In Bayern gilt bereits ab Montag FFP2-Masken-Pflicht in Öffis und im Einzelhandel.

Foto: imago images/MiS

Wegen der Mutation im Freien Masken tragen? Nur wenn der Abstand von Mensch zu Mensch zu gering ist, meint eine Expertin. Anders als hier auf dem Bild aus dem französischen Marseille rät sie in diesem Fall aber zu FFP2-Masken.

Foto: AFP/Nicolas Tucat

Noch wird fieberhaft untersucht, wie stark verbreitet die ansteckende britische Virusvariante in Österreich bereits ist. Die Forderungen, den Mund-Nasen-Schutz mit FFP2-Masken zu ersetzen, nehmen aber zu.

Frage: Was wissen wir über die Verbreitung der britischen Mutation und anderer Mutationen in Österreich?

Antwort: Relativ wenig. Bekannt sind mittlerweile 70 Verdachtsfälle in Clustern in Tirol, im Burgenland und in einem Seniorenheim in Wien, wo 42 Personen infiziert sind, wie Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am Mittwoch erklärte. Aber selbst da ist in allen Fällen noch nicht 100-prozentig gesichert, dass es sich um die neue britische Variante B.1.1.7 handelt. Laut Andreas Bergthaler vom CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der ÖAW, der die österreichweite Initiative zur Sars-CoV-2-Sequenzierung koordiniert, fehlt noch Evidenz, ob es sich nur um diese begrenzten Cluster handelt oder ob die Varianten – etwa in Salzburg – schon weiter verbreitet sind. Abwasserproben, die bereits im Dezember auf die neuen Varianten untersucht wurden, brachten keine Hinweise darauf. Konkret nachgewiesen wurden bisher vier Fälle der britischen Mutation bei Proben, die im Dezember am Flughafen Wien-Schwechat genommen wurden. Laut Anschober wurden in dieser Woche 1.800 Sequenzierungen vorbereitet, um Viren auf Mutationen zu überprüfen.

Frage: Was ist denn nun die Gefahr, die von den Virusvarianten ausgeht?

Antwort: Die höhere Infektiosität. Modellrechnungen haben ergeben, dass bei der neuen britischen Variante – vereinfacht ausgedrückt – zehn infizierte Personen im Schnitt nicht nur zehn andere anstecken (wie aktuell in Österreich), sondern 15. Auch wenn die Virusvarianten vermutlich nicht mehr schwerere Covid-19-Erkrankungen oder eine höhere Mortalität verursachen, so würden diese schnellere Übertragung des Krankheitserregers und die damit einhergehende deutlich erhöhte Anzahl Infizierter einen enormen Druck auf die Gesundheitssysteme ausüben und letztlich zu mehr Toten führen.

Frage: Geht mit der B.1.1.7-Mutation ein höheres Risiko für den Einzelnen einher, sich zu infizieren?

Antwort: Ja, sagt die Hygienikerin Miranda Suchomel. Zwar sei noch nicht klar, was genau die höhere Infektiosität des mutierten Virus bedinge, möglich sei aber, dass es eine geringere Virenlast als beim Coronavirus-Wildtyp brauche, um sich anzustecken. Da es sich bei dem Erreger aber nach wie vor um ein Coronavirus handle, dessen Hülle etwa mittels Seife zum Platzen gebracht werden könne – und da sich auch an der Art der Übertragung nichts geändert habe –, bleibe es bei schon bisher geltenden Hygieneempfehlungen: Hände waschen, Abstand halten, Maske tragen.

Frage: Sollte man die Sicherheitsregeln in Supermärkten oder U-Bahnen verschärfen? Wie soll man sich bei Treffen in Gebäuden verhalten – und wie draußen, unter freiem Himmel?

Antwort: An der frischen Luft reiche nach wie vor das Abstandhalten, sagt Suchomel. Masken brauche es dort weiterhin nur, wenn es zu eng werde, etwa in einer Menschenschlange vor einem Geschäft oder einem Skilift. Im öffentlichen Verkehr und in Supermärkten empfiehlt die Hygienikerin das Tragen von FFP2-Masken. Ganz besonders sei das bei längerem Aufenthalt mit haushaltsfremden Menschen in geschlossenen Räumen angesagt, auch in Büros oder Fabriken. FFP2-Masken können Viren und andere Erreger zu bis zu 95 Prozent zurückhalten, man müsse sie aber richtig tragen.

