Wilhelm Furtwängler: Es würde notwendig, "mit der herrschenden Partei irgendwie praktisch (zu) paktieren".

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Musik und Politik waren seit jeher aufs Engste miteinander verzahnt. Allerdings konnte in der westlichen Welt – von der Antike bis zur Französischen Revolution – gar kein Zweifel an der Unterordnung Ersterer unter Letztere bestehen.

Das sollte sich – in Form des Anwachsens des auch bürgerlichen Selbstvertrauens – erst gegen 1800 zu ändern beginnen, als Karl Lichnowsky (Edler Herr von Woschütz) vom berühmtesten deutschen Komponisten seiner Zeit der Überlieferung nach Unfreundliches entgegengeschmettert bekam: "Fürst, was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt, was ich bin, bin ich durch mich; Fürsten hat es und wird es noch Tausende geben; Beethoven gibt’s nur einen."

Der, der dies ausrief, kannte seine Abhängigkeit von adeligen Gönnern nur zu genau, ohne doch seinen legendären Stolz und den Anspruch künstlerischer Autonomie deshalb preisgeben zu wollen.

In den totalitären Diktaturen des 20. Jahrhunderts wurde derselbe Ludwig van Beethoven zwar abgöttisch verehrt. Seine zeitgenössischen Kollegen fanden sich jedoch als Spielbälle der jeweiligen Regime wieder. Der Komponist Dmitri Schostakowitsch wurde etwa aufgerieben zwischen seiner Rolle als Repräsentant des sowjetischen Regimes und durchaus bedrohlichen Anfeindungen.

Sich fügen müssen

Im nationalsozialistischen Deutschland sahen sich diejenigen, die nicht vertrieben oder ermordet worden waren, vor die Wahl gestellt: sich den offiziellen politischen und ästhetischen Normen fügen und/oder – soweit noch überhaupt möglich – ihnen widerstehen.

Der damals prominenteste Tondichter deutscher Zunge, Richard Strauss, übte sich – wider besseres Wissen – in Opportunismus. Er hielt – nach den Vorstellungen der Machthaber – als Präsident der Reichsmusikkammer ideologisch einwandfreie Reden. Er eckte leider erst dann richtig an, als er auch noch in Zeiten des totalen Krieges auf seinen Privilegien beharrte und etwa die Einquartierung Ausgebombter auf seinem Anwesen verhindern wollte.

Zum Zeitpunkt der Machtergreifung der Nazis (1933) war Wilhelm Furtwängler wiederum der einflussreichste Dirigent in Deutschland, der sich sowohl in Wien als auch in Berlin und bei den Bayreuther Festspielen unentbehrlich gemacht hatte. Hitler und Goebbels muss bewusst gewesen sein, dass sie auf ihn schlecht verzichten konnten. Andererseits wusste Furtwängler schon 1934, "dass jeder Deutsche, der eine Stellung innehat, vor der Frage (steht), ob er dieselbe behalten (...) will oder nicht", und dass es notwendig sein würde, "mit der herrschenden Partei irgendwie praktisch (zu) paktieren". Gerade sein Eintreten für den Komponisten Paul Hindemith und die vorübergehende Bestrafung Furtwänglers durch die Nazis zeigen, wer am längeren Hebel saß.

Ärztliche Atteste

Furtwänglers Sendung. Essays zum Ethos des deutschen Kapellmeisters, eine neue, lesenswerte Aufsatzsammlung, rollt diesen unauflöslichen Widerspruch von verschiedenen Seiten auf. Dabei erweist sich der Dirigent zwar als "ein kunstreligiöser Nationalist bis hin zum nationalen Chauvinismus" (Gerhard Splitt). Andererseits verschaffte er sich ärztliche Atteste, um nicht bei Hitlers Geburtstag auftreten zu müssen. Oder er weigerte sich, bei Goebbels’ Propagandafilm Philharmoniker (1944) mitzuwirken. Dann allerdings vermied er einmal Auftritte in besetzten Ländern, um sie dann doch zu absolvieren. Auch ließ er sich für "Werkkonzerte" für Fabriksarbeiter vor den Karren spannen. Für ihn schien es schlüssig, da er doch nur für "sein" Volk Kunst machen sollte.

Der zweimal entnazifizierte Künstler – in Wien und in Berlin – verteidigte sich: "Ich konnte Deutschland in seiner tiefsten Not nicht verlassen. Ich bereue nicht, für das deutsche Volk dies getan zu haben." Auch andere Wortmeldungen zeugen von der Unbelehrbarkeit eines unbestritten großen Künstlers. Leider. (Daniel Ender, 6.1.2021)