Frauen leisten in der Corona-Krise noch mehr unbezahlte Arbeit, was viele auch ihre Lohnarbeit kostete. Frauen könnte das womöglich auch nach der Krise zu Hause halten.

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Gerade Frauen sind von der durch die Pandemie ausgelösten Wirtschaftskrise überproportional schwer betroffen. Weltweit pumpen nationale Regierungen und Staatenzusammenschlüsse wie die Europäische Union Milliarden in den Wiederaufbau der Wirtschaft. Dabei sollte sich jedoch die Frage stellen, ob die Hilfsmittel auch den Frauen zugutekommen. Die Pläne der Europäischen Kommission für das Wiederaufbauprogramm "Next Generation EU" aber lassen die Frauen außen vor, warnt eine von der grünen EU-Abgeordneten Alexandra Geese initiierte Studie. Anita Bhatia, stellvertretende Direktorin von UN Women, befürchtet gar, dass die Frauen durch Corona weltweit in das Rollenklischee der 1950er-Jahre zurückgedrängt werden.

Schwieriger Weg zurück in die Arbeitswelt

"Jene Wirtschaftsbereiche mit einem sehr hohen Anteil an weiblichen Beschäftigten, etwa der Tourismus, der Dienstleistungssektor, das Gastgewerbe und der Einzelhandel, wurden besonders stark von der Krise getroffen", stellt Bhatia fest. In der Organisation UN Women steht sie an der Spitze der weltweit einzigen multilateralen Einrichtung für Gleichstellungspolitik. Sehr viele Frauen wurden jetzt auch arbeitslos, so Bhatia, weil sie sich um die Kinder und um pflegebedürftige Familienmitglieder kümmern müssen: "Schon vor der Pandemie trugen Frauen beinahe dreimal so viel zur unbezahlten Sorge- und Pflegearbeit bei wie Männer. Jetzt jedoch hat sich dieser Wert verdoppelt, in einigen Fällen ist er sogar exponentiell gestiegen."

Anita Bhatia verweist auf Datenmaterial der US-Behörde für Arbeitsstatistik: "Im September 2020 sind 865.000 Frauen aus dem Arbeitsmarkt ausgefallen, im Vergleich zu 200.000 Männern. Dieser enorme Unterschied erklärt sich durch die unbezahlte Sorge- und Pflegearbeit. Für diese Frauen wird es sehr bald schwer sein, wieder zurück in das Berufsleben zu finden. Denn als Arbeitslose ist es viel schwieriger, einen neuen Job zu finden, als wenn man sich aus einem Beschäftigungsverhältnis heraus bewirbt."

750 Milliarden schweres Hilfspaket

Bhatia meint, dass jetzt heiß erkämpfte Rechte in Zukunft wieder verlorengehen werden: "Es steht jetzt zu befürchten, dass wir in eine Situation wie jene in den Fünfzigerjahren zurückkatapultiert werden. Die Frauen bleiben zu Hause und passen auf die Kinder auf. Sie waschen die Wäsche, putzen und kümmern sich um die Hausaufgaben der Kinder, während der Mann arbeiten geht."

In Europa soll das Wiederaufbauprogramm "Next Generation EU" der von der Pandemie gebeutelten Wirtschaft wieder auf die Sprünge helfen. Das 750 Milliarden schwere Hilfspaket ist in vielerlei Hinsicht revolutionär. Noch nie gab es so viel Geld für das gemeinsame Wirtschaften innerhalb Europas, und vor allem ist es jetzt auch das erste Mal, dass die Mitgliedsstaaten gemeinsam Schulden aufnehmen. Das Hauptaugenmerk liegt im Programm "Next Generation EU" auf den Themen Digitalisierung und Green Economy. Von Frauen aber ist darin nicht die Rede. Im Auftrag der grünen Europaparlamentarierin Alexandra Geese analysierten die Wirtschaftswissenschafterinnen Azzurra Rinaldi aus Italien und Elisabeth Klatzer aus Österreich die Pläne der Europäischen Kommission für den Einsatz der Mittel in Hinblick auf Gleichstellungsmaßnahmen. Die Resultate sind ernüchternd.

