Noch größer, noch spektakulärer? Und egal wo und für wen? Sollte es nicht auch anders gehen? Ein Blick auf das Kulturzentrum von Zaha Hadid in Aserbaidschans Hauptstadt Baku.

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Architekten sollten im Umgang mit Regimen Vorbilder sein, sagt Architekturkritiker Peter Reischer im Gastkommentar.

Lassen wir zuerst einmal die Frage nach der moralischen/ethischen Berechtigung eines Architekten, für diktatorische Regime zu deren Imageaufbesserung Prunkbauten zu errichten, beiseite. Man muss ja nicht gleich den Nationalsozialismus herbeireden. Ich will auch nicht große Geister wie Friedrich Nietzsche oder Martin Heidegger mit ihren – damals im Kontext der Zeit und der damaligen Demokratie stehenden – Zitaten über Architektur als Beweis oder Nichtbeweis für eine derartige Berechtigung zurate ziehen.

Geld und Publicity

Im Jahr 2012 habe ich im Zug eines Artikels über die Architekturbiennale Venedig die Frage gestellt: "Warum machen die berühmten Architekten in Zeiten wie diesen nichts, außer an das Eigene zu denken?" Anscheinend hat sich die Grundlage dieser Frage in den letzten acht Jahren nicht geändert, denn wenn man die Architektur entwürfe von Wolf D. Prix (Coop Himmelb(l)au) für den russischen Machthaber Wladimir Putin auf der (annektierten) Halbinsel Krim anschaut – ist sie heute wie damals berechtigt: Geld und Publicity rechtfertigen offenbar alles.

Die Frage nach der Rechtfertigung für solche Bauten stellt sich aber auf einer ganz anderen Ebene – wobei die moralische aber keineswegs auszublenden ist: Ist es in unserer Zeit, bei diesen globalen, sozialen und ökologischen Problemen und Krisen noch die Aufgabe der Architekten, derartige Monsterprojekte zu errichten? Die im Wochenrhythmus auf den Markt geworfenen Bauten in Russland, China, Aserbaidschan, in den Emiraten schauen alle – mehr oder weniger – gleich aus: parametrisch, dekonstruktiv, amorph, schief und gekrümmt, jeglichen Gesetzen der Statik, Ökonomie, Nachhaltigkeit und Vernunft trotzend.

Austauschbare Produkte

Aber nein, Prix, Zaha Hadid (beziehungsweise ihre Nachfolgeindustrie), Frank Gehry, Jean Nouvel und ähnliche Stars inszenieren sich weiterhin als die großen Zampanos, die provokant Raum besetzen, ihn vernichten und mit seit Jahrzehnten gleich anmutenden, durchaus miteinander austauschbaren (im Computer generierten) Produkten für Aufregung sorgen. Sie sind allesamt Meister der Potemkin'schen Dörfer, indem sie den Menschen etwas vorgaukeln, (falsche) Bilder, jedoch keine Realitäten vermitteln und Diskussionen entfachen, die völlig an dringlichen Themen vorbeigehen, ablenken von den eigentlichen Problemen der Zivilisation und auch der Architektur. Welchen Beitrag zur Rettung unserer Umwelt leisten ein bis dato leerstehendes Museum Mocape in Schenzhen, das geplante Science and Technology Museum Xingtai oder die Luxus- und Protzbauten in Aserbaidschan?

Denken die werten Stararchitekten vielleicht auch einmal daran, dass wir, die Menschen der westlichen Zivilisation, mit unserem Luxus, Lebensstandard, der ungezügelten Bau- und Konsumwut an der Klimakrise mit Schuld sind? Auch die momentane Pandemie ist zum Teil menschengemacht, denn der ständige Verlust an Naturräumen (wir sind Europameister im Zubetonieren), die schwindende Artenvielfalt (25 Prozent weniger Insekten in den letzten Jahren) und das Wohlstandsmodell unserer Gesellschaft haben einen kausalen, wissenschaftlich fundierten Zusammenhang mit der Corona-Pandemie.

Denken die werten Stararchitekten vielleicht auch einmal daran, dass die Aufgabe der Architektur und ihrer Aushängeschilder vielleicht die wäre, Beispiele für bescheidene, zurückhaltende, suffizientere Architekturen zu entwerfen. Ein derartiges Vorbild wäre viel wert und könnte einiges verändern. Was wäre, wenn sie einmal in Ländern der sogenannten Dritten Welt, in Afrika vielleicht ein soziales Projekt ohne jede Gewinnaussicht realisierten? Eine Architektur, die der dortigen Bevölkerung zu 100 Prozent zugutekäme? Die Bildung und Zukunft für die Menschen vermitteln könnte? Ohne dass europäische oder westliche Firmen und Büros ihren Gewinn daraus ziehen? Das widerspricht allerdings dem, scheinbar noch immer der Architektur anhaftenden, Kolonialisierungsdrang des Westens.

Schlechte Bonmots

Zum oben genannten Projekt von Architekt Prix auf der Krim gibt es aufgrund möglicher Verletzungen der EU-Sanktionen einiges an aufgeregten Diskussionen in den Medien. Die Aussagen des Architekten Andreas Rumpfhuber – er durfte im ORF die Projekte von Prix für Putin rechtfertigen – und das Erwähnen einer Zerstörungspraxis an Denkmälern bei dominanten Regimen sind schlechte Bonmots, sonst gar nichts. Ebenso ist das von ihm verwendete Argument, dass Architektur keine "reine Kunst" (aufgrund des planerischen und finanziellen Aufwands) sei, fehl am Platz. Es dient bestenfalls auch der Verwischung der Tatsache, dass die Architekten unserer Zeit (mit wenigen Ausnahmen) das Menetekel, die Notwendigkeit einer Reduktion, die Anstrengungen zur Bewältigung unserer (ökologischen) Krisen aus ihren Projekten und Gedanken auslagern, diese Fragen an die Wissenschaft, Forschung, Technik und Politik delegieren und sich lieber der Imagepflege und dem Geldverdienen widmen. Statt Vorbilder zu sein!

Wenn Prix nun meint, sich mit Wortklaubereien – Kultur stünde nicht in den EU-Sanktionen – aus der sehr berechtigten Frage nach der moralischen, ethischen und politischen Vertretbarkeit dieses Baus befreien zu können, ist das vielleicht ein Zeichen seiner Überheblichkeit, die in ihrem Ausmaß einem Putin, Donald Trump oder Recep Tayyip Erdoğan in nichts nachsteht. Es könnte aber auch sein, dass er mit dieser Provokation eine Diskussion über die Entwicklungen in der Architekturszene anregen will – dann aber: "Hut ab" vor ihm. (Peter Reischer, 3.1.2021)