2020 war ein in jeder Beziehung ungewöhnliches Jahr, auch auf dem Phantastik-Buchmarkt. Veröffentlichungen wurden massenweise nach hinten verschoben, die Verlagsangebote haben sich spürbar ausgedünnt. Das hat aber dazu gezwungen, sich auch abseits der üblichen Suchkriterien umzusehen und so ein paar Entdeckungen zu machen, die das Radar sonst vielleicht nicht erfasst hätte. Zum Beispiel das als Roman verkleidete Sachbuch von Niklas Maak, das keine Science Fiction sein will, obwohl es genau das ist, wofür der Begriff einst geprägt wurde. Die erbarmungslose Kannibalismusparabel von Agustina Bazterrica. Oder die Bücher von John Marrs, unter deren Soap-Opera-Oberfläche ein scharfer (und fieser) Verstand lauert. Im Folgenden 24 herzliche Nachlese-Empfehlungen – zwei Bücher pro Monat wäre doch ein schaffbarer Neujahrsvorsatz!

Foto: Blessing

Susanna Clarke: "Piranesi"

Dies ist zwar kein Ranking, aber "Piranesi" dennoch die Nummer 1. Die Menschlichkeit, mit der Susanna Clarke ihren naiven Titelhelden zeichnet, ist es letztlich, die den Roman zu etwas Besonderem macht. Dessen Schauplatz – eine endlose Abfolge von Palastsälen voller Statuen – ist einzigartig. Und wie Piranesi in diesem seltsamen Miniatur-Universum, in das er verbannt wurde, zu sich selber findet, ist einfach nur wunderschön.

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Foto: Henry Holt & Company

Alexander Weinstein: "Universal Love"

Krampfhaft überlegt, und nein: Es gibt einfach keine Möglichkeit, in einem Kurztext zu vermitteln, warum man diesen Storyband unbedingt lesen sollte. "Wie neue Technologien menschliche Beziehungen verändern" klingt zum Gähnen? Tja, selber lesen! Alexander Weinsteins Erzählungen sind das Beste, was man an SF-Kurzgeschichten bekommen kann, wenn nicht gerade mal wieder Ted Chiang etwas Neues veröffentlicht (und das tut er ja selten genug).

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Foto: Fischer Tor

Simon Stålenhag: "Tales from the Loop"

Viele SF-Fans dürften die TV-Serie "Tales from the Loop" mittlerweile gestreamt haben. Dies ist der Band, auf dem sie beruht, und unbewegt wirken die fantastischen Bilder Simon Stålenhags sogar noch stärker. Tauchen wir in eine Kindheit ab, die zwischen den Relikten einer Technologie, die es nie gab, stattfindet. Und freuen wir uns, dass noch heuer mit "Things from the Flood" ein weiterer Titel Stålenhags auf Deutsch erscheinen wird.

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Foto: Suhrkamp

Agustina Bazterrica: "Wie die Schweine"

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass das härteste Buch des Jahres aus Argentinien kommt, einer Hochburg des Fleischkonsums. In ihrer dystopischen Parabel zeichnet Agustina Bazterrica ein System vollkommener Entmenschlichung: Da das Fleisch von Nutztieren nicht mehr genießbar ist, werden Menschen zum Verzehr gezüchtet. Und Bazterrica lässt aber auch wirklich keinen Aspekt dieses Systems aus.

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Foto: Heyne

Zack Jordan: "The Last Human"

Space Opera ist in diesem Best-of nur spärlich vertreten – war nicht geplant, hat sich einfach nur so ergeben. Dafür fährt Zack Jordan in seinem Debütroman alles auf, was man sich von diesem Genre erhoffen kann: Tausende verschiedene Alien-Spezies! Millionen von Raumschiffen! Schwarmintelligenzen von immer höherer Ordnung, bis zum Rang von Göttern! Ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit! Und mittendrin die letzte Vertreterin der Menschheit, die vom Rest des Universums für ein Monster gehalten wird. Overload!