Die Kosten der Benachteiligung

"Man hat die Frauen vollkommen vergessen," stellt Azzurra Rinaldi, Professorin an der römischen Universität La Sapienza, fest. "So eine Krise wie diese hat es noch nie gegeben. Die Branchen, die am meisten von dieser Krise getroffen wurden, sind jene mit einem hohen Beschäftigungsanteil von Frauen. Auf diese neue Situation reagiert die Europäische Kommission in ihrem Programm 'Next Generation EU' aber mit alten Instrumenten. Tatsächlich fließt der Großteil der Fördermittel in die Bauwirtschaft, in das Transportwesen und in Infrastrukturmaßnahmen. In die Bereiche also, wo vor allem Männer Beschäftigung finden. Das sind aber andererseits nicht jene Branchen, die am härtesten von der Krise getroffen wurden."

Gleichstellungspolitik ist aber nicht nur eine Frage der Frauenrechte und der sozialen Gerechtigkeit, sondern auch eine einfache Kostenfrage: Auf 370 Milliarden Euro schätzt die Europäische Kommission den Verlust, der jährlich durch die fehlende Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt für die EU entsteht. Die Corona-Pandemie verschärft die bereits bestehenden Ungleichheiten.

"Beispielsweise ist in Italien nach dem ersten Lockdown innerhalb von nur zwei Monaten der Beschäftigungsanteil der Frauen von 50 auf 48 Prozent gesunken. Dazu kommt noch, dass in Italien circa 30 Prozent der Frauen nach der Geburt des ersten Kindes aufhören zu arbeiten, weil es nicht genug Strukturen zur Unterstützung der Familien gibt," erklärt Rinaldi. "Wenn wir nicht dafür sorgen, dass 50 Prozent der Bevölkerung Einkommen generieren, dann haben wir auch 50 Prozent weniger Bruttoinlandsprodukt, und die Staaten erhalten 50 Prozent weniger Steuereinkünfte. Dazu kommt noch eine enorme Vergeudung von Talenten. In allen Ländern erwerben Frauen ihren Hochschulabschluss schneller und schneiden bei Prüfungen besser ab. Der Staat investiert in Frauen, indem er ihnen ermöglicht zu studieren, aber er schafft dann nicht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, damit sie auch arbeiten können. Das ist so, als ob jemand in etwas investieren würde, ohne sich davon einen Ertrag zu erwarten."

Half of it

"Half of it" heißt die Initiative im EU-Parlament rund um Alexandra Geese, die sich dafür einsetzt, dass fünfzig Prozent der Corona-Mittel in Gleichstellungspolitik investiert werden sollen, denn schließlich gehe es auch um fünfzig Prozent der EU-Bevölkerung, die ganz eindeutig benachteiligt seien.

"Der Gleichstellungscheck, die Folgenabschätzung, die normalerweise bei jeder EU-Maßnahme, bei der öffentliches Geld vergeben wird, durchgeführt wird, wurde im Bezug auf das Programm 'Next Generation EU' abgelehnt. Das würde zu lange dauern, lautete die Argumentation der vorwiegend männlichen Entscheidungsträger", erläutert die Europaparlamentarierin Geese.

Nicht dafür zu sorgen, dass die Hälfte der Bevölkerung am Erwerbsleben teilnimmt und einen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt leistet, ist wirtschaftlich ineffizient. In ihrer Analyse erklären Elisabeth Klatzer und Azzurra Rinaldi, was passieren würde, wenn lediglich zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in den sozialen Dienstleistungsbereich, etwa das Bildungs- und Gesundheitssystem, investiert würden anstatt in traditionelle Investitionsbereiche wie das Bauwesen: Diese Investitionen in Bereiche mit einem hohen Frauenbeschäftigungsanteil würden mindestens doppelt so viele Arbeitsplätze entstehen lassen wie Investitionen in Bauprojekte. Der Beschäftigungsanteil von Frauen, die ungleich hart von die Corona-Krise getroffen wurden, würde enorm ansteigen, ohne dabei zum Nachteil der Beschäftigung von Männern zu führen.

Menschliche Katastrophe

"Bewusst dort zu investieren, wo wenige Jobs geschaffen werden, ist Geldverschwendung", resümiert die Studienautorin Elisabeth Klatzer. Mitten in Corona-Zeiten in der EU und in Österreich sei es ökonomischer Schwachsinn und menschlich eine Katastrophe, gerade jetzt, wo deutlich wurde, dass die Krankenhäuser ausgeblutet wurden und das Pflegesystem am Rande des Kollapses ist, auf die Frauen zu vergessen. "Unser wertvollstes Gut", so Elisabeth Klatzer, "unsere Gesundheit und unser Leben, wird vor allem von schlecht bezahlten Frauen erhalten, obwohl es ökonomisch besonders effizient wäre, genau da zu investieren." (Christina Höfferer, Christine Pawlata, 17.1.2021)