderes? "Ich bin mir ein Rätsel!", bekundete Alma Mahler-Werfel am 23. April 1901.

Seit der Entdeckung der menschlichen Subjektivität in der Renaissance, so der Her ausgeber Rainer Wieland, gebe es Tagebücher. Sie sind nicht nur der Subjektivität, auch der Spontaneität, ja immer dem Augenblick verpflichtet: jede Eintragung "eine momentane autobiografische Wasserstandsmeldung", die schon am nächsten Tag einen ganz anderen Wert überliefern kann.

Die "Widersprüche" waren es, die Lord Byron davon abhielten, seine Aufzeichnungen irgendwann auch zu lesen: "Wenn ich ehrlich mit mir selbst bin, müsste jede Seite ihre vorausgegangene widerlegen, entkräften und ganz und gar abschwören."

Es ist eben alles relativ im Tagebuch, selbst dort, wo allgemeine, weltgeschichtliche Tagesereignisse mit der Privatheit des Tagebuchschreibers zusammenfallen: da der Alltag des Einzelnen und draußen immer das große Weltgeschehen als Folie eines jeden Tage buches, auch wenn der Blick ins Innere die eigentliche Information ist. An dem Tag, an dem Deutschland Russland den Krieg erklärt, am 2. August 1914, notiert Kafka: "Nachmittag Schwimmschule." Viel unverfänglicher konnte Goethe 1777 schreiben: "Abends Schwimmwams probiert."

Dass Tagebücher auch eine komische Textsorte sein können, zeigt in dieser Sammlung gleich der erste Beitrag zum 1. Jänner, Samuel Pepys, London, 1662: "Schreckte heute früh aus dem Schlaf hoch und stieß dabei meiner Frau den Ellbogen so unglücklich ins Gesicht, dass sie vor Schmerz aufschrie. Danach wieder eingeschlafen." Genau 310 Jahre später hält Karl Ignaz Hennetmair eine ‚Neujahrsaussage‘ von Thomas Bernhard fest: "die Leute sind geschmacklos und widerlich".

Manchmal sind Tagebücher aber voller Banalitäten. "Nach dem Kaffee gebadet", heißt es aufschlussreich bei Thomas Mann am 7. Juni 1953. Mindestens so wichtig wie jener der Sammlung den Titel gebende Tagebucheintrag von Andy Warhol am 4. September 1977: "Stand spät auf, legte mich aber dann wieder hin."

Und natürlich ist es eine übermächtige Selbstschau, die Schreibende wie Grillparzer und Kafka zu bemitleidenswerten Erzählern ihrer selbst macht. Erst recht Thomas Mann, dessen Blick aufs Körperliche die Motivation eines Buchhalters erkennen lässt: "Nachts, nach kurzem Schlaf, gewaltige Ermächtigung und Auslösung" (10. Juli 1950). Er war eben stolz auf die "Vitalität" seiner Jahre, das sollte nur auch die Nachwelt wissen.

Oder eben gar nichts. Franz Kafka, am 1. Juni 1912, geradezu im Widerspruch zur Eintragung: "Nichts geschrieben." Und ebenso sechs Tage später: "Heute nichts geschrieben. Morgen keine Zeit."

Rainer Wieland, "‚Stand spät auf, legte mich aber dann wieder hin‘. Durch das Jahr mit dem Buch der Tagebücher". € 41,20 / 697 Seiten. Piper- Verlag, München 2020

Mittel gegen "stumpfes Nichtstun"

Im Grunde aber will jeder Tagebuchschreiber, dass das Erlebte nicht verlorengeht. Nicht nur Schriftsteller und Philosophen, Künstler jeder Art, Politiker, Repräsentanten des Weltgeschehens, alle haben Tagebuch geführt: Kolumbus, Goethe, Goebbels, Hannah Arendt oder Mozart, Romy Schneider oder Joschka Fischer … Und natürlich Anne Frank, natürlich Victor Klemperer.

Sie schrieben, notierten Zeitgeschichte, schufen unverzichtbare Dokumente. Oder fanden darin Trost. Gottfried Keller bedeu tete das Tagebuch eine Zuflucht in "grauen, hoffnungslosen Tagen" und ein Mittel gegen "stumpfes Nichtstun" – damit nicht alles "in die dämmernde Vergangenheit" verschwindet. Es soll also etwas bleiben. Und es ist manchmal sogar das letzte Wort, die letzte Äußerung im Leben, die das Tagebuch festhält: "we are getting weaker of course and the end cannot be far", lautet der letzte Eintrag im Expeditionstagebuch von Robert F. Scott: 29. März 1912, zugleich sein Todestag. Oder Cesare Pavese, bevor er in einem Hotel zimmer in Turin eine Überdosis Schlaftabletten nahm, am 18. August 1950: "Man braucht Demut, nicht Stolz. Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben." (Gerhard Zeillinger, ALBUM, 01.01.2021)