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Foto: Heyne

John Marrs: "The Passengers"

Schon im Roman "The One" hatte John Marrs gezeigt, dass er aus einem seifenopernartigen Ensemble und einem nebbichen Stück Technologie (einer Dating-App!) etwas zaubern kann, das von einem spannenden SF-Thriller nicht zu unterscheiden ist. Noch besser ist ihm dies in "The Passengers" geglückt. Hier bringt ein Hacker eine Reihe selbstfahrender Autos auf Kollisionskurs und lässt dabei das ganze Land zuschauen. Dass fast jeder der unfreiwilligen Passagiere Dreck am Stecken hat, kommt auch noch dazu. Ein durch und durch perfider Spaß!

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Foto: Goldmann

Blake Crouch: "Gestohlene Erinnerung"

Dieser Roman war eine ebenso positive Überraschung wie der von John Marrs. Zunächst schien es sich nur um den durchschnittlichen Wissenschaftsthriller von nebenan zu handeln, Thema: manipulierte Erinnerungen. Doch dann tut Blake Crouch das Unerwartete und treibt die Implikationen der von ihm erdachten Technologie so konsequent weiter, dass wir uns plötzlich inmitten buchstäblich welterschütternder Geschehnisse wiederfinden. Hier eskaliert die Handlung, dass einem der Mund offensteht – nicht einmal Marrs' Smart-Cars haben derart von 0 auf 100 beschleunigt.

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Foto: Goldmann

Max Brooks: "Devolution"

Ein Grüppchen Hipster versucht in einer abgelegenen Öko-Siedlung zur richtigen Balance von Natur und Technik zu finden. Dummerweise treibt ein Vulkanausbruch aber die regionale Bigfoot-Population auf sie zu – und die Biester sind HUNGRIG! Und wenn wir schon bei den Früchten des Waldes sind: Die Rundschau war 2020 wieder ein recht findiges Trüffelschwein. Dieser böse Spaß des Autors von "World War Z" war nur eines aus einer ganzen Reihe Bücher, die schon anhand der Originalausgabe besprochen wurden, ehe sie auch auf Deutsch erschienen.

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Foto: Liebeskind

Ben Smith: "Dahinter das offene Meer"

Da es sich hier um ein subjektives Jahres-Best-of handelt, spielt schwarzer Humor eine große Rolle. Zwischendurch muss aber auch Raum für Ernsthaftigkeit und Stille sein, und diese Vorgabe erfüllt "Dahinter das offene Meer" in ganz wunderbarer Weise. Im Zentrum des Romans stehen zwei Männer, die in einem verfallenden Offshore-Windpark leben und arbeiten – ein Mikrokosmos, der den Niedergang der ganzen Zivilisation widerspiegelt.

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Foto: Piper

Andrew Hunter Murray: "The Last Day"

Endzeitstimmung auch hier: Die Erde hat aufgehört sich zu drehen, Tag- und Nachtseite sind nicht mehr lebensfreundlich. Großbritannien hatte das Glück, in der gemäßigten Zwielichtzone dazwischen zu landen, und wird zur Festung gegen Flüchtlingsströme ausgebaut. "The Last Day" zeigt unverkennbare Verwandtschaft zu John Lanchesters "Die Mauer" und ist das jüngste Beispiel eines neuen dystopischen Subgenres, der Brexit-Literatur.

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Foto: SFwriter.com

Robert J. Sawyer: "The Oppenheimer Alternative"

Viel an Science Fiction, die aktuell aus den USA kommt und dort mit Preisen überschüttet wird, erweist sich bei näherer Betrachtung als ernüchternd halbgar. Aber zum Glück scheint SF-Autor ein Beruf mit hoher Lebenserwartung zu sein. Und so sind immer noch genug alte Hasen und Häsinnen aktiv, deren Schaffen man vor lauter Modeerscheinungen nicht aus den Augen verlieren sollte. Wie Robert J. Sawyer, der hier eine fiktive Biographie des "Vaters der Atombombe" vorlegt – und sie um den Aspekt bereichert, wie Oppenheimer versuchen muss, die Menschheit vor einer Sonneneruption zu retten.

