Das Maul eines Megalodons war größer als so manche Tür und steckte voller Zähne, die bis zu 18 Zentimeter lang wurden.
Foto: REUTERS/Alexander Demianchuk

Früh übt sich, was ein Monster werden will: Der ausgestorbene Riesenhai Megalodon, Star kryptozoologischer Dokumentationen und schundiger Spielfilme, war zu seinen Lebzeiten der unangefochtene Spitzenräuber in den Meeren. Und auf diese Rolle hat er sich neuen Erkenntnissen zufolge schon im Mutterleib vorbereitet – indem er seine Geschwister auffraß.

Otodus megalodon, so seine offizielle Bezeichnung, wird zumeist als übergroßer Weißer Hai dargestellt, doch da ist viel Spekulation dabei. Beide gehören zwar zur selben Haiordnung – aber das tun beispielsweise auch die Fuchshaie mit ihren abenteuerlich langen Schwanzflossen. Der Körperbau von Megalodon lässt sich kaum rekonstruieren, da sich das Skelett von Knorpelfischen in der Regel vollständig zersetzt.

Was Zähne und Wirbel verraten

So sind von Megalodon zwar unzählige Zähne erhalten geblieben, die wie XL-Ausgaben heutiger Haizähne aussehen, doch nur wenige Wirbel. Diese Fossilien reichen aber immerhin aus, seine Größe einzuschätzen. Mit gut 15 Metern Länge war Megalodon nicht nur der größte Hai, den es jemals gegeben hat, sondern auch einer der größten Meeresräuber der ganzen Erdgeschichte. Zu seinen Lebzeiten, vor 23 bis vielleicht erst 2,6 Millionen Jahren, konnten nur vereinzelte Walarten mit ihm mithalten.

Die jährlichen Wachstumsschichten zeichnen sich auf den Wirbeln als Bänder ab. Rechts unten sieht man ein Megalodon-Baby im Größenvergleich zu einem erwachsenen Menschen; dieser fiel im weiteren Verlauf immer stärker zu unseren Ungunsten aus (siehe rechts oben).
Illustration: DePaul University/Kenshu Shimada

Einige 15 Zentimeter große Rückenwirbel, die im Brüsseler Museum für Naturwissenschaften aufbewahrt werden, haben US-amerikanische Forscher nun computertomografisch untersucht, um mehr über den Lebensweg eines Megalodons herauszufinden. Im fossilierten Gewebe konnten sie 46 Wachstumsschichten ausmachen. Das müsste der Zahl der Jahre entsprechen, die der zum Zeitpunkt seines Todes neun Meter lange Hai gelebt hatte. Und daraus ließ sich wiederum folgern, dass das Tier bei seiner Geburt bereits zwei Meter lang war. Der größte Hai aller Zeiten brachte also auch die größten Babys zur Welt. Es waren vollausgebildete Jäger, die von Anfang an einen relativ sicheren Platz in der Nahrungskette einnahmen.

Kannibalismus und Kinderstuben

Trainiert dürften sie dafür bereits im Mutterleib haben, wie das Team um Kenshu Shimada von der Chicagoer DePaul University im Fachjournal "Historical Biology" berichtet. Von einer Reihe heutiger Haiarten ist bekannt, dass bei ihnen intrauteriner Kannibalismus verbreitet ist. Soll heißen, dass ein Embryo die übrigen Eier in der Gebärmutter auffrisst (Oophagie) oder sogar andere Embryos erbeutet (Adelphophagie). Diese grimmige Überlebensstrategie bereitet nicht nur den Stärksten auf sein zukünftiges Leben als Räuber vor. Sie garantiert auch, dass er bei der Geburt größer und damit weniger angreifbar ist.

Als ergänzende Absicherungsmaßnahme wurden Megalodon-Junge offenbar nur in bestimmten Meeresregionen geboren. In jüngerer Vergangenheit hat man einige Fossilienlagerstätten ausgemacht, in denen sich auffallend viele Zähne von jungen und halbwüchsigen Megalodons fanden – etwa nahe dem heutigen Panama. Paläontologen schließen daraus, dass die Haie ihre ersten Jahre oder Jahrzehnte dort verbrachten, wo das Meer flach war und damit von großen Meeresräubern gemieden wurde. Bei ausreichender Größe stießen sie dann selbst in die Tiefsee vor. Laut Shimadas Ergebnissen wuchs ein Megalodon auf bemerkenswert gleichmäßige Weise um jährlich 16 Zentimeter und konnte ein Alter von 100 Jahren erreichen.

Warme, flache Küstengewässer: In solchen Regionen scheint Megalodon seine frühen Jahre verbracht zu haben.
Illustration: Hugo SALAIS / METAZOA STUDIO / AFP

Eine massive globale Abkühlung in den vergangenen drei Millionen Jahren könnte diese (betreuungslosen) Kinderstuben unwirtlich gemacht und damit zum Aussterben des Riesenhais beigetragen haben. Das ist aber nur eine von vielen Hypothesen zum bis heute ungeklärten Verschwinden Megalodons. Die fantastischste legten Forscher der Universität Kansas 2018 vor: Die Teilchenschauer einer Supernova könnten der irdischen Fauna erhöhte Krebs- und Mutationsraten beschert haben – und riesige Tiere müssten davon rein mathematisch betrachtet ungleich stärker betroffen gewesen sein als kleine.

Wale und Haie

Eine entscheidende Rolle dürfte aber auch das wechselvolle Verhältnis der Haie zu den Walen gespielt haben. Die Ahnen Megalodons, die Otodontiden, mussten sich noch vor Basilosaurus in Acht nehmen, einem 18 Meter langen Ur-Wal, der bevorzugt Haie fraß. Als dieser vor etwa 34 Millionen Jahren ausstarb, war für die Otodontiden der Weg frei, um immer größer zu werden und schließlich den Spieß umzudrehen: Wale wurden zu Megalodons wichtigster Beute. Ein Einbruch der Walbestände oder deren Abwanderung in kältere Regionen werden daher ebenfalls als mögliche Ursachen für das Aussterben Megalodons diskutiert.

Zu guter Letzt könnte sich aber auch einfach das Kräfteverhältnis erneut verschoben haben. Mit den frühen Orcas breitete sich im Eiszeitalter eine neue Art von Konkurrent aus: kleiner als Megalodon, aber hochintelligent und zu kooperativer Jagd fähig. Ob die Orcas den Riesenhai aktiv vom Thron gestoßen haben, bleibt offen – seinen Platz nehmen sie heute jedenfalls ein. (jdo, 12. 1. 2021)