Umringt von allerlei Technik, ging es John und Yoko 1969 weniger um Sex als vielmehr um Love and Peace.
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86 Milliarden Nervenzellen, 5,8 Millionen kilometerlange Nervenbahnen, 100 Billionen Synapsen im Gehirn, "unser mal kleinerer, mal größerer Zellhaufen namens Körper", so Julia Fischer, ist Wunder wie Enigma.

Fischer, instagrammierende Dr. med., 36, Radiokolumnistin und TV-Moderatorin aus Berlin, schlägt in ihrem Buch Die Medizin der Ge fühle. Gebrochene Herzen, Freudentränen, Gänsehaut! Was wirklich hinter unseren Emotionen steckt einen extramunteren Ton an, der untergriffig fröhlich ist, um nicht zu sagen: von aufgekratzter Naivität.

Da werden Fachbücher "gewälzt" und "Experten" befragt. Ergebnis: Sie ist "tief beeindruckt. Es war, als hätte ich eine Brille gefunden, die mir bis dahin verborgene Nuancen und ganze Zusammenhänge in unserer Welt erst sichtbar machte." Früher hätte man hierfür studiert, sagen wir Humanmedizin. Je weiter man liest, desto enervierender ist dieser Plapper-Duktus. Und doch präsentiert sie Wissenswertes.

Das Dunkel der Emotionen

So führt sie beispielsweise ein in die Unterscheidung von Emotion – die Gesamtheit aller messbaren biologischen Prozesse im Körper – und Gefühl, das subjektiv ist, persönlich bis intim, oft mit Worten kaum vermittelbar, manchmal nur via Gesten oder Handlungen.

Fischer geht auf Liebe und deren hormonelle Wirkung wie Basis ein, auf die Verarbeitung von Trauer und Schmerz, auf Weinen und Angst- beziehungsweise Schock zustände, auf Überbelastung, vulgo: Stress, auf schwankende Endzustände, Wut, Hysterie oder Hunger.

Wie andere extrapopuläre Bücher über medizinische oder neurowissenschaftliche Themen geht auch Fischer von einem semi-debilen Publikum aus, das seit mindestens einer Generation nicht mehr in einer Ordination, zu schweigen von einem Fachspital gewesen ist.

Eine ihrer faszinierendsten Entdeckungen? Die funktionelle Magnetresonanztherapie, kurz für MRT. Sie staunt, die Leserschaft ebenso. Dass sie im Ausklang ihrer Einleitung das Dunkel der Emotionen erkenntnistechnisch mit einer Taschenlampe ausleuchten will, ist so sinnig wie aufschlussreich.

Kate Devlin, "Turned on. Intimität und Künstliche Intelligenz". € 25,70 / 246 Seiten. wbg Theiss, 2020

Die Bedeutung des Riechens

"Ohne Nase könnten Sie dieses Buch nicht lesen." Bitte? Doch, doch. Genau so beginnt "Alles Geruchssache" von Bettina M. Pause, die an der Universität Düsseldorf Biologische und Sozialpsychologie und Chemosensorik lehrt und sich selbst "Geruchsforscherin" nennt.

Mit Shirley Seul fand sich eine Co-Autorin, die in der Vergangenheit bereits des Öfteren Einsichten von Verhaltens- und Tierbiologinnen erfolgreich sanft trivialisierte, hier zum Glück nicht ganz arg.

Was ist der Mensch? Ein Nasentier, das an die eine Billion Gerüche, wenn auch nicht ganz säuberlich, unterscheiden kann. Und das nicht nicht riechen kann. Gerochen wird immer. Und ständig. Wie funktioniert eigentlich Riechen? Und wie kommt es, dass man manche Menschen nicht nur metaphorisch, sondern buchstäblich nicht riechen kann? Was haben Tiere dem Homo sapiens beim Riechen voraus? Und wieso hat der Mensch – eine so simple Frage, dass man sich an die Nase fasst – zwei Nasenlöcher?

Der Geruchssinn erlaubt, die chemische Zusammensetzung unserer Umgebung wahrzunehmen. Die Riechinformation ist im limbischen System verankert, dem ältesten Teil des Gehirns. Geruchssinn ist somit Lebensqualität, Anosmie, die Störung der Geruchsnerven durch Unfall oder Operation, eine massive Einschränkung auch und zuvörderst des – Geschmackssinnes.

Wie verarbeitet das Gehirn die via Nase gewitterten Informationen? Wieso werden manche Düfte als angenehm, beschwingend, bezaubernd wahrgenommen, Stichwort Parfüm? Auf welche Weise lösen von einem Menschen abge gebene Duftstoffe physiologische, sprich: erotisierende Reaktionen aus? Und wieso gelten andere sofort als garstig bis widerlich? Deutlichstes Signal für Stress? Überstarke Körperausdünstung. Und wer vermutet schon, dass Depression den Geruchssinn entscheidend eintrübt? All das beantwortet Pause, gestützt auf zahlreiche Studien, auf ihrer Promenade durch die Evolutionshistorie des Riechens und der Nase als soziales Kommunikationsmedium.