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Foto: Knaur

N. K. Jemisin: "Steinerner Himmel (Die große Stille)"

N. K. Jemisin ist eine Ausnahme von der angesprochenen Regel zur aktuellen Autorengeneration: modisch eindeutig – aber medioker ganz entschieden nicht. 2020 sind der zweite und der dritte Band ihrer Science-Fantasy-Trilogie "Die große Stille" auf Deutsch erschienen, "Steinerner Himmel" bildet den Abschluss. Es ist die bild- und sprachgewaltige Saga einer Welt, die auseinanderzubrechen droht – durchaus wortwörtlich. Doch lassen nicht nur entfesselte geologische Kräfte den Boden aufklaffen, Bruchlinien zeigen sich auch zwischen Gesellschaftsschichten, Ideologien und sogar Familienmitgliedern.

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Foto: Memoranda

Michael Marrak: "Das Haus Lazarus"

Ein mechanoides Biotop der Fülle in einem Jahr des Mangels! Die beiden sprachdonnerwetterndsten SF-Autoren aus Deutschland haben 2020 neue Erzählbände auf den Markt gebracht, Michael Marrak und Frank Hebben. Und von Marrak kam nicht nur das zum Roman verschlungene Novellentrio "Anima ex Machina", sondern vor allem dieser Band mit acht Erzählungen von visionärer Kraft und höchst unterschiedlichem Charakter.

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Foto: Begedia

Frank Hebben: "Elektroteufel"

Inhaltliche Vielfalt herrscht auch im jüngsten Storyband Frank Hebbens, dessen Geschichten eine Palette vom Cyberpunk über eine Space Opera mit übernatürlichem Einschlag bis zum Spiel mit der Viele-Welten-Theorie abdecken. Von einer linearen Erzählweise weicht Hebben dabei immer stärker ab; sie wird geradezu verblasen von dem Sturm an Eindrücken, den er über seine orientierungslosen Protagonisten und uns Leser hereinbrechen lässt.

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Foto: Solaris

Adrian Tchaikovsky: "Firewalkers"

In seinem jüngsten großen Roman "Die Erben der Zeit" hat sich Adrian Tchaikovsky einen Tick zu sehr verkrampft, um dessen famos erfolgreichen Vorgängerband noch zu übertreffen. Doch der Brite veröffentlicht auch am laufenden Meter kürzere Werke, in denen er völlig freigespielt ist. Wie diese Erzählung, in der die Superreichen die sterbende Erde verlassen wollen und allen Ernstes glauben, das gemeine Fußvolk müsste ihnen dabei auch noch behilflich sein.

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Foto: Carl Hanser Verlag

Niklas Maak: "Technophoria"

Gemäß William Gibsons berühmten Spruch "Die Zukunft ist schon da, sie ist nur ungleich verteilt" lässt Niklas Maak in diesem Hybrid aus Roman und essayistischem Sachbuch eine Parade von Smart-Technologien, die heute schon existieren, an uns vorüberziehen. Und der Protagonist, dessen Liebe zur Technik von ihr nur bedingt erwidert wird, versucht in dieser Parade mitzumarschieren – stolpert dabei aber von einer komischen Situation in die nächste.

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Foto: DAW

David Gerrold: "Hella"

Size matters! David Gerrold, der als Schöpfer der Tribbles in die Ruhmeshalle der Science Fiction eingegangen ist, weiß das nur zu gut und beschert uns hier ein wunderbar klassisches Planetenabenteuer auf einer Welt, auf der alles mehrere Nummern größer ist als von zuhause gewohnt: ob Tiere, Pflanzen oder Wetterumschwünge. Der Preis für das am besten ausgestaltete außerirdische Ökosystem des Jahres geht eindeutig an "Hella".

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Foto: KiWi

Tom Hillenbrand: "Qube"

Noch schwerer als einen guten Roman zu schreiben ist es, diesem eine gleichwertige Fortsetzung folgen zu lassen. Aber Tom Hillenbrand hat's geschafft. Mit "Qube" holt er uns in die beeindruckend ausgestaltete Welt von "Hologrammatica" zurück, wo sich die kriminellen Umtriebe von Menschen und Künstlichen Intelligenzen zu einem überaus spannenden Puzzle zusammensetzen. Und dieser Band dürfte noch nicht das Ende vom Lied gewesen sein.