Frage: Wie trägt man eine FFP2-Maske richtig?

Antwort: Der biegsame Steg müsse an die Nasenform angepasst werden, die Maske eng am Gesicht anliegen, erklärt Suchomel. Sei das Gewebe feucht, müsse man die Maske abnehmen, trocknen lassen und durch eine neue ersetzen. Obwohl FFP2-Masken Einwegprodukte sind, hält die Hygienikerin eine Mehrfachverwendung im Alltag für vertretbar. Um allen Menschen in Österreich besseren Schutz zu ermöglichen, solle die öffentliche Hand FFP2-Masken in großen Mengen kostenlos zur Verfügung stellen, "so wie die Impfung auch", sagt Suchomel. Auch laut Gerry Foitik, Bundesrettungskommandant des Roten Kreuzes, sollen FFP2-Masken alle anderen Formen von Mund-Nasen-Schutz ersetzen. Anschober bezeichnete eine mögliche partielle Pflicht zur FFP2-Maske als "Denkvariante".

Frage: Wie weiß man, ob es sich beim Virus um die neue britische oder um eine andere Variante wie die aus Südafrika oder Japan handelt?

Antwort: Die sicherste Methode ist die Sequenzierung der vollständigen Virusgenome. Jedes besteht aus etwa 30.000 molekularen Buchstaben. Das ist relativ aufwendig und dauert in etwa eine Woche, wie Bergthaler erklärt. Eine zweite, schnellere, aber unsichere Variante sind PCR-Tests, bei denen man speziell die Mutation N501Y detektiert, die sowohl die britische wie auch die südafrikanische Variante B.1.351 aufweisen. Aber diese Tests geben keine sicheren und genauen Aufschlüsse – etwa darüber, ob es sich nun um die britische oder die südafrikanische Mutation handelt.

Frage: Wie viele Virengenome wurden und werden in Österreich sequenziert?

Antwort: Im Jahr 2020 waren das in etwa 1.300 Vollsequenzierungen, wobei man dazusagen muss, dass das zunächst eine Eigeninitiative der Grundlagenforscher um Andreas Bergthaler war und auch vom CeMM selbst finanziert wurde. In Zukunft sollen wegen der Bedeutung der Virusvarianten deutlich mehr Virengenome analysiert werden, dafür wurde auch Geld vom Bund versprochen. Laut Bergthaler ist geplant, wöchentlich 200 Virengenome vollständig zu analysieren; die Infrastruktur sei dafür vorhanden. Im internationalen Vergleich liege man damit im guten Mittelfeld, etwa noch vor Deutschland.

Frage: Was wissen wir über die Ausbreitung der Virusvarianten in anderen Ländern?

Antwort: Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde die englische Mutation bereits in 50 Ländern nachgewiesen. Die in Südafrika nachgewiesene Variante gebe es derzeit in 20 Ländern. In den meisten Ländern wird jedoch wenig nach den neuen Varianten gesucht und wenig sequenziert. Offensichtlich ist, dass die Mutationen aufgrund der höheren Infektiosität in Großbritannien, Irland und Südafrika, wesentlich zum starken Anstieg bei den Neuinfektionen beigetragen haben. In Irland kam hinzu, dass man die Maßnahmen über Weihnachten lockerte, was wohl der Hauptgrund für die Explosion der Infektionszahlen war. Ebenfalls hohe Zahlen werden aus der Slowakei gemeldet, wo der Anteil der neuen Virusvariante etwa 15 Prozent beträgt. Weniger dramatisch scheint die Lage in Dänemark, wo viel sequenziert wird. Dort dürfte sich B.1.1.7 langsamer ausbreiten, als man befürchtete, so Bergthaler. (Klaus Taschwer, Irene Brickner, David Krutzler, 13.1.2020)