Julius Raab trat gegen seinen früheren Vizekanzler Adolf Schärf an – und verlor.

Karl SCHÖNDORFER / picturedesk.

Adolf Schärf wurde 1963 wiedergewählt und blieb noch zwei Jahre Bundespräsident

United States Information Servic

Forderte 1971 Franz Jonas heraus, scheiterte damals – und wurde mit seinem zweiten Antreten 15 Jahre später auch nicht glücklich: Kurt Waldheim

Foto: Cremer

Franz Jonas errang zwei Wahlsiege für die SPÖ: 1965 gegen Alfons Gorbach, 1971 gegen Kurt Waldheim. Wie all seine Vorgänger starb Jonas im Amt.

Foto: Archiv

Botschafter Wilfried Gredler schaffte 1980 einen Achtungserfolg gegen Kirchschläger: Bis dahin hatte die FPÖ noch nie 15 Prozent mobilisieren können

Foto: Parlament

Hatte bei seiner Wiederwahl auch einen rechtsextremen Gegenkandidaten: Rudolf Kirschschläger

Foto: Barbara Pflaum / Imagno / picturedesk.com

Die evangelische Pfarrerin und spätere SPÖ-Politikerin Gertraud Knoll war die erfolgreichste Gegenkandidatin bei Thomas Klestils zweitem Antreten.

GINDL Barbara / APA / picturedes

Thomas Klestil gewann auch beim zweiten Antreten souverän

Barbara Gindl / APA / picturedes

Trat 2010 für die FPÖ gegen Heinz Fischer an – und sieben Jahre später aus der Partei aus: Barbara Rosenkranz

Foto: Heidi Seywald

Heinz Fischer wurde beim zweiten Antreten von 79,33 Prozent der Wähler bestätigt, allerdings mit historisch niedriger Wahlbeteiligung

Foto: Cremer

Wien – Kurz vor dem Jahreswechsel hat der Tiroler SPÖ-Chef Georg Dornauer eine Debatte angestoßen, die nicht nur seine Partei betrifft: Soll 2022 ein eigener Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten aufgestellt werden? Und, wenn ja: Soll das auch dann passieren, wenn der amtierende Bundespräsident nochmals antritt?

In der SPÖ war man froh, dass das Thema rasch mit dem Hinweis auf den Respekt vor dem Amtsinhaber (der sich noch nicht zu einer Wiederkandidatur geäußert hat) und auf die lange Zeit bis zum regulären Wahltermin im Spätherbst 2022 abgedreht werden konnte.

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass eine Kandidatur gegen einen amtierenden Bundespräsidenten noch nie erfolgreich war – aber viel über die Zusammenhänge der jeweiligen Zeit sichtbar gemacht hat.

Ex-Kanzler unterlag dem Ex-Vize

Der erste derartige Fall trat 1963 ein: Da ließ sich der schwerkranke Ex-Kanzler Julius Raab von seiner ÖVP überreden, gegen den Bundespräsidenten Adolf Schärf (der vor dem Wechsel in die Hofburg SPÖ-Chef und Vizekanzler unter Raab gewesen war) anzutreten. Schärf setzte sich mit 55,4 Prozent durch und blieb bis zu seinem Tod 1965 im Amt.

Sein Nachfolger Franz Jonas kam ebenfalls aus der SPÖ, er stellte sich 1971 der Wiederwahl – in einer Ausnahmesituation: Im April jenes Jahres war die Minderheitsregierung Kreisky I gerade ein Jahr im Amt – sowohl für die SPÖ als auch für die ÖVP ging es um ein Kräftemessen für die bald erwartete Neuwahl des Nationalrats. Die ÖVP schickte ihren früheren Außenminister Kurt Waldheim ins Rennen.

Testwahl für Kreisky

Dessen später, im Wahlkampf 1986, als problematisch empfundene Kriegsvergangenheit spielte damals keine Rolle, schließlich war ein Drittel der damaligen SPÖ-Regierungsmitglieder (im Unterschied zu Waldheim) bei der NSDAP gewesen.

