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Wien – Das neue Börsenjahr hat mit sehr festen Kursen begonnen. Selbst der Sturm auf das Kapitol am Mittwoch hat an der Wall Street für keine Verwerfungen gesorgt. Der Dow Jones ging an diesem historischen Tag um 300 Punkte fester aus dem Handel. Es scheint, als ob politische Ereignisse an den Börsen derzeit verpuffen. "Die Börsen kehren nach den Ereignissen zu den fundamentalen Daten zurück", erklärt Monika Rosen-Philipp, Chefanalystin im Private Banking der Unicredit Bank Austria.

Die großen politischen Risiken sind derzeit aus dem Markt. Der Brexit ist ohne harten Bruch geglückt, die US-Präsidentenwahl geschlagen. Nun wird es wieder Zeit, auf die Unternehmen zu blicken. Am 15. Jänner startet in den USA die Berichtsaison. Erwartet wird, dass die Ergebnisse des vierten Quartals 2020 einen Rückgang um elf Prozent zeigen. Das wäre eine Verschlechterung im Vergleich zum dritten Quartal, das einen Rückgang von sieben Prozent gezeigt hat.

Besserung der Lage

Dennoch reagiert an den Finanzmärkten das Prinzip Hoffnung. "Alles ist derzeit auf eine Verbesserung der Lage programmiert", sagt Rosen-Philipp. Die Zulassung der ersten Corona-Impfstoffe nährt die Hoffnung, dass die Pandemie heuer besiegt bzw. zumindest massiv eingedämmt werden kann. Damit könnte die Weltwirtschaft wieder in Fahrt kommen und der Schritt in eine neue Normalität gelingen. Damit könnte es auch gelingen, dass sich jene Branchen, die von Covid-19 massiv betroffen waren – etwa Tourismus und Unterhaltung – erholen. Zudem hat "die Einigung auf ein US-Konjunkturpaket die Märkte fürs Erste beruhigt", sagt Rosen-Philipp. Auch die Notenbanken halten an ihrer ultralockeren Geldpolitik fest. All das sorgt für eine positive Stimmung an den Börsen.

Viele internationale Investmenthäuser sehen das laufende Börsenjahr damit sehr positiv. Eine alte Börsenregel besagt zudem, dass die Kursentwicklung der ersten fünf Handelstage die Richtung für das Gesamtjahr vorgibt.

Stunde der Wahrheit

Bei all der Euphorie darf aber nicht übersehen werden, dass das heurige Jahr wohl zeigen wird, wie gut die Unternehmen wirklich durch die Corona-Krise gekommen sind. Wenn Hilfsprogramme auslaufen und gestundete Kredite wieder anlaufen, kommt die Stunde der Wahrheit. Eine Insolvenzwelle wird erwartet. Rollt diese an, wird sich auch zeigen, wie gut Banken die Ausfälle verkraften. Die Risikovorsorgen wurden zur Sicherheit schon erhöht. Und es bleibt abzuwarten, wie gut Joe Biden als US-Präsident seine Pläne umsetzen kann. (Bettina Pfluger, 8.1.2021)