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Foto: William Morrow

Sean Adams: "The Heap"

Aus dem höchsten Gebäude der Welt ist nach seinem Einsturz das größte Recyclingprojekt der Welt geworden. Und während die Romanprotagonisten aus höchst unterschiedlichen Motiven in den Trümmern wühlen, geben uns Flashbacks Einblicke in die kuriose Subkultur, die die Mieter des Mega-Wolkenkratzers entwickelt hatten. Sean Adams ist das geglückt, was man sich als Leser nur wünschen kann: ein Roman wie kein anderer.

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Foto: Solaris

Adrian J. Walker: "The Human Son"

Mutter und Sohn, Mensch und Übermensch, beide aus der Retorte: Dieses Duo steht im Mittelpunkt einer Geschichte um die Wiederentdeckung der Menschlichkeit. Eine Gruppe hochintelligenter Kunstwesen hat das vollbracht, wofür sie einst geschaffen wurden: die kaputte Erde repariert. Nun steht nur noch der letzte Teil des Plans an, nämlich den ausgestorbenen Menschen nachzuzüchten und auszuwildern. Aber wollen sie das überhaupt noch?

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Foto: Harper Collins

Nate Crowley: "Notes from Small Planets"

Ein Vergnügen ganz im Geiste Terry Pratchetts: Nate Crowleys fiktiver Reiseführer lädt uns auf eine Reihe neuentdeckter Planeten ein, von denen jeder einem beliebten Subgenre der Phantastik entspricht. Bevölkert sind sie von Barbaren, Zauberern, Piraten, Superhelden und Zombies – vor allem aber von jeder Menge erzählerischer Klischees, die hier auf genüsslichste Weise durch den Kakao gezogen werden.

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Foto: Blanvalet

Robert Jackson Bennett: "Schlüssel der Magie"

Die Meisterdiebin ist als Fantasymotiv so abgenutzt wie der Hoodie, den sie zur Arbeit trägt. Aber vertrauen wir dem Autor von "Die göttlichen Städte", dass er auch daraus etwas machen kann, das wir bisher noch nicht gelesen haben. Im Auftakt seiner neuen Trilogie stellt uns Robert Jackson Bennett ein auf Datenverarbeitung basierendes Magiesystem vor, das klassische Fantasy in verblüffende Nähe zu Cyberpunk rückt.

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Foto: Golkonda

Ted Chiang: "Die große Stille"

Wie eingangs erwähnt: Von Ted Chiang erscheint nur selten Neues. Aber 2020 war es zumindest auf Deutsch wieder einmal so weit, hurra! In der zweibändigen Gesamtausgabe von Chiangs Kurzgeschichtenwerk ist "Die große Stille" der Band mit den neueren Erzählungen – inklusive dem großartigen "Angst ist der Taumel der Freiheit", einer der klügsten Geschichten zum Thema Parallelwelten ever.

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Foto: Polarise

Uwe Post: "e-tot"

Und am Ende von allem, da kann natürlich nur der Tod stehen. Auch wenn der hier nur der Anfang ist. Denn wie die Protagonisten von "e-tot" nach ihrem Erwachen im Virtual-Reality-Jenseits feststellen müssen, werden sie hier noch schamloser ausgebeutet als zu Lebzeiten. Mit galligem Humor und gewohnter Wortspielverliebtheit schildert Uwe Post ein System, das Karl Marx im Grab rotieren ließe wie einen Bohrkopf.

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Für ein Jahr mit drastisch verringertem Verlagsoutput gab's 2020 letztlich dann doch erstaunlich viele gute Bücher. Etwa halb so viele wie die hier angeführten sind knapp an der Aufnahme ins Best-of vorbeigeschrammt, weil man einfach irgendwo eine Höchstgrenze einziehen muss. Und dazu kommen natürlich noch all die sicher vollkommen anders aussehenden Bestenlisten der Leser. Hier ist der richtige Ort, sie zu posten und damit die Rundschau zu ergänzen oder auch zu widerlegen – ehe es nächsten Monat schon wieder mit brandneuen Titeln weitergeht! (Josefson, 23.1.2021)