Die Kandidatur Waldheims 1971 wurde als Auseinandersetzung der von Hermann Withalm geführten ÖVP mit Bruno Kreiskys SPÖ empfunden: "Ganz bewusst wurde seitens der SPÖ das Schicksal der Minderheitsregierung Kreisky mit der Wiederwahl von Bundespräsident Franz Jonas verbunden und damit die Bundespräsidentschaftswahl in eine Testwahl über die Regierung Kreisky umfunktioniert. Verknüpfte man in der Regierungspropaganda die Wiederwahl von Franz Jonas mit dem weiteren politischen Schicksal Kreiskys, so musste selbstverständlich auch die Wahl des Gegenkandidaten mit dem Schicksal des Oppositionsführers verbunden werden. Damit entstand als Gegenbild zu dem Tandem Jonas/Kreisky jenes von Waldheim/Withalm."

Jonas siegte mit 52,8 Prozent, Waldheim wurde UN-Generalsekretär, und Kreisky ging in Neuwahlen – mit genau 50 Prozent erhielt er die absolute Mehrheit und konnte auch abwenden, nach dem Tod von Jonas 1974 von seiner Partei in die Hofburg abgeschoben zu werden. Dort landete Kreiskys parteiloser Kandidat Rudolf Kirchschläger.

Nach Kreiskys größtem Wahlsieg 1979 und der entsprechenden Niederlage der ÖVP wurde Alois Mock am 7. Juli 1979 Parteiobmann der ÖVP ,und noch in der Nacht des ÖVP-Parteitags wurde festgelegt, dass die ÖVP keinen Gegenkandidaten bei einer Wiederkandidatur von Kirchschläger aufstellen würde. Zu sehr fürchtete Mock die demoralisierende Wirkung einer neuerlichen Niederlage eines ÖVP-Kandidaten gegen den populären Kirchschläger.

Rechtsextremer Kandidat Burger

Das führte 1980 zu innerparteilicher Kritik der Parteijugend und nach der Wahl zum Vorwurf, dass die ÖVP kein Angebot gegen die Kandidatur des Rechtsextremisten Norbert Burger gemacht hätte. Kirchschläger gewann mit 79,9 Prozent, 7,3 Prozent wählten (offenbar aus Protest) ungültig, NDP-Chef Burger blieb mit 140.741 Stimmen (3,2 Prozent) unbedeutend.

Aber erstmals hatte die FPÖ mit ihrem Kandidaten, dem angesehenen Botschafter Willfried Gredler, einen Achtungserfolg: Eine Dreiviertelmillion Wahlberechtigte (16,9 Prozent) haben ein breites Wählerpotenzial für die damalige Sechsprozentpartei aufgezeigt.

Platz für Richard Lugner

Es dauerte dann 18 Jahre, bis wieder ein amtierender Bundespräsident für die Wiederwahl kandidierte: Inzwischen hatte die ÖVP zweimal ihre Kandidaten (Waldheim 1986, Thomas Klestil 1992) ins Amt gebracht – und Klestil war 1998 so populär, dass weder die SPÖ noch die FPÖ Kandidaten aufstellten.

Das ließ Platz für Richard Lugner (der Baumeister erhielt knapp zehn Prozent), Heide Schmidt (die Gründerin des Liberalen Forums erhielt 11,1 Prozent) und die evangelische Pfarrerin Gertraud Knoll.

Knoll bekam respektable 13,6 Prozent und wurde später SPÖ-Politikerin, Klestil blieb mit 63,4 Prozent Bundespräsident.

Fischer setzte sich durch

Auf Klestil folgte der Sozialdemokrat Heinz Fischer – und vor dessen Wiederwahl 2010 war es die ÖVP, die auf eine Gegenkandidatur verzichtete. Den Protest gegen Fischer könne man ja durch Weißwählen ausdrücken. Die Zahl ungültiger Stimmen blieb mit 226.986 bzw. 7,26 Prozent unter der des Jahres 1980. Die Wahlbeteiligung sank aber auf 53,6 Prozent. Fischer erhielt 79,9 Prozent der Stimmen, die freiheitliche Herausforderin Barbara Rosenkranz erreichte 15,2 Prozent. (Conrad Seidl, 11.1.2021)