Julia Fischer, "Die Medizin der Gefühle. Gebrochene Herzen, Freudentränen, Gänsehaut! Was wirklich hinter unseren Emotionen steckt". € 17,50 / 336 Seiten. Knaur, München 2020

Die Zukunft der Intimität

Eine Triebstufe tiefer setzt Kate Devlin an. "Die Zukunft der Intimität ist keine düstere Vision totaler Vereinzelung, sondern ein Netzwerk miteinander verbundener Menschen, die nichts anderes wollen, als was Menschen immer schon gewollt haben: zusammen sein."

Derart positiv endet "Turned on", in dem es um Sex, Intimität und Technologie geht, um Computer und Psychologie, Geschichte, Moral und Liebe, Zukunft, Einsamkeit, Gesellschaft, Recht und Ethik, Privatsphäre und Gemeinschaft.

Die Computerwissenschafterin und Assistenzprofessorin am King’s College in London schreibt anregend wie erhellend über soziale und kulturelle künstliche Intelligenz. In Gestalt von Sexrobotern. Devlin definiert diese als Version von Sexspielzeugen in körperlich-mechanischer Gestalt, der Linie der Sexpuppen entstammend und eben noch immer Objekte, auch wenn sie Ähnlichkeit mit Menschen aufweisen.

Der Jahresgewinn der Sextechnologiebranche (exklusive Internetpornografie) in den nächsten Jahren wird grob auf ungefähr 25 Milliarden Euro geschätzt. Das Angebotssortiment reicht von "Hardware", zum Beispiel Sextoys, bis zu Software, Apps oder Virtual-Reality-Technologien.

Devlin schreibt auch über Pflegeroboter, die in Betreuungseinrichtungen eingesetzt werden. Dabei federführend ist Japan, das sich in den nächsten Jahren mit einer massiven Überalterung konfrontiert sieht und absehbar zu wenige menschliche Pflegekräfte rekrutiert. Roboterbegleiter werden zu therapeutischen Zwecken eingesetzt.

"Sozialrobotik" heißt dieses Forschungsgebiet. Roboter sind also fähig, sozial mit Menschen zu interagieren. Paro etwa, das berühmte Roboterhaustier, einer Robbe nachgebildet und ausgestattet mit allen Niedlichkeitsattributen: flauschigem Fell zum Streicheln, großen Augen, bei Berührung schließt es wohlig die Augen, wackelt mit seinem Körper und fiept. Es kann sogar Namen lernen und sich Gesichter merken.

Bettina Pause, "Alles Geruchssache. Wie unsere Nase steuert, was wir wollen und wen wir lieben". € 20,60 / 272 Seiten. Piper, München 2020

Der Sex mit Puppen

Die erzeugte "Nähe" – der nächste Schritt ist Sex – entspringt einem humanen Grundprinzip. Devlin: "Wir verhalten uns zu dem, was uns umgibt, nach dem Vorbild unserer sozialen Beziehungen untereinander. Für uns ergibt es Sinn, mit reaktiven, ansprechbaren Dingen so umzugehen, als seien sie imstande, uns zu verstehen, auch wenn wir wissen, dass sie das nicht tun."

Devlin geht auf Neuroplastizität ein, neuronale Netzwerke und Deep Learning, auf maschinelle Sprachverarbeitung und Sentimentanalyse, die Deutung affektiver Zustände und aufgeladener Wörter. Virtuelle Assistenten wie Siri und Co sind zwar noch nicht zu stimmiger Sentimentanalyse imstande – infolge der Tendenz zu Ironie und Sarkasmus –, allerdings: Amazon, Google, Facebook und Microsoft inves tieren viel Geld und Zeit, diese Interaktionstechnologie voranzutreiben.

Sie räumt mit Vorurteilen auf. Sexpuppenkäufer sind keineswegs soziale Außenseiter. Tatsächlich offerieren diese digitalen Communitys Zusammenhalt und Gemeinschaft auch im realen Leben.

Devlin kontaktierte einschlägige subkulturelle Internetforen und besuchte Firmen in Kalifornien und Europa, die Tech-Modelle herstellen. Deren Sexroboter haben eines gemeinsam – sie sind weiblich gegendert, entsprechen ganz bestimmten Normen, sind weiß, schlank, hypersexualisiert.

"Die Puppen", räsoniert Devlin, "sind in gewissem Maße Stellvertreter. Sie stehen entweder stellvertretend für etwas – den Wunsch nach einer pygmalionhaften Verwandlung in eine reale Frau – oder sie werden für das, was sie sind, verehrt und fetischisiert.

So oder so, die Beziehung wird nicht als zwischenmenschliche Beziehung verstanden. Und sie ersetzt auch keine. Sie lässt sich eher als etwas dazu Paralleles auffassen." (Alexander Kluy, 01.01